Naturwissenschaft
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Im letzten Artikel (Teil II, der erste Teil findet sich hier) hatte ich bereits beschrieben, dass Naturwissenschaft und Religion zwei komplett unterschiedliche Denkmodelle sind, die als vollständig unvereinbar gelten und beides zusammen nicht einmal als Konfrontationsmodell taugt. Aus diesem Grund sind auch die Wissenschaftler Richard Dawkins, Steven Weinberg und Norman Levitt der Ansicht, dass Theismus mit einer wissenschaftlichen Weltsicht grundsätzlich unvereinbar sei, da die von den Religionen postulierten Wunder die Naturgesetze außer Kraft setzen müssten. Insofern sei die logische Schlussfolgerung die zwangsläufige Hinführung der Naturwissenschaften zu Atheismus, Deismus oder Pantheismus (aus Wikipedia: Atheismus: Bedeutung im Wissenschaftskontext).

Naturwissenschaften sind demzufolge stets dem tatsächlich Beobachtbaren verpflichtet und können bei der Forschung keine Berührungspunkte mit Religionen haben, denn die berufen sich auf Grundsätze, deren Wahrheitsgehalt keine wissenschaftlich fassbare und nachprüfbare Größe hat und die Basis sich stets im Nebulösen verliert. Das Weltbild von NaturwissenschaftlerInnen besteht wahrscheinlich aus diesem Grunde zumeist aus einer rationalen Grundstruktur mit vorwiegend agnostischer oder atheistischer Denkweise. Laut Wikipedia glauben in den USA nur sieben Prozent der Mitglieder der amerikanischen Akademie der Wissenschaften an die Existenz eines personalen Gottes. Demzufolge freuen sich manche Religiöse ganz besonders über jeden wissenschaftlich denkenden oder arbeitenden Menschen, der sich öffentlich aus welchen Gründen auch immer zu einem religiösen Glauben bekennt. Im Prinzip ist dagegen auch nichts einzuwenden, solange das wissenschaftliche Arbeiten davon nicht berührt wird und religiöse Ansätze privater Natur bleiben.
Doch aufgrund der inneren Widersprüche zwischen Naturwissenschaft und Religion wundern oder ärgern sich jedoch immer wieder einige der wissenschaftlichen KollegInnen, wenn manche aus ihren Reihen sich als gläubig outen. Das widerspricht nach ihrer Ansicht der naturwissenschaftlichen Logik. Für die meisten der Forscher ist die Verneinung einer höheren Instanz aufgrund fehlender Beobachtungen oder Herleitungen zwingend. Sie können deshalb nicht nachvollziehen, dass es Menschen in ihren Reihen gibt, die diese inneren Widersprüche wie selbstverständlich in sich vereinen können.

Hochschule für Philosophie München
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Einer davon ist der Professor für Physik an der LMU München Harald Lesch, der in einer Sendung bekannt hatte, ein „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ zu sein. Insofern scheint er das Denkmodell Religion neben seinem wissenschaftlichen Fach in sich vereinen zu können, und hier kommt sogar noch ein weiteres Denkmodell hinzu. Lesch ist nämlich auch noch Professor für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München und vereint somit drei verschiedenen Denkmodelle in sich. Daneben kann noch Prof. Gerhard Roth angeführt werden, der neben Biologie und Neurowissenschaft ebenso zu den ausgebildeten Philosophen gehört. Erstaunlicherweise fragt hier aber niemand, ob denn beides trotz unterschiedlicher Denkmodelle im Kopf der Wissenschaftler vereinbar sei. Die Philosophie nämlich besteht aus vielen Denkmodellen, postuliert im Gegensatz zu den Religionen aber keine auf die Natur und die Gesellschaft übergreifende „Wahrheiten“ mehr, die kraft des gesprochenen Wortes anzuerkennen sind, auch wenn sich Philosophen noch bis vor kurzem als Menschen mit besonderem Zugang zu Wahrheiten verstanden. Hierin liegt jedoch der Grund, warum Philosophie akzeptiert und Religion verpönt ist. Es sind die unverhandelbaren Wahrheitsansprüche der Religion über die Deutungshoheit der Naturwissenschaft hinweg, welche die Religion unglaubwürdig werden läßt und demzufolge im Kopf eines Wissenschaftlers in der Tat eigentlich nur eingeschränkt Platz haben kann.

