Wenn ein Blogger einen Artikel zu einem bestimmten Thema schreibt, dann vertritt er im Normalfall seine persönliche Meinung. Im Gegensatz zu Journalisten sind Blogger aber auch in der Nähe zu dem Thema frei. Dass heisst, sie dürfen sich entgegengesetzt dem berühmten Spruch von Hanns-Joachim Friedrichs auch einer Sache annehmen oder sich diese zu eigen machen [1], egal ob die Sache gut oder schlecht ist. Selbstverständlich müssen sie das nicht und oft tun sie es auch nicht. So kommt es also auch bei Bloggern häufig vor, dass sie sich schriftlich zu einem Thema Gedanken machen, in das sie überhaupt nicht involviert sind und trotzdem eine Meinung dazu haben.

Nun mag nicht immer eindeutig zu erkennen sein, inwieweit der Autor in seinem Artikel seine persönliche Betroffenheit vertritt. Das ist im Prinzip auch für den Leser nicht sonderlich wichtig, denn der liest sich im Normalfall durch den Beitrag und bewertet ihn letztendlich als gut oder schlecht, interessant oder langweilig. Die Motivation hinter dem Geschriebenen wird in der Regel nicht hinterfragt. Das ändert sich dann aber schlagartig, wenn es sich um Themen handelt, die im Mainstream als sensibel oder gar moralisch tabuisiert gelten. Das ist bspw. bei sexuellem Kindesmissbrauch oder Inzest häufig der Fall. Lange Zeit tauchte das auch bei dem Kampf um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften auf und derzeit ist das immer noch beim eigentlich schon längst geklärten Adoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen Ehen zu beobachten. Am deutlichsten jedoch trat das beim damaligen Missbrauch mit dem Missbrauch Anfang der 90er Jahre zutage, bei dem der sexuelle Kindesmissbrauch von verschiedenen Gruppen instrumentalisiert wurde. Zur damaligen Zeit gab es eine große Anzahl von Journalisten, die von vorne herein jeden Artikel gegen den Missbrauch des Missbrauchs erst einmal mit einer persönlichen (Un-)Betroffenheitserklärung einleiteten. Diese Erklärung war eine Voraberklärung an die Leser, dass der Autor des Beitrages persönlich sexuellen Kindesmissbrauch ja auch ganz schlimm und unentschuldbar findet, um dann gefahrlos und ohne persönliche Verdächtigungen gegen den Missbrauch des Missbrauchs anschreiben zu können. Diese persönliche Entlastung musste gezielt eingesetzt werden, denn ansonsten wären die über Leserbriefe eingegangenen Unterstellungen seitens der emotional betroffenen Leserschaft, der Autor sei wohl auch einer „von denen“, kaum zu bewältigen gewesen.

Renate Formanski
Die Betroffenheit – gemeinfrei

Solche schriftlichen Entlastungseinleitungen sieht man heutzutage eher selten, gleichwohl findet man die Forderung nach einer persönlichen Positionierung zu einem empfindlichen Thema immer wieder in den Kommentarspalten von Blogs, in denen Kommentierende sich manchmal argumentativ nicht auf der sachlichen, sondern auf der emotionalen Ebene bewegen. Diese emotionale Ebene hat bei moralisch sensiblen Themen zumeist eine äußerst anrüchige Komponente, denn sie vertritt eine Art moralische Mainstreamwahrheit, die in ihrer Begründung lediglich den angeblich gesunden Menschenverstand findet und gleichzeitig aus der persönlichen Empfindung eine selbstverständliche gesellschaftliche Wahrheit projiziert, die unumstösslich für alle gültig sein soll. Eine solche Denkweise folgt letztendlich aus der Annahme, der jetzige moralische Stand sei der am weitesten entwickelte, eine Abkehr zu anderen Strukturen kann nur falsch und „unmoralisch“ sein.
So dauert es im Allgemeinen nicht sehr lange, bis die ersten Kommentierenden dem Blogschreiber bei besonders heiklen oder morallastigen Themen und einer aus dem gewohnten Rahmen fallenden Betrachtungsweise innere Motivation unterstellen und zumeist eine persönliche Stellungnahme fordern, oft mit der offenen Begründung versehen, dass der „vernünftige“ Mensch nur „eine moralisch richtige“ Einstellung haben kann, alles anderen sei aus der persönlichen Empfindung oder Nichtvorstellbarkeit heraus schlichtweg falsch oder gar pervers. Doch im Prinzip ist das nichts weiter als die Offenbarung einer starrsinnigen Traditionalisten-Mentalität in Verbindung mit fehlenden logischen Argumenten, dem sich die Kommentierenden selbst zumeist gar nicht bewusst sind. Die persönliche Betroffenheit reicht den meisten als Argumentation völlig aus ganz nach dem Motto: „Ich empöre mich, also liege ich richtig“. Dass dies jedoch letztendlich auch nur zu den Spielarten der versuchten emotionalen Erpressung gehört, hatte ich bereits vor längerer Zeit beschrieben.

Den Wünschen nach einer persönlichen Stellungnahme zu bestimmten morallastigen Themen ignoriere ich inzwischen grundsätzlich und gebe keine Auskunft. Wenn jemand nicht in der Lage ist, sich zu einem Thema mit logischen Argumenten und ohne persönliche Betroffenheit zu äußern, dann gehe ich ihm zwar nicht aus dem Weg, aber ich erlaube mir meine Meinung zu dem Thema ohne Rücksicht auf die emotionale Betroffenheit des Gegenübers zu äußern. Verletzte Gefühle aufgrund der Verletzung moralischer Vorgaben interessieren mich in Diskussionen nicht. Der Glaube, persönliche moralische Vorstellungen enthielten eine abschliessende Wahrheit, ist im Prinzip nicht nur der Preis fehlender Informationen oder gar fehlender Bildung, sondern auch immer ein Zeichen von anmaßender Selbstüberschätzung.

Siehe auch:
Emotionale Erpressung – eine Anleitung
Emotionale Erpressung II – Erkenntnisse
Emotionale Erpressung III – klare Einblicke und Auswege
Das Ärgernis der emotionalen Betroffenheit