In dem GWUP-Blog, dessen Betreibergruppe von einem meiner Eso-Kommentatoren auch schon einmal als „gefährliche Sekte“ bezeichnet wurde, findet sich ein Artikel unter dem Titel „Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören„. Darin wird eine Frau zitiert, die „erschrocken“ unter anderem die Äußerungen der GWUP-Skeptiker über nutzlose Homöopathie mit folgenden Worten kritisiert: „Lassen Sie doch jeden Menschen selbst entscheiden, wie er gesund werden möchte. Bei Interesse kann ich Ihnen den ein oder anderen Patienten nennen, der von der Schulmedizin zum Sterben nach Hause geschickt wurde und seinen ganzen Glauben in alternative Behandlungsweisen gelegt haben und genesen sind. Sie würden jetzt antworten: Na, dann war wohl die Diagnose falsch“[1].

Die Dame vermittelt mit dem Geschriebenen den typischen und weit verbreiteten Eindruck, Homöopathie wäre in der Lage, Todgeweihte von der Schippe springen zu lassen. Die Betroffenen müssten sich nur selbst dafür entscheiden. Untermauert wird das mit dem Angebot der Nennung von Patienten mit solchen Erfahrungen. Erfahrungen scheinen jedoch eine insgesamt instabile Sache zu sein, denn die Kritikerin erschreckt sich wohl über die Kaltschnäuzigkeit der GWUP, die mit der Verneinung der Wirkungsweise von homöopathischen Mitteln die Zerstörung des Glaubens und der Hoffnung auf die letzten alternativen Heilungschancen in Kauf nimmt. Insofern müssen die Zuckerkügelchen und die Patienten vor solchen ungläubigen Umtrieben und einer GWUP, die zu rd. einem Viertel aus Ärzten besteht und die nach den Worten der Kritikerin nichts „offensichtlich von den Menschen verstehen, die Sie behandeln„[1], in Schutz genommen werden. Die Erfahrungen mit der Homöopathie gelten als nicht zu hinterfragende Vorgänge, und die sicherlich zufällige Dramatik in der Aussage, dass die Menschen vorher vom Arzt zum Sterben nach Hause geschickt wurden tut ihr übriges, die positiven Erfahrungen mit der Alternativmedizin zu untermauern.

Es ist jedoch keine neue Erkenntnis, dass die genannten Erfahrungen allesamt völlig wertlos sind. Das gilt auch für angeblich durch Homöopathie und anderen Quacksalbereien geheilten unheilbaren Erkrankungen, denn sie unterliegen grundsätzlich und ausschliesslich der selektiven Wahrnehmung. Wie viele der „zum Sterben nach Hause geschickten“ Menschen nämlich trotz diverser Versuche mit alternativen Heilmethoden tatsächlich gestorben sind weiss niemand so recht und wird gerne schnell vergessen. So hört man immer wieder von Menschen, die sich in ihrer Hoffnungslosigkeit allerlei alternativem Nonsens zugewandt haben und letztendlich dennoch  den Kampf gegen die Krankheit verloren haben. Doch die werden nirgends aufgeführt, schon gar nicht von den Freunden alternativmedizinischer Behandlungen, denn schliesslich wird niemand zu einem Patienten sagen: „Der hat es genommen und ist trotzdem gestorben. Nimm es mal, vielleicht hilft es ja bei Dir“. Es wird natürlich immer nur auf positive Fälle verwiesen, und auch die hoffnungslosen Fälle halten Huschi-Fuschi-Freunde nicht davon ab, einem unheilbar Erkrankten das nutzlose Zeug auch noch auf dem Sterbebett einzuflößen.
Genau so schnell wieder vergessen wie die Todesfälle bei der Einnahme wirkungsloser Alternativpräparate sind auch die zahlreichen Fälle um den Betrug mit solchen Mitteln, bei denen unheilbare Kranke von skrupellosen Alternativheilern mit unhaltbaren Versprechungen Hoffnung gemacht und diese finanziell ausgenutzt wurden. Und von den Todesfällen aufgrund der Ablehnung einer medizinischen Behandlung zugunsten der Alternativmedizin spricht kaum jemand, schon gar nicht aus der Homöopathieszene. Doch sobald einem neuen Patienten wieder alternativer Unsinn angedreht werden kann gibt es nur eine Aussage: die Erfahrung zeigt, es wird ihm helfen.

