Gestern hatte ich einen Artikel über reglementierungswütige Gesundheitsfetischisten geschrieben und sie dabei ein wenig mit fettigen Pommes und ranziger Mayonnaise (doppelte Portion!) beworfen, alldieweil im derzeitigen Trend der pflanzenkauenden Zunft die Diffamierung von Fleischessern zu klimavernichtenden und energiefressenden Ungeheuern  in Mode ist, verbunden mit dem Vorwurf übergewichtiger Herzverfettung und arterienverkalkender  Krankheitskostenverursacher. In den Kommentaren erschien dann sogleich eine Beschwerde über diverse Tischmitsitzer, die es nicht lassen können, in Gaststätten und/oder bei Diskussionen den vegetarisch zugeneigten Tischnachbarn allerlei Vorhaltungen zu machen, warum sie gerade dieses Essen bevorzugen und nicht das eigene, dass doch um soviel nahrhafter sei.

Dass Vegetarier oder Veganer Zielscheibe solcher intoleranten Tischgespräche werden können ist genauso gegeben wie der umgekehrte Fall, bei dem der Fleischesser beim genüßlichen Kauen seines blutigen Steaks mit allerlei Vorwürfen ob seiner vermeintlich unmenschlichen und angeblich ekelhaften Ernährungsangewohnheiten zu kämpfen hat. Nun ist natürlich die Frage, warum diese eher sinnlosen Tischkämpfe von beiden Seiten immer wieder ausgefochten werden müssen, bei denen sich manche gar gegenseitig mit Gemüsebürger und Schnitzel bewerfen. Schliesslich ist es ja auch nicht üblich, dass Wein- und Bierliebhaber an einem gemeinsamen Tisch ob des verschiedenen Geschmacks und der Ansicht, das jeweils andere Getränk sei ja völlig daneben und nur das eigene wäre das richtige Getränk, sich gegenseitig die Flüssigkeiten in´s Gesicht schütten. Kaum jemand verliert ein Wort über die Trinkgewohnheiten des Tischnachbarn, es sei denn der Betreffende benötigt zum Schwanken die Hälfte der gesamten Tischplätze und reißt letztendlich als persönlichen Hinweis für den eigenen überfälligen Aufbruch nach Hause das Tischtuch samt Gläser beim Absacken unter den Tisch herunter.

Doch so krass sind speisende Gäste in Restaurants gewöhnlicherweise nicht. Dennoch kommen manche nicht umhin, dem jeweils anderen einen Vortrag über das richtige Essen zu halten, und man fragt sich zwangsläufig, warum diese Diskussionen so zugenommen haben bzw. warum man den anderen nicht einfach das essen lässt, was er mag.
Dafür gibt es diverse Gründe, die tatsächlich eher in den 70er Jahren zu suchen sind, nämlich in der Entwicklung idealistischer bis ideologischer Wahrheitsansprüche über den richtigen Umgang mit der Natur und der eigenen Gesundheit, aus denen Organisationen wie Greenpeace und die Grünen entstanden sind. Diese hatten nämlich von Anfang an in ihren Programmen ganz konkret ihre Einstellung zur Natur und der Umgang mit ihr als indoktrinierende Wahrheit zementiert und später jahrelang der Gesellschaft eingetrichtert. Dazu zählt neben den neueren Dingen wie die böse Genforschung schon lange die idiotische Vermenschlichung von Tieren genauso wie das Propagieren einer völlig abwegigen und fast einheitlichen Gesundheitsernährung – selbstverständlich ohne Fleisch, und das nicht nur wegen des „armen“ Tieres. Viele dieser daraus entstandenen Bewegungen halten sich demzufolge für rechtschaffende Gruppenmitglieder mit einheitlich selbstberuhigtem Gewissen, weil sie durch den Fleischverzicht angeblich Energie sparen und das Leben der Tiere schützen. Dagegen werden Fleischesser eher zu denen gezählt, die rücksichtslos die Natur ausbeuten und den Tod der „armen“ Tiere nicht scheuen, um völlig unmoralisch ihre eigene Gefrässigkeit zu stillen.

Steak mit Pommes
gemeinfrei

Alleine dieser Vorwurf des fleischfutternden rücksichtslosen Ungeheuers erweckt das Ansinnen der Betroffenen, sich grundsätzlich gegen solche vermeintlich latenten Unterstellungen zu wehren, indem bspw. der Fleischesser dem Fleischverweigerer dauerhaft indoktrinierte Denkbeschränkung unterstellt und womöglich das Steak beim Kellner extra blutig bestellt, um seine Abneigung gegenüber dem Fleischverweigerer zu verdeutlichen.
In dem Zuge fällt auch ein großer Unterschied auf. Die Aussage mancher VegetarierInnen nämlich, sie würden kein Fleisch essen, weil sie es nicht mögen, ist viel selbstverständlicher akzeptiert als die Aussage des Fleischessers, dass er Fleisch gerne isst. Das ist nämlich in den Augen vieler deshalb nicht akzeptabel, weil nämlich wegen der Fleischvorliebe eine ganze Maschinerie an Landwirten, Schlachtern und Vermarktern benötigt wird. Und die fressen Energie und töten Tiere. Und das ist per definitionem schlecht. Insofern ist das Ansinnen der Kommentatorin von gestern, man möge doch einfach sagen, ‘ich ess es gerne weils mir schmeckt und ich deshalb nicht drauf verzichten mag!’ (1) eine reine Selbstverständlichkeit, denn es wird niemand im Normalfall Fleisch essen, wenn er es nicht mag. Und doch wird diese Aussage zumeist nicht als selbstverständlich akzeptiert, weil damit Tod und landwirtschaftlicher Energieteufel verbunden sind.

Insofern ist die Intoleranz der fleischessenden und fleischablehnenden Tischnachbarn auf beiden Seiten gleich verteilt, und sicherlich wird in manchen Situationen der Unterschied übertrieben vertreten. So entstehen gedankliche Fronten am Tisch, die oft tatsächlich deshalb unnötig sind, weil viele schlichtweg eine geschmackliche Abneigung oder Vorliebe für Fleisch haben und sonst keine weiteren Hintergründe vorherrschen. Doch das geht in dem Spiel zwischen Dauervorwürfen und Abwehr auf beiden Seiten häufig unter. Deshalb sollte für einen netten Abend das Thema Fleisch oder nicht Fleisch einfach ausgespart werden. Und erst dann, wenn eine der beiden Seiten mit den ganzen idiotischen Argumenten aufwartet, warum der oder die Andere Fleisch oder kein Fleisch essen sollte, erst dann ist es zu empfehlen, für einen aufregenden Abenteuer-Abend sich gegenseitig mit Gemüse und Fleischstücke zu bewerfen. Manchmal geht das auch mit einer ganzen Kuh…

Siehe auch:
Gesundheitsfetischisten