Eheringe – gemeinfrei

Nachdem das Bundesverfassungsgericht eindeutig die Gleichstellung des Adoptionsrechts für gleichgeschlechtliche Paare angemahnt hat, laufen konservative Vertreter aus Kirche und Politik  aufgeregt wie die Hühner im streng riechenden Misthaufen der Traditionen wild durcheinander hin und her und fürchten nun die Entsorgung der sakramentsbeladenen und traditionsreichen Sonderstellung der Institution Ehe auf dem Acker der kulturellen Geschichte.

Das liegt wohl nach wie vor daran, dass bis heute in den Köpfen konservativer Traditionskonservatoren die Ehe mit ihren ursprünglich christlichen Moralvorstellungen wie ewige Treue und der sakramentalen Einmaligkeit als besonderer Hort familiärer Geborgenheit gilt. Dazu kommt noch, dass unter diesen moralischen Werten die Ehe angeblich ausschliesslich in der Besetzung durch Mann und Frau dazu in der Lage ist, eine Familie zu gründen bzw. im Sinne seiner Besonderheit zu führen. Schliesslich besteht nach konservativen Wunschvorstellungen die Familie bis heute in seiner ursprünglichsten Form als angeblicher Beweis für eine intakte Gesellschaft, auch wenn schon die Hälfte aller aufgelösten Ehen diese moralischen Werte ad absurdum geführt haben. Doch trotz dieser banalen Veränderung der Ehe zu einer reinen und oftmals zeitlich begrenzten Steuergemeinschaft hat die alte kulturell tief eingegrabene Vorstellung in vielen christlich-konservativen Köpfen eine breite Spur verkrusteter Sonderstellungsdogmen hinterlassen, sozusagen eine Spur der Wüste der Moderne, und diese Überbleibsel vertrockneter altchristlicher Werte können die Denker nicht einmal selbst argumentativ begründen. Deshalb gilt die Ehe per definitionem als pure Tradition, deshalb kann Ehe nur zwischen Mann und Frau bestehen und deshalb ist idealerweise die heile Familie nur unter dem Mantel einer solch definierten Ehe zu finden. Basta!
Aussagen in diese Richtungen sind vielfältig, die Begründungen dahinter entsprechend dürftig, eine wirkliche Argumentation nicht vorhanden. Ausser umfassendem Geschwafel mit den entsprechenden Hinweisen auf alte Traditionen oder einem angeblich notwendigem Schutz der Mann-Frau-Ehe gibt es überhaupt keine guten und überzeugenden Argumente, warum an dem christlich-konservativen Verständnis von Ehe in seiner jetzigen Form festgehalten werden soll. Wieso auch nur eine (bürgerliche) Ehe davon beeinträchtigt werden könnte, wenn gleichgeschlechtliche Partnerschaften diese ebenso vollziehen, hat sich bisher jeder Argumentation entzogen. Stattdessen hört man „Sakrileg, Sakrileg!“

Es gibt kein einziges gutes Argument, ihnen die Ehe zu verwehren – gemeinfrei

Der Vorbehalt der vielgepriesenen Sonderstellung der Institution Ehe für Mann und Frau ist schlichtweg nicht begründbar, und wenn jemand einen Grund nennt, so finden die sich zumeist im religiösen oder im kulturellen Wertebereich wieder. Zu mehr als solchen fadenscheinigen Begründungen war auch die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche bei Günther Jauch nicht fähig. Dort meinte sie, dass die Politik nicht so tun sollte, als „sei Ungleiches gleich“ und „untermauerte“ diese leere Aussage sogleich mit einer weiteren Hohlfloskel, nämlich dass Menschen schnell verwitwen würden, wenn sie sich mit dem Zeitgeist vermählen. Im Dreschen von leeren Phrasen scheint sie in jedem Falle geübt zu sein, denn natürlich durfte letztendlich der Satz nicht fehlen, dass die Gleichstellung homosexueller Paare eine Diskreditierung der bürgerlichen Familie sei. Abgesehen davon, dass die letzte Aussage schlichtweg diskriminierend ist, liefern sie kein einziges wirklich auch nur kurzzeitig nachdenkenswertes Argument für den Erhalt der Sonderstellung der Ehe. Das Herumreiten auf einer altchristlich geprägten und inzwischen völlig überflüssigen Tradition ist jedenfalls argumentationslos, weil Tradition als Selbstzweck per se überflüssig ist.

Letztendlich begründet sich dieses Festhalten an der ach so wichtigen Sonderstellung der Ehe einzig und allein auf vergangene ideelle Werte, die jedoch keine Bedeutung mehr für eine moderne Gesellschaft haben. Die Ehe ist weder unauflöslich noch heilig, kein Bund für´s Leben und kein Sakrament, sondern schlichtweg ein rechtlicher Zusammenschluss zur Gründung einer Familie auf Zeit mit entsprechenden steuerlichen Vorteilen. Eine solche Gründung ist zu Recht bald völlig unabhängig vom Geschlecht der Teilnehmer möglich, völlig pragmatisch, völlig neutral, völlig areligiös. Die Ehe als heilige sakramentale Institution mit der Ausschliesslichkeit von Mann und Frau in einer als unbedingt bewahrenswert hochstilisierten Wertigkeit ist tatsächlich nichts weiter als traditionsreicher und völlig überholter Blödsinn und muss gnadenlos zerstört werden, denn letztendlich blockiert diese Tradition die Modernisierung der Gesellschaft. Die alten ehelichen Werte sind sowieso längst beim Teufel, weil sich bis auf ein paar rückwärtsgewandte Konservative niemand mehr dafür interessiert.

Glücklicherweise ist unser Bundesverfassungsgericht moderner und weitsichtiger, als es die meisten konservativen Politiker je waren, und glücklicherweise zwingt sie das Verfassungsrecht zur Modernisierung, ob sie wollen oder nicht. Es wird jedoch auch Zeit, den ehelichen Sonderstellungs-Misthaufen in den Köpfen der Politiker als übelriechende Tradition auf dem Acker der Geschichte zu entsorgen, denn der Geruch des Traditionellen macht im Kreis moderner Menschen schneller einsam, als man denkt…

Siehe auch:
Tradition! Tradition! Tradition!
Die überflüssige Institution Ehe
Traditionelle Diskriminierung
Der geistige Mißbrauch der Natur

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