Komischerweise gilt der Erfahrungswert anscheinend nur für die Alternativmedizin. Niemand gibt meinen Erfahrungen recht, die ich in anderen Bereichen gemacht habe. Meine Erfahrung ist nämlich, dass Kettenrauchen zu einem langen Leben führt. Ja wirklich. Am Beispiel von Altbundeskanzler Helmut Schmidt und seine Frau Loki lässt sich eindeutig ablesen, dass man für ein langes Leben Kette rauchen sollte. Mit der Dauerzigarette wird man anscheinend über 90 Jahre alt. Zumal ich noch andere kenne, die als massive Raucher alt wurden. So auch Johannes Heesters, der mit 106 Jahren das Rauchen aufgegeben hat und mit 108 Jahren gestorben ist. Auch in meiner Verwandtschaft haben alle lange geraucht und leben noch. Rauchen ist demzufolge gesund und verlängert das Leben, sagt meine Erfahrung.
Ebenso ist das mit dem fetten Essen. An anderer Stelle hatte ich schon einmal erwähnt, dass meine fast 90jährige schlanke Mutter an der Fleischtheke grundsätzlich Fleisch zurückweist, wenn ihr das nicht fett genug ist. Dem gegenüber muss Grünzeug ungesund sein, denn ich esse vorwiegend Fleisch und verabscheue Grünkram auf dem Teller, und ich war bisher noch nie krank. Das ist meine Erfahrung. Dagegen muss ein gesundheitsbewusstes Leben tödlich sein, denn meine Erfahrung ist durch mehrere Fälle in meiner Umgebung davon geprägt. So ist ein Arzt mit perfekter ausgewogener Ernährung und ausreichend sportlicher Aktivität beim Joggen im Alter von 51 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Ein früherer Nachbar, der nie Alkohol getrunken oder geraucht hatte, sich ausreichend bewegte und stets schlank war, verstarb nach langem Leiden viel zu früh an diversen Krankheiten. Merkwürdigerweise sind jedoch all meine Bekannten, die rauchen oder lange geraucht haben, dem Alkohol nicht abgeneigt sind und auf gesunde Ernährung pfeifen alle noch am Leben und erfreuen sich bester Gesundheit. Meine Erfahrung besagt also, dass fettes Fleisch und Kettenrauchen gesund, ausgewogene Ernährung und Bewegung jedoch tödlich sind. Merkwürdigerweise sagen die Statistiken etwas ganz anderes. Was jedoch interessieren mich Statistiken, denn die 150 Studien in der Homöopathie werden ja schliesslich auch ignoriert und die eigenen Erfahrungen höher bewertet.

Doch tatsächlich sind diese Erfahrungswerte genauso wie in der Homöopathie unbrauchbar. Diejenigen, die aufgrund der Raucherei oder durch Arterienverkalkung verstarben sind schlichtweg vergessen, genauso wie diejenigen, bei denen Homöopathie nichts geholfen hat. Deshalb sind solche angeblich positiven Aussagen bezüglich homöopathischer Heilerfolge völliger Nonsens, wenn wissenschaftliche Untersuchungen etwas völlig Gegenteiliges aussagen. Und das gilt leider auch für die Erfahrung mit alternativem Heilkram als Strohhalm nach der letzten erfolglosen medizinischen Behandlung. Denn dieser Strohhalm wird viel häufiger eine tödliche Erfahrung sein als uns lieb ist.

Siehe auch:
GWUP – Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören
Wissenschaft vs. Erfahrung – Wie funktioniert Wissenschaft?