Bleibt ein Buch mit sieben Siegeln – zumindest für die Bibelforschung – gemeinfrei

Der Papst hat mit dieser Aussage sich oder der Kirche einen großen Gefallen getan. Er hat nämlich während einer Rede vor der päpstlichen Bibelkommission die katholischen Bibelwissenschaftler dahingehend ermahnt, dass die Erforschung der Bibel kein „individuelles wissenschaftliches Unterfangen“ sei, sondern dieselbe stets in die „lebendige Tradition der Kirche” eingebettet bleiben müsse. Das begründet er damit, dass der christliche Glaube im Gesamten gesehen nicht nur von einem Buch abhängig sei, sondern „im Lichte der kirchlichen Tradition und des kirchlichen Lehramts“ gesehen werden müsse.

Diese Aussage ist zwar nicht neu, aber in seiner Deutlichkeit deshalb umso auffälliger, weil der Papst damit nicht nur der echten wissenschaftlichen Bibelforschung eindeutig den Rücken kehrt, sondern damit auch noch klar und deutlich verkündet, dass die Bibel ein Glaubenswerk sei, welches jeder für wahr zu halten habe, und sei es noch so falsch oder gelogen. Die inhaltliche Erforschung der Bibel ist im Endergebnis bereits per definitionem festgelegt, nämlich nach seinen Worten durch die Tradition und dem kirchlichen Lehramt, deren Vorgaben viel schwerer zu wiegen haben als wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Bewegungsfreiheit der Bibelforschung ist demzufolge durch das Lehramt begrenzt. Das bedeutet nichts weiter, als dass die Partei immer recht hat und der Inhalt der Bibel wahr, wahr und wahr ist, notfalls mit autoritärer Unterstützung des katholischen Lehramts sowie der päpstlichen Inquisition.

Forschung nur im Rahmen der Kirchenlehre gemeinfrei

Nun ist es ja nichts Neues, dass die Kirche bisher noch nie viel Wert auf wissenschaftliches Arbeiten gelegt hat, wenn dies den Glaubensinhalten widersprach. Da hat man auch schon mal jemanden in den Kerker geworfen oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen, weil der- oder diejenige sich aus wissenschaftlichen Gründen gegen die Kirchenlehre stellte. Demzufolge ist das in vielen Universitäten verbreitete Theologiestudium in seiner Wissenschaftlichkeit nach wie vor eine reine Farce, denn auch hier darf und durfte nie das Forschen an der Schrift den Lehren der Kirchen widersprechen. Die Theologie ist bis heute nicht ergebnisoffen und demzufolge nach wie vor keine Wissenschaft, und Theologen sind deshalb auch keine Wissenschaftler. Das Theologiestudium hätte im Normalfall in den Universitäten rein gar nichts verloren. Dass dies jedoch immer noch anders gehandhabt wird, war dem immensen politischen Einfluß der Kirchen geschuldet. Inzwischen sollte jedoch die Theologie entweder aus den Universitäten entfernt oder zwingend in die freie Ergebnisoffenheit entlassen werden. In dem Zuge muss auch gleich die Frage nachgeschoben werden, inwieweit der Doktorgrad in der Theologie überhaupt seine Berechtigung hat, wenn dieser lediglich auf die Arbeit eines Doktoranden innerhalb einer begrenzten Lehrmeinung basiert.

Vielleicht ist dem Papst ja endlich klar geworden, dass es nur einen Weg gibt, um den Zerfall der katholischen Kirche zu verlangsamen. Nämlich indem sich die Kirche von der streng definierten Wissenschaft gänzlich trennt und die reinen Glaubensinhalte in den Vordergrund stellt, die per se überhaupt nichts mit Wissenschaft zu tun haben. Das Christentum wird in der Zukunft nur noch bestehen können,wenn sie sich aus der Deutung des Weltgeschehens zurückzieht und auf ihre eigenen Lehren konzentriert. Die gesamte christliche Kirche hat nämlich auch deshalb das Ansehen in der Gesellschaft verloren, weil sie sich ständig in alle Bereiche des Lebens aller Menschen eingemischt hat, und das nicht nur in ethischer, sondern auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Die zunehmend von der Kirche ängstlich beäugte Wissenschaft macht inzwischen vor keinem Heiligtum mehr halt. Eine Wissenschaft, die auch das Allerheiligste respektlos hinterfragt oder – wie es der Bamberger Erzbischof Schick einmal formuliert hat – bereit ist, Gott auf dem wissenschaftlichen Seziertisch zu legen und zerlegen zu wollen, kann sich nur zu einem inneren Feind der Kirche entwickeln. Die respektlosen Wissenschaften, die schon längst durch Nietzsche den Tod und durch Hawking die Nichtnotwendigkeit eines  Gottes postuliert haben, können nicht mehr Teil eines Glaubenssystems sein, in denen dann ein wissenschaftlich zerstörtes Gottesbild der Ursprung des ganzen Apparates wäre.

Schieflage – Kirche vor dem Verfall – gemeinfrei

Insofern ist die Aussage des Papstes konsequent. Er verpasst den wissenschaftlichen Bibelforschern in den eigenen Reihen einen Maulkorb und nimmt ihnen zugleich ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Denn die Bibel ist insich schon inkonsistent genug, als dass die darüber lautgewordenen Zweifel nicht noch weiter durch eine echte wissenschaftliche Forschungsarbeit geschürt werden muss. Deshalb hat der Papst das wissenschaftliche Arbeiten an der Bibel auf einen Nenner gebracht: Maul halten und im Sinne der Kirche forschen. Alles andere beschädigt nur die tönernen Füsse, auf denen die Kirche sowieso schon steht.
Der Niedergang der christlichen Kirche kann nur dann aufgehalten werden, wenn sie sich auf den Glauben beschränkt und das Wissen anderen überläßt. Die Kirche ist schon lange nicht mehr in der Lage, wissenschaftliche Erkenntnisse und biblische Schöpfungslehre unter einen Hut zu bringen. Alle dahingehenden Versuche, die ihre kruden Auswüchse bspw. im Kreationismus finden, scheitern nicht nur, sondern geben die Religionsgemeinschaft auch noch einer Lächerlichkeit preis die seinesgleichen sucht. Insofern ist es wirklich besser, die Kirchen ziehen sich auf den von mir bereits vor einiger Zeit vorgeschlagenen Weg des einfachen Glaubens im Sinne des Wortes zurück und kümmern sich nicht mehr um Wissenschaft. Dann könnten Gläubige einfach wieder an einen Gott glauben. Beweise bräuchte es dafür nicht.

Siehe auch:
Naturwissenschaft vs. Religion – der Unterschied und die selbstverschuldete Verdrängung
Naturwissenschaft vs. Religion II – die Unvereinbarkeit und der Lückengott
Naturwissenschaft vs. Religion III – Die Unvereinbarkeit als Vorteil
Christliche Kirchen wehren sich gegen ihre zunehmende Bedeutungungslosigkeit
Praktizierte Todsünden