Eigentlich mag ich mich ja zum politischen Tagesgeschäft  oder über politischen Themen gar nicht äußern, aber in diesem Fall mache ich heute die berühmte Ausnahme, auch wenn es gar nicht so wirklich um ein politisches Thema geht. Eher geht es um die zumeist ziemlich direkten und gar nicht diplomatischen Äußerungen von Peer Steinbrück, der das Wort „Klartext“ auf seine Kanzlerkandidats-Fahnen geschrieben hat. Nach der Italienwahl soll er gesagt haben: „Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben“. Sicherlich mag das ziemlich respektlos gegenüber wohlverdiente und seriöse Zirkusclowns sein, aber im Prinzip gehören solche Äußerungen zu den erfrischenden Statements eines Menschen, der von sich behauptet, Klartext zu reden.

Nun ist Klartext aber selten diplomatisch. Insofern hat der italienische Staatspräsident pikiert ein Treffen mit Steinbrück abgesagt und – was weitaus schlimmer ist – später der Direktor des Cirkus Roncalli, Bernhard Paul mit dem Satz „Ein Zirkusclown ist kein Depp, den man auf eine Stufe mit Berlusconi stellt“  eindeutig in einem offenen Brief an Steinbrück sich von Berlusconi distanziert und seinem gehörigen Unmut über „Peerlusconis“ unpassende Äußerung Luft gemacht. Offenbar hat Paul es als Beleidigung empfunden, von Steinbrück indirekt mit dem Bunga-Bunga-Eskapadenminister Silvio Berlusconi verglichen zu werden, was ja irgendwie nachvollzogen werden kann.
Doch Peer Steinbrück ist für seine große Klappe intellektuellen undiplomatischen Sprachfähigkeiten bekannt und wird dafür auch von einem Teil der Bevölkerung gemocht (von „geliebt“ wird man bei Steinbrück wohl nie sprechen können). Empfindsame Zeitgenossen jedoch lehnen ihn zuweilen ab oder hassen ihn gar. So hat er in Zeiten der großen Koalition unter Bundeskanzlerin Merkel als Finanzminister gegenüber Steueroasen von der „siebten Kavallerie in Fort Yuma“ gesprochen, von deren Existenz die „Indianer“ nur Kenntnis haben müssten, was umgehend zu diplomatischen Verstimmungen mit den nicht direkt angesprochenen empfindsamen Schweizern ausweitete, aber auch zu einem Erfolg seines Handelns führte. Aus diesem Grund und den sich häufiger wiederholenden fettnäpfchentauglichen Äußerungen Steinbrücks sehen manche in ihm gar den Problem-Peer, wenn er denn wieder in eine angebliche Bärenfalle tappt und wegen seiner großen Klappe womöglich ein Bein verliert.

Doch als Steinbrücks politischer Ziehvater gilt der ebenso verbal hartgesottene Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt, seinerzeit auch gerne von seinen Gegnern „Schmidt Schnauze“ genannt,  der Journalisten schon mal öffentlich als Schmeißfliegen und die um das Signieren seiner Bücher bittenden Fans als lästig bezeichnete. Seine inzwischen verstorbene Frau Loki Schmidt sagte einmal in einem Interview, dass sie die vielen verbalen Verletzungen, die ihr Mann anderen Menschen auch unter Politikerkollegen zugefügt hatte stets mit den Worten pflegen musste: „Er meint das nicht so“.  Schmidts undiplomatischen Sprüche wie „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ oder „Wir haben es da mit einer Zusammensetzung von Außenministern und Regierungschefs oder Staatschefs zu tun, von denen die größere Zahl Dilettanten sind, was die Europapolitik angeht“ oder auch „Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden“ haben den gleichen Reiz wie Steinbrücks Äußerungen, die in ihrer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Bei beiden ist ein gewisser Zusammenhang zwischen scharfem intellektuellem Verstand und verbaler gradliniger Rücksichtslosigkeit zu erkennen. Nicht umsonst zählt Helmut Schmidt zu den größeren Denkern unserer Zeit, auf dessen Rat immer noch enormer Wert gelegt wird. Dass Steinbrück in seine Fußstapfen treten möchte steht ausser Frage, denn ebenso wie Schmidt hat Steinbrück den Sachverstand und die Fähigkeit, komplizierte wirtschaftliche und politische Vorgänge zu durchschauen und in einfacher Sprache zu vermitteln. Das zeigte er nicht nur als Finanzminister, sondern auch in einer tatsächlich spannenden und gut anhörbaren Vorlesung aus 2011 als (wahrscheinlich gutbezahlter) Gastprofessor. Ob er mit diesen Voraussetzungen jedoch auch das Format zum Kanzler hat, müsste er noch beweisen.

Mir persönlich gefällt die Klartext-Linie, denn die haben wir nach dem jahrelangen Alternativlosgeschwafel bitter nötig. Ich finde Steinbrück witzig und klar, auch wenn er damit hin und wieder verschiedene Mitmenschen verbal verletzt, verprellt oder diplomatische Querelen auslöst. Sei´s drum, denn es jammern über solche verbalen Tiefschläge sowieso nur die überempfindsamsten Zeitgenossen. Wenn er wie in der Rede auf dem politischen Aschermittwoch in Vilshofen zum Ausdruck bringt „Ich bin mir sicher, ihr wollt keinen geölten Politprofi als Kanzlerkandidaten„, dann kann man dem schon zustimmen und hoffen, dass er das Gesagte auch als möglicher Kanzler nicht vergißt.  Insofern könnte die Politik in Deutschland nicht nur aufgrund von Steinbrücks Sprüchen endlich mal wieder heiter werden…

Siehe auch:
Peer Steinbrück hält öffentliche Vorlesung