Sicherlich mag es durchaus möglich sein – und das Gehirn ist dazu eindeutig in der Lage – völlig widersprüchliche Modelle nebeneinander her existieren zu lassen. Insofern gab es auch in der Vergangenheit offen bekennende religiöse Naturwissenschaftler, die in der Gegensätzlichkeit zu ihrem Fach keinen Widerspruch sahen. Werner Heisenberg wich zwar der Frage nach einem persönlichen Gott aus, sprach aber durchaus von der „zentralen Ordnung der Dinge und des Geschehens“. Und auch für Max Planck und Carl Friedrich von Weizäcker waren Wissenschaft und Religion kein Widerspruch an sich. Beides schien jedoch stets sauber getrennt und wurde lediglich in philosophischen oder theologischen Gesprächen gemeinsam zugelassen. Diskussionen über religiöse und naturwissenschaftliche Widersprüche schienen in der Öffentlichkeit kein Thema zu sein und ich vermute, dass die meisten Wissenschaftler diese schlichtweg vermieden haben, weil die Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens allen Beteiligten vor Augen stand. Diese Art der Diskussionen drangen im Prinzip erst an die Öffentlichkeit, als der katholische Theologe Eugen Drewerrmann die biologische Jungfrauengeburt anzweifelte und die Himmelfahrt Christi als rein symbolischen und nicht „fotografisch“ anschaubaren Akt interpretierte, worauf ihn der heillos überforderte damalige Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt quasi auf Geheiss des Kurienkardinals Joseph Ratzinger die katholische Lehrbefugnis und gleich danach die Predigtbefugnis entzog. Und weil Drewermann nicht widerrief, wurde er kurze Zeit später ganz vom Priesteramt suspendiert.

Wer es braucht, kann glauben
Lärmender Engel – gemeinfrei

In diesem Zusammenhang wird deutlich, warum Wissenschaft und Religion keine Gemeinsamkeiten haben und jeder Versuch, beides in eine Verbindung zu bringen zwangsläufig zum argumentativen Tod der Religion führen muss. Doch eigentlich müssten sie sich gar nicht beissen, wenn beide nicht versuchen würden, den Platz der jeweilig anderen Disziplin zu besetzen. Denn solange die Wissenschaft nicht versucht, aus der womöglich zufälligen Ordnung des Universums eine gesicherte Zufälligkeit abzuleiten und sich somit aus einem Bereich heraus hält, den sie bisher gar nicht bedienen kann, ist es den Religionen möglich, diesen Platz zu besetzen und dort nach Gott zu suchen. Auch wenn alles darauf hinweist, dass das Universum auch ohne eine göttliche Instanz existieren kann heisst es ja nicht, dass die Naturwissenschaften dies mit Sicherheit wissen. Im Gegenzug sollten Religionen nicht versuchen, die Welt und ihren installierten Gott entgegen wissenschaftlicher Logik mit Wunder und anderem Firlefanz zu erklären und der Gesellschaft ihren Wahrheitsanspruch mit dem Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrücken.
Dann nämlich können Religionen durchaus sinnstiftend wirken und dem Leben und der Existenz eine Herkunft und eine vermeintliche postmortale Zukunft bieten. Sie können damit das Leben zumindest dahingehend verbessern, dass für diejenigen, die genau diesen Sinn zum Leben brauchen, dasselbe wesentlich zufriedener abläuft und ihnen ihre möglichen ontologischen Unsicherheiten durch einen Glauben an ein ewiges Dasein gemildert werden. Einen anderen Grund hat eine Religion nicht. Insofern ist der Verdacht durchaus berechtigt, dass in der Evolution der als Gottesmodul benannte Bereich im Gehirn sich genau aus dem Grunde gebildet hat, nämlich um dem Leben einen vermeintlichen Sinn zu verleihen. Vielleicht auch deshalb, weil es tatsächlich gar keinen Sinn gibt.

Siehe auch:

Naturwissenschaft vs. Religion – der Unterschied und die selbstverschuldete Verdrängung (Teil 1)
Naturwissenschaft vs. Religion II – die Unvereinbarkeit und der Lückengott

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