Spießbürger zu Spitzwegs Zeiten – gemeinfrei

Kann sich noch jemand an den typischen Spießbürger der Nachkriegszeit erinnern? Zumeist gehörte er dem Arbeiter- und Kleinbürgermilieu an und hatte sich in den Wirtschaftswunderjahren zwar nicht gerade mit Reichtum bekleckert, aber es reichte durchaus zu einer standesgemäßen Familie mit adretten Kindern sowie einer ebenso polierten Wohnungseinrichtung. Einmal im Jahr leistete er sich mit seiner Familie einen Urlaub an der Adria oder in den Alpen, und später folgte dann der Stolz der ganzen Familie, nämlich das eigene Auto vor der Tür. Auch wenn die Hersteller von solchen Fahrzeugen durchaus zahlreich waren bleibt doch bis heute ganz besonders der am Steuer seiner Dieselkutsche sitzende Fahrer mit Hut und Zigarre als ideales Abbild des modernen Spießbürgers in Erinnerung, selbstverständlich mit griesgrämigen Gesicht und stets hupend auf seine Vorfahrt bedacht.

Auch machte sich der damalige Nachkriegsspießbürger häufig an anderer Stelle lautstark bemerkbar, indem er nämlich ein Fenster seiner Wohnung aufriss und Kindergeschrei von der Straße mit dem Ruf nach Ruhe und Ordnung übertönte. Auch hörte man ihn öfters beim abendlichen bis nächtlichen lauten Treiben jugendlicher Halbstarke, deren aufsässige obrigkeitsmissachtende Gebärden nach einem Ordnungsruf er mit den Worten quittierte, dass ein kleiner viel zu spät sich selbst erschossener größenwahnsinniger Psychopath mit merkwürdigen Oberlippenbart und Linksscheitel „wieder her müsste“, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen – also eine kleine Version desjenigen, der einige Jahre zuvor Deutschland und die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatte.
Für den minihitlersehnsüchtigen und zumeist inzwischen übergewichtigen Spießer waren sowieso alle Nachkommen ausser den eigenen Kindern, denen noch häufig mit Ohrfeigen Zucht und Ordnung beigebracht wurden, ausschliesslich verlotterte Gesellen mit Hang zur „Hottentottenmusik – bei Hitler hätte es das nicht gegeben!“,  während sie selbst in tiefer Sehnsucht dem allwöchentlichen Sonntagskonzert bei anständiger Blas- und Marschmusik lauschten und von vergangenen Stalingradmärschen und Kameradschaftsabenden träumten. Insofern hat sich der typische Spießbürger des 20. Jahrhunderts immer dadurch ausgezeichnet, dass er gegenüber dem vermeintlichen Verfall der Sitten zumeist ziemlich alten Mist mit Wahrheitsanspruch abgesondert hat, und diese vermeintliche Wahrheit begründete sich stets auf zwei einfache Regeln. Die erste Regel besagte, dass „früher alles besser“ war und die zweite, dass „wir das immer schon so gemacht haben„.

Spießbürger – gemeinfrei

Bei dem Spießbürger des 21. Jahrhunderts ist das erst einmal nicht anders, auch wenn sie nicht mehr so leicht an ihrer typischen Verkleidung mit Zigarre und Hut zu identifizieren sind. Heutige Spießer verstecken sich im Allgemeinen äußerlich unerkannt in der Masse und sind nur hier und da durch besonders spießige Äußerungen zu erkennen, oder sie organisieren sich offen zu einem ideologischen Spießerverein mit Anspruch auf bestimmte Wahrheiten. Die eher unerkannten Spießer finden sich demzufolge in diversen Randgruppen und fallen zumeist nur kurz auf. Da wäre bspw. die Randpartei CSU, in der manche immer noch den alten Werten einer christlichen und homophoben Gesellschaft hinterher trauern und dies auch häufig völlig unpassend äußern. Ebenso am politischen Rand steht die Partei der Linken, wenn auch diametral den Tiefschwarzen gegenüber. Die beherbergt so manchen unverbesserlichen und rückwärtsgewandten Spießer, in dem die ganze Sehnsucht nach der Geborgenheit der vergangenen Zeiten einer sich selbst mit Nachdruck aufgelösten DDR-Gesellschaft steckt und dabei dem Verlust der schönen Zeiten im Dachdecker-Sozialismus nachtrauert.
Doch die schlimmsten der rückwärtsgerichteten postmodernen Spießbürger des 21. Jahrhundert finden sich nicht in konservativen oder ultralinken Kreisen, sondern in der angekommenen Mitte der Vereinigung ökologischer Besserwisser und speisen sich aus den Menschen, die sich dem Muff unter den Talaren von tausend Jahren ausufernd widersetzten und dem Nachkriegsspießertum herbe Schläge zufügten. Sie finden sich heute teilweise bei Greenpeace und den Grünen, in militanten Tierschutzverbänden und Genfeldzerstörern. Erst gestern hatte ich von einer Gruppe hirnverlustiger Schwachköpfe geschrieben, die ihre Vorstellung von militanten Tierschutz so einfältig interpretieren, dass ihnen durch ihre idiotische Tierbefreiungaktion sowohl der zwangsläufige Tod der Tiere, die unkontrollierte Verbreitung genetischen veränderten Erbguts als auch die Verhinderung von Heilungschancen von neurologisch erkrankten Kindern gleichgültig ist. Hauptsache, sie konnten den Kaninchen und Labormäusen zur Freiheit verhelfen.

In ähnlich unfundierter Weise sind Teile von Greenpeace und den Grünen dazu übergegangen, ihre Ideologien  – vor allem in Bezug auf Ernährung und Gentechnologie – wie ein Spießbürger bei aufgerissenem Fenster ohne wissenschaftlichen Hintergrund als ökologische Wahrheit hinaus zu plärren und dabei nicht nur die Forschung in Deutschland zu zerstören, sondern auch die schnelle Hoffnung auf ein Ende des Welthungers. Ihr ökologisches Spießbürgertum hat einen Punkt erreicht, bei dem sie ganz in Tradition der alten Mufftalarspießer an Althergebrachtem festhalten nach dem Motto „früher war alles besser“. Doch das in ihren Augen vorbildliche Spießbürgerverhalten hat sich wie ein Virus auch bereits in viele andere Bereiche verbreitet, bspw. im Sprachbereich, in dem schon Martin Luther Kings Originaltext nicht mehr vorgelesen werden darf, weil die Zuhörer sich wie kleine Kinder nicht nur die Ohren zuhalten, „ein Abwehrreflex, der … an „katholische Nonnen“ erinnerte, „die versehentlich auf Youporn landen„[1], sondern den Vorleser auch noch dazu aufforderten, das in der Originalrede vorkommende N-Wort nicht zu sagen.

Die Teile der 68er Generation, die sich im Kampf um die Vertreibung des spießbürgerlichen Muffs insofern verdient gemacht haben, indem sie sich nicht den größenwahnsinnigen Verführungen einer RAF hingaben und die damalige politische Nachkriegslandschaft mit Nachdruck auf politischem Wege veränderten, haben inzwischen mit ihren Nachkommen zum Teil mehr spießigen Muff angesammelt als die damaligen Talare je hätten aufnehmen können. Heutzutage haben wir in vorderster Front Ernährungsspießer, Genverweigerungsspießer und Biospießer. Überhaupt ist die Naturspießigkeit in einer Intensität vorhanden die seinesgleichen sucht. Von den militanten Tierschutzspießern, denen die sinnlose und tödliche Freiheit der Labortiere über alle menschlichen Bedürfnisse hinweg als einfältige Begründung zum Zerstören ganzer medizinisch wichtiger Forschungsentwicklungen ausreicht ganz zu schweigen. Ganz im Ernst: da waren mir die übergewichtigen Nachkriegsspießbürger doch wesentlich lieber, die sich mit Zigarre und Hut im überdimensionierten Auto griesgrämig die Vorfahrt erhupten und am Wochenende zur Marschmusik mit dem Fuß aufstampften. Die haben ihre Mitmenschen nämlich nach dem Krieg nur geärgert, nicht aber in dem Maße der Gesellschaft geschadet wie die jetzigen Spießbürger des 21. Jahrhunderts.