Autism awareness ribbon – gemeinfrei

Nachdem ich mich gestern mit einem schon vor längerer Zeit bei Psiram entdeckten humorigen Eintrag über Panflöten thematisch austoben konnte und inzwischen jedem Leser klar sein wird, dass der Artikel gestern ein reiner Aprilscherz war, wende ich mich heute passend zum Welt-Autismus-Tag einem Thema zu, welches mich schon länger mehr als interessiert – oder sagen wir besser „beeindruckt“. Seit einiger Zeit lese ich mit großem Interesse und zunehmender Neugierde regelmäßig in Blogs autistischer AutorInnen, wobei ich eher sagen muss, dass ich die Artikel eigentlich nicht nur lese, sondern förmlich aufsauge oder verschlinge. Trotz aller Distanz zu ihrer Umwelt, die unbestreitbar bei jedem von ihnen vorhanden und immer wieder durch klare gedankliche Trennlinien eine deutliche Abgrenzung zu ihrer Umwelt zu erkennen ist, schreiben sie in einer Klarheit und Ausführlichkeit über sich selbst und ihren Erfahrungen mit dem Autismus, der ihresgleichen sucht.

Da ich inzwischen einiges von ihnen gelesen und gelernt habe bestätigt sich meine bisher unterschwellige Annahme, dass der Autismus selbst, vor allem in Verbindung mit bei Asperger-AutistInnen vorkommenden Hochbegabung, keine Behinderung oder gar Krankheit im eigentlichen Sinne ist, sondern eine aus dem Durchschnittsrahmen fallende Andersartigkeit, deren Wert die meisten (Mit-)Menschen nicht erkennen bzw. erkennen können, weil sie selbst in diese teils komplexen Denkstrukturen nicht hineinreichen können. Gleichwohl haben AutistInnen mit vielen verschiedenen Auswirkungen zu kämpfen, die durchaus als Schwierigkeiten bezeichnet werden können, seien es in unterschiedlichen Fällen motorische Störungen, körperliche oder akustische Hypersensibilitäten oder die Unmöglichkeit, emotionale Gesichtsmimik wie Freude oder Traurigkeit zu erkennen bis hin zu den Schwierigkeiten, in dem für den Durchschnittsmenschen normalen Umfang zu kommunizieren. Doch das Unglück, welches im Prinzip irgendwann über jede AutistIn hereinbricht ist vorwiegend ein gesellschaftlich gemachtes. AutistInnen wird nämlich, egal in welche psychologische Klassifizierung sie fallen, nicht nur zumeist die nötige gesellschaftliche Anerkennung versagt, sondern sie werden auch noch häufig als sozial merkwürdige oder schwierige Menschen betrachtet oder abgelehnt. Oft haben Menschen aus deren familiären Umfeld überhaupt kein Verständnis für die verschiedenen Schwierigkeiten, mit denen hochbegabte AutistInnen zu kämpfen haben und geben lediglich die landläufige banale Empfehlung, sich „zusammen zu reissen„. Der auf solch dauerhaftes Unverständnis folgende Rückzug der Betroffenen aus Familie und Gesellschaft ist das zwangsläufige Ergebnis. Das soziale durchschnittliche Umfeld reicht im Allgemeinen verstandesgemäß nicht an die andersartige Betrachtungsweise der AutistInnen heran, und insofern wird im Laufe der Zeit die Lücke zwischen beiden immer größer. Zusätzlich ist es bis heute ein fragwürdiges Unterfangen, dass die rechtlichen Bestimmungen über den Autismus nach wie vor von Menschen vorgenommen werden, die Autismus zwar aufgrund ihres professionellen Berufes klassifizieren können, intellektuell den AutistInnen aber absolut nicht folgen können und ihnen somit keineswegs gerecht werden. Insofern gilt der Autismus heute immer noch versicherungsrechtlich als geistige Behinderung, was er definitiv trotz mancher Schwierigkeiten in anderen Bereichen nicht ist.

