Rück(en)tritte mit Tradition gemeinfrei

Wenn bekannte Persönlichkeiten aus Kirche oder Politik ihren Rücktritt von ihren Ämtern bekannt geben, dann kann sich der Bürger die Statements aus den offiziellen Rängen der kirchlichen oder politischen Hochburgen zumeist ersparen. Fast einmütig werden alle Rücktritte mit „großem Respekt für die Entscheidung“ zur Kenntnis genommen, manchmal mit Bedauern, manchmal mit grossem Bedauern und manchmal auch ohne Bedauern. Nuancen jedeweder Art finden sich in den ausgefeilten Respektbezeugungen der Bedauerer, je nach Rücktrittsgrund und persönlicher Betroffenheit.

Gesundheitliche Gründe oder Altersgründe für einen Rücktritt werden stets mit „großem“ Respekt und „großem“ Bedauern zur Kenntnis genommen, soweit der nicht sehnlichst erwartet wurde unter dem Aspekt, wann die entsprechende Person denn endlich verschwindet, alldieweil dieselbe den Zeitpunkt eines anständigen Abgangs verpasst hat. In Diktaturen wurde die Gesundheit oder das Alter häufig als Grund strapaziert, um einen Tritt in den verlängerten Rücken als Rücktritt zu tarnen und damit unbequeme oder vermeintlich störende Elemente entweder aus den Parteigremien oder dem Umfeld des Diktators  zu entfernen.
Auch wenn die Kirche ähnlich hierarchisch strukturiert ist dürfte dagegen der angekündigte Rücktritt des Papstes tatsächlich ein reiner Altersrücktritt sein. Demzufolge wird dieser von den Kirchenangehörigen mit ganz besonders großem Bedauern zur Kenntnis genommen. Und auch in der Politik gab es solche Rücktritte aus Altersgründen. So schied bspw. im Mai 1992 Hans-Dietrich Genscher auf eigenen Wunsch aus der Bundesregierung aus, der er insgesamt 23 Jahre angehörte. Zu diesem Zeitpunkt war er der dienstälteste Außenminister Europas. Als Grund gab Genscher damals Amtsmüdigkeit an.
Dagegen ist der damalige Rücktritt Margot Käßmanns vom Amt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach einer Alkoholfahrt einer der wenigen Rücktritte, in der die Ächtung  ihrer Verfehlung sich in den Medien sogar zu einer Achtung für ihren Rücktritt verwandelt hatte.

Noch´n Tritt – gemeinfrei

Doch es gibt zahlreiche Rücktritte, denen zahlreiche Rückentritte oder berüchtigte Tritte in den Hintern vorausgehen. Viele davon werden jedoch von der betreffenden Person deshalb nicht als schmerzhaft wahrgenommen, weil das Polster des Stuhls, auf dem sie nachhaltig kleben relativ dick ist und vor den Tritten eine Zeitlang schützt. Dafür gibt es einige Beispiele in der Vergangenheit, doch bei keine dieser Personen hat der Klebstoff lang genug gehalten. So löste sich gerade bei den Plagiatsfällen der Klebstoff stets in dem Moