Der lautstarke Tanz der politisch, finanziell oder persönlich verbandelten akademischen Meinungsträger um das goldene Kalb des schummelnden Schavanentums hat einen etwas merkwürdigen Einblick in das Gebaren wissenschaftlicher Funktionäre gestattet, das ich heutzutage in dieser Form eher nicht mehr für möglich gehalten hätte. Das Verwunderliche daran ist nämlich die Erkenntnis, dass vor allem aufgrund diverser elitärer Funktionärsbefindlichkeiten wissenschaftliche Grundregeln sowie gesetzliche Verfahrensregeln nicht nur als lästig empfunden, sondern sogar von den entsprechenden Hütern der Wissenschaft eifrig uminterpretiert und umgedichtet wurden.

Mit diesem Uminterpretieren der Plagiatsbewertung und der verfahrensregeltreuen Arbeit der Prüfungskommission liegen die professoralen Funktionäre nahe an dem ideologischen  Gebaren des damaligen russischen Genideologen Trofim D. Lyssenko, der wissenschaftliche Regeln zugunsten der kommunistischen Ideologie aushebelte und umdeutete. Er schreckte ebenso nicht vor Angriffen auf seriöse Wissenschaftler zurück und verbog wissenschaftliche Erkenntnisse und Regeln zu seinen (ideologischen) Gunsten. Doch auch wenn der Vergleich etwas hinkt und die Motivation der Schavanisten irgendwo zwischen finanziellen Abhängigkeiten und persönlichen Befindlichkeiten zu liegen scheinen, ist deren unwissenschaftliche Regelmißachtung zugunsten der eigenen elitären Macht durchaus mit Lyssenkos Gebaren vergleichbar, denn auch hier wurden unliebsame seriöse Wissenschaftler, in diesem Falle die Prüfungskommission, angegriffen und mit falschen Vorwürfen konfrontiert. Dabei wurden schwere Geschütze aufgefahren, denn einige der professoralen Meinungsträger zielten mangels echter Verfahrensfehler mit polemischen Attacken der übelsten Art weit unter die wissenschaftliche Argumentationsgürtellinie und versuchten damit das strikte Einhalten der Verfahrensordnung an der Uni Düsseldorf als „politisch motiviert“, „jakobinische Hetzjagd“ oder „Eifer“ zu dämonisieren. Dass dies nicht nur öffentlich, sondern auch für jedermann deutlich erkennbar mit völlig unsinnigen und haltlosen Argumenten geschah ist genauso erstaunlich wie die Erkenntnis, zu welchen extremen Werteverbiegungen und zügellosen Attacken manche vermeintlich elitären Zeitgenossen fähig sind und dabei den Werteverfall seriöser Strukturen billigend in Kauf nehmen. Vor allem dann, wenn es um starke persönliche oder einflussreiche Interessen geht – oder ganz banal um eine angeblich „schützenswerte schwache Frau“. Das ist teilweise schon so aberwitzig, dass man dahinter fast ein Drehbuch von Monty Python vermuten könnte.

Doch wahrscheinlich ist dieser Werteverfall in der Wissenschaft gar nicht so irreal, sondern passt in das Bild einer sich zu ihrem Nachteil verändernden Wissenschaft, bei der manchen Betreiber derselben die wissenschaftlichen Regeln zu mühselig geworden sind. Vielleicht auch deshalb, weil sich der zunehmende Trend zum persönlichen und elitären Netzwerk-Egoismus wie am Beispiel der Schavanisten nicht mit wissenschaftlichen Grundregeln vereinbaren lässt. Die Hemmschwelle zum Verlassen des Pfades der sauberen Argumentationslinie scheint im Allgemeinen niedriger geworden zu sein. Vielleicht auch deshalb entstehen aus dem Bauch der Wissenschaft heraus schon längst Strömungen, die eine zunehmend deutliche Mißachtung wissenschaftlicher Regeln bedeuten. Wie sind sonst die vermehrten Wissenschaftsbetrügereien (zu der nicht nur plagiierte Doktorarbeiten zählen, sondern auch Datenfälschungen jeglicher Art) in großem Stil zu erklären, bei denen man sich an den fünf Fingern abzählen kann, dass diese entdeckt werden? Oder wie ist die starke Zunahme pseudowissenschaftlich arbeitender Akademiker zu erklären, die an vielen der durchaus nicht mehr ernstzunehmenden Hogwarts Universitäten Raum für allerlei Hokuspokus bekommen und somit der Verbreitung von Aberglauben und Quacksalberei Tür und Tor öffnen? Wie ist denn zu erklären, dass zu einem Medizinstudium wie selbstverständlich Hahnemanns homöopathischer Quatsch auch in den Prüfungen als bewertungsrelevant anzusehen sind?

Das alles ist für das internationale Ansehen der deutschen Wissenschaft nicht nur äußerst schädlich, sondern es schadet auch der Reputation der bisher sauber arbeitenden Wissenschaftler, die den Großteil der schweigenden Mehrheit ausmachen dürften. Doch wenn manche ihrer Professoren wider besseren Wissens offensichtlich falsche oder unwahre Dinge behaupten, wie mag es dann im allgemeinen Wissenschaftsbetrieb aussehen? Zumal mit der verstärkt in die Universitäten drängenden Pseudowissenschaft sowieso das Ansehen bereits rapide in den Keller sackt. Wenn Schavans geschummelte Doktorarbeit von diesen Professoren so verteidigt wird, wie mögen dann die Dissertationen ihrer eigenen Doktoranden aussehen? Welchen Wert mag das Forschungsgebiet von Wissenschaftlern noch haben, wenn auf deren Uni neben Medizin noch Homöopathie und TCM gelehrt wird, wohlwissend, dass es sich hier vorwiegend um Humbug allererster Güte handelt. Sollte man Professoren Glauben schenken, die das strenge Einhalten der ihnen selbst durchaus bekannten Verfahrensgesetze wider besseren Wissens als politische Motivation kritisieren? Sollte man Wissenschaftlern glauben, die mit abenteuerlichem Rechtsverständnis nach einem starken Mann rufen, damit „endlich jemand die Dinge in die Hand nimmt„?  Und sollte man Wissenschaftlern Glauben schenken, die letztendlich noch das Dritte Reich bemühen, um einer Prüfungskommission fehlerhaftes Verhalten zu unterstellen? Sollte man zudem all diesen Wissenschaftlern Glauben schenken, die an den Unis Hokuspokus nicht mehr der strengen Qualifikation wissenschaftlicher Kriterien unterziehen, sondern dieselbe als zulässige Fächer kritiklos akzeptieren?

Trofim D. Lyssenko
gemeinfrei

Die Wissenschaft wird neben dem Verlust ihres Ansehens durch massive Vereinnahmung pseudowissenschaftlichen Unsinns sowie dem jüngsten Fall der versuchten massiven Einflussnahme auf die Uni Düsseldorf in meinen Augen mehr und mehr zu einer Schießbude für fehlgeleitete Akademiker. Auf dem Rummelplatz der elitären Eitelkeiten und des persönlichen Egoismus werden hier die Grundsätze der Wissenschaft ad absurdum geführt, und die sich daraus ergebenden Beschädigungen werden erst auf lange Sicht in seiner Schwere zu erkennen sein. Wenn wissenschaftliche Grundsätze zugunsten persönlicher oder politischer Motivationen von den Wissenschaftlern selbst verlassen werden und diejenigen, die an den Grundsätzen festhalten, mit Schimpf und Schande überhäuft werden, dann ist das nicht mehr sehr weit weg von den kommunistischen Lyssenko-Umtrieben der vierziger Jahre. Es sollte uns eine Lehre sein, denn die russische Genforschung hat sich bis heute nicht so richtig von dieser Verzerrung erholt. Die deutsche Wissenschaft, die derzeit strammen Schrittes in die gleiche Richtung zu gehen scheint wird es noch viel schwerer haben, nach dem bösen Erwachen wieder einen Weg zurück in die internationale Anerkennung zu finden. Doch wir wissen aus der Geschichte, dass zunehmender Egoismus und elitäre Besserwisserei erst dann ein Ende haben werden, wenn es nicht mehr weiter geht und die Wissenschaft vollends zur Lachnummer verkommen ist. Lyssenko lässt grüssen.

Siehe auch:
Wie wissenschaftlicher Fortschritt zum Erliegen gebracht und nachhaltig zerstört wird