Facepalm Cain Henri Vidal Tuileries

Facepalm
gemeinfrei

Wir Menschen sollen von der Natur her natürlich und entsprechend der naturgemäßen äh … Natürlichkeit leben. Insofern sollten wir im Rahmen natürlicher Gesetze handeln und dabei die naturgegebene Moral, den naturgegebenen christlichen Glauben sowie die natürliche schwarze Politik der naturgemäßen CSU befolgen. Jawoll!
So oder so ähnlich könnte das der CSU-Konservative Norbert Geis sehen, der sich zwar davor hütet, gleichgeschlechtliche Partnerschaften als unnatürlich zu bezeichnen, aber dennoch die Entscheidung der Richter aus Karlsruhe zum Adoptionsrecht homosexueller Partner als Holzweg ansieht, denn seiner Ansicht nach ist die Adoption in einer solchen Partnerschaft nicht naturgemäß.

Ebenso ähnlich sah das schon der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki, nach dessen Ansicht Homosexualität überhaupt den natürlichen Gesetzen widerspricht, und auch der Kölner Kardinal Meisner bezog sich zwar nicht explizit auf natürliche Gesetze, jedoch aber auf die Schöpfungsordnung, als er Abtreibung als Verfehlung gegen diese Ordnung geißelte.
Doch diese Vorstellung von natürlichen Gesetzen ist trotz des geschichtsphilosophischen Alters den Menschen stets verwehrt geblieben. Es gibt keine konkret in der Natur ablesbare Gesetzesstruktur. Sie ist in moralischer Hinsicht bis heute nichts weiter als ein zutiefst menschlicher Wunsch nach irgendeinen ausserhalb des Menschen erkennbaren Leitfaden, eine von der „Schöpfung“ oder der „Natur“ in Stein gemeißelte erhabene Regel, nach der sich der Mensch in moralischer Hinsicht zu richten hat. Der Wunsch nach klaren nichtmenschlichen ethischen Vorgaben hat sich sowohl seinerzeit in einem inzwischen eher überholten philosophischen Denken niedergeschlagen als auch in der religiösen Vorstellung einer Schöpfungsordnung, deren angebliche Gesetze von Exegeten und kirchlichen Oberhäuptern gerne zur Ausübung der eigenen Moral-Macht hineininterpretiert und mißbraucht wurden. Aus diesem Grunde waren solche ungeschriebenen Gesetze in ihrer Definition stets beliebig und schlugen sich in gefestigter und seriöser Form allenfalls in der Ausformulierung unveräußerlicher Menschenrechte in den entsprechenden Konventtionen nieder.

Vor diesem Hintergrund ist es schon witzig, wer alles sich auf über Menschenrechte hinausgehende und vermeintlich natürliche Gesetze beruft, die eben nie konkretisiert wurden und daher von Religionen und Politik nach Belieben erfunden und benutzt werden können. Denn auch wenn das Argument eines Norbert Geis, dass nämlich ein Kind sowohl Vater und Mutter zum Aufwachsen braucht zuerst gewohnt logisch erscheint, ist das jedoch auf den zweiten Blick gesehen alleine schon evolutionär völliger Quatsch. Die Form der uns bekannten und eher überflüssigen Institution Ehe ist ja keine ewig existierende natürliche Einrichtung, sondern eine aus der Evolution heraus erst spät entwickelte Struktur, die letztendlich im Prinzip auch durch religiös-moralische Formung zu einem künstlichen Konstrukt aufgebläht wurde (bspw. „bis dass der Tod Euch scheidet“). Die ausschliessliche und endgültige Einehe in seiner kirchlich (und auch staatlich) anerkannten Form liegt soweit von einer (evolutionären) Natürlichkeit entfernt wie das Zentrum der Milchstrasse von der Erde. Von einem „natürlichen Gesetz“ hier zu sprechen wäre demzufolge völlig verfehlt und entspricht lediglich dem Wunschdenken religiöser Strukturen.
Insofern ist es Kindern ziemlich egal, wie ihre Eltern geschlechtlich zusammengesetzt sind, solange sie sich in einer stabilen toleranten Gesellschaft befinden. So gibt es ja auch heute noch viele Völker, deren Kinder im Prinzip in einer weiblichen Gemeinschaft aufwachsen, und in manchen matriarchalischen Völkern gelten Väter nicht einmal als familiengebunden. Warum also sollte das Aufwachsen von Kindern bei homosexuellen Paaren gleich welchen Geschlechts nicht „naturgemäß“ sein? Und was wird wohl ein adoptiertes Kind später einmal dazu sagen, dass ein Herr Geis 2013 gesagt hat, sein Aufwachsen sei nicht naturgemäß und es sei mit seinen gleichgeschlechtlichen Eltern genauso auf dem Holzweg wie damals das Bundesverfassungsgericht? Diskriminierung lässt grüßen!

Letztendlich ist die Frage nach den natürlichen Gesetzen immer rein beliebig und wird lediglich als verbale Unterstützung moralischer oder religiöser Argumente benutzt, auch wenn schon die Erwähnung alleine abgrundtief lächerlich ist. Genauso gut könnte jemand behaupten, es widerspräche dem natürlichen Gesetz des Spaghettimonsters, Tomaten zu essen. Der Hinweis auf natürliche Gesetze ist deshalb immer ein Griff in die Klamottenkiste, ein völlig untaugliches Argument, mit dem man vielleicht ein paar Fundamentalisten aufscheuchen könnte, ansonsten aber kein Hahn nach dem Unsinn kräht. Wer sich auf natürliche Gesetze oder auf etwas naturgemäßes berufen möchte, mißbraucht die Natur und hat keine anderen Argumente als seine eigenen persönlichen Moralvorstellungen. Die können manchmal auch am Rande einer Diskriminierung liegen, und deshalb stellt sich hier die Frage, ob die CSU denn überhaupt naturgemäß ist