In einer Zeitung, die hier aus Gründen des Leistungsschutzgesetzes nicht mehr genannt wird, wurde der neue Papst Jorge Mario Bergoglio vor einiger Zeit von einem Journalisten in einem Artikel als „alter Sack“ bezeichnet, ebenso sein Vorgänger Ratzinger. Dieser Artikel hatte seinerzeit eine Art „Sack-Gate“ initiiert und viele zustimmende als auch ablehnende Reaktionen hervorgerufen.
Eine solche Bezeichnung für wen auch immer in einer Zeitung ist mehr als fragwürdig, aber ich möchte hier keineswegs auf die Motivation des Journalisten eingehen. Die erscheint mir genauso bedeutungslos und unwichtig wie die Kommentare, denen sich der Autor des Artikels nicht wirklich stellt. Jeder der im „Sack-Gate“ Mitwirkende wird seine Gründe haben, sich bis zur aggressiven Zustimmung zu Äußerungen hinreissen lassen, bei denen so manche neutrale LeserInnen nur den Kopf schütteln können.

Sicherlich ist in den letzten Jahren oder Jahrzehnten der Respekt vor der Kirche und seinen Amtsträgern zunehmend geschwunden, und das ist im Prinzip auch gut so. Den starren und rückwärtsgewandten Regeln der Kirche  mit ihrer daraus resultierenden auf die Gesellschaft übergriffigen moralischen Deutungshoheit, ob in Sachen Ehe, Abtreibung, PID, Sexualität oder bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften muss unbedingt etwas nicht nur politisch entgegen gesetzt werden. Diese Deutungshoheit, deren Legitimation sich die kirchlichen Amtsträger aus dem alten und völlig überholten Buch der Bibel holen, also aus einem zusammengeschusterten Werk längst verblichener Schreiberlinge mit rückständigen und primitiven Traditionen, muss ihre Wertschätzung als moralische Grundlage in einer sich weiterentwickelnden Gesellschaft zwangsläufig verlieren. Da brauchen wir gar nicht nach der in der Bibel erwähnten und mit dem Tode bedrohten Homosexualität zu schielen, da können wir gleich andere, viel heftigere Regeln heraussuchen, die schon längst ihre Gültigkeit verloren haben und für die sich heutzutage allenfalls noch zurückgebliebene Fundamentalisten interessieren.

Insofern ist es selbstverständlich legitim, Kritik an der Religion und im speziellen an dem christlichen Popanz zu üben, und das auch heftig und laut. Es wird aber immer dann widerlich, wenn es nicht mehr gegen die Sache geht, sondern gegen die Menschen, die mit oder in der Religion leben. Und da spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um einen einfachen Religionsangehörigen, einen Bischof oder um den Papst handelt. Jemanden wegen seines religiösen Amtes und seines Alters als „alten Sack“ zu bezeichnen ist nicht nur ein idiotisches argumentum ad hominem, also gar kein Argument, sondern auch noch ein Zeichen fehlenden Respekts gegenüber der Würde des Menschen Jorge Bergoglio. Und es ist mir immer wieder unbegreiflich, wie Menschen, die man für einigermaßen gebildet hält und denen man gerne eine gewisse Seriosität unterstellt plötzlich so tief in´s Klo greifen und sich auf eine Art und Weise äußern, bei der sie ihren gesamten Anstand verlieren. Natürlich kann jeder agieren wie er möchte, aber ich persönlich ziehe Menschen vor, bei denen man nicht damit rechnen muss, dass sie plötzlich aus einer Laune heraus auf den Fussboden pinkeln und das als besonders geistreiche Meinungsäußerung verkaufen wollen, denn letztendlich ist ein solches Benehmen nichts weiter als eine Verbalflatulenz von in der Pubertät persistierten Menschen. Mit solchen Menschen möchte ich nicht einmal das Etikett des Atheisten teilen.

Siehe auch:
Für fünf Pfennig Anstand bewahren
Atheistische Irrwege
Ein Argument, das keines ist.