Das schlimmste jedoch ist, dass AutistInnen oftmals Fähigkeiten vorweisen können, welche die Gesellschaft unbeachtet verkümmern lässt. Die am Anfang des Artikels von mir beschriebene bei autistischen BloggerInnen entdeckte Klarheit und Deutlichkeit, bestimmte Vorgänge präzise und ohne Umschweife, Hintergedanken oder Verschnörkelung völlig authentisch zu beschreiben ist eine Sache, bei der ich mich fragen muss, was noch alles in ihnen steckt. Wenn sie schon sich selbst so präzise klar beschreiben können, wie mag das erst bei dem Verständnis gegenüber anderen Vorgängen und Dingen sein? Ich frage mich dabei immer, auf welche Art und Weise sie etwas betrachten können, was mir womöglich verschlossen ist. Insofern verschwendet die Gesellschaft aufgrund der vorwiegenden Unfähigkeit, mit aus dem gesellschaftlichen Rahmen fallenden Menschen umgehen zu können unglaublich viele Fähigkeiten. Eher gibt sich die Gesellschaft alle Mühe, bei den AutistInnen das Gefühl zu hinterlassen, sie seien krank oder behindert. Nicht umsonst macht es unter AutistInnen die Runde, das der von der Buchautorin Jasmine O’Neill geprägte Spruch die Schwierigkeiten der Autisten präzise beschreibt: “Der Autismus an sich ist keine Hölle. Die Hölle entsteht erst durch eine Gesellschaft, die sich weigert, Menschen zu akzeptieren, die anders sind als die Norm, oder diese Menschen zur Anpassung zwingen will“ (2001, S.71)

Insofern verstehe ich nicht, warum AutistInnen bis heute versicherungsrechtlich zu den Behinderten zählen. Auf der Webseite der Asperger-Autistin Sabine Kiefner hat sie zum Welt-Autismus-Tag 2012 in ihrem Artikel von einem unhaltbaren Zustand geschrieben, nämlich dass auf Tagungen viel über AutistInnen gesprochen wird, aber nie mit ihnen. Kiefner: „Es wird auf zahlreichen Tagungen zwar immer wieder über Autismus informiert, über die Probleme autistischer Menschen gesprochen (wobei die Kinder im Vordergrund stehen und die Problematik erwachsener AutistInnen kaum erwähnt wird, so, als höre Autismus im Erwachsenenalter auf) und über Möglichkeiten einer adäquaten Unterstützung durch Therapien und anderen Formen der Eingliederungshilfe, aber es wird in der Regel über uns gesprochen – nicht mit uns.“ Insofern bemängelt sie zu Recht: „Entscheidungen werden nicht gemeinsam getroffen, sondern ohne unser Mitwirken“ (Quelle).

Ich frage mich, warum sich niemand die Mühe macht, von ihnen zu lernen und sie im Gegenzug gezielt zu fördern sowie auf den Gebieten konkret zu unterstützen, in denen sie Hilfe benötigen. Die gesellschaftliche Ablehnung ob ihrer Andersartigkeit verhindert nicht nur komplett andere Sichtweisen und Erkenntnisse, sondern auch eine Weiterentwicklung der zahlreichen Fähigkeiten hochbegabter AutistInnen.
Ich möchte ihre Gedankenwelt und Sichtweisen kennen lernen und ich möchte ihre Denkstrukturen verstehen lernen, soweit es mir möglich ist. Und ich möchte von ihrer Hochbegabung profitieren um die Welt oder Teile davon auf eine ganz andere Art und Weise kennen zu lernen.  Liebe AutistInnen, ihr habt soviel zu bieten, ich will von euch lernen!

Der folgende TED-Beitrag (TED = Technology, Entertainment, Design) entspricht genau meiner Bitte, nur wird sie von der Autistin Temple Grandin gestellt, der im Kindesalter Autismus diagnostiziert wurde. Ihre Denkweise zeichnet sich besonders im „Denken in Bildern“ aus und erlaubt ihr vom gewöhnlichen Gehirn unerkannte Probleme zu lösen. Sie setzt sich für den Standpunkt ein, dass die Welt Menschen aus dem Spektrum des Autismus braucht: die visuellen Denker, die Musterdenker, die verbalen Denker, und alle Arten von schlauen, aber unbeholfenen Kindern. Sehenswert und mit deutschen Untertiteln!

TED – Ideas worth spreading

Siehe auch:
Faith Jegede: Was ich von meinen autistischen Brüdern gelernt habe
Ich bin Autistin – Asperger-Syndrom bei Frauen – Gedanken zum Welt-Autismus-Tag (vom 2.04.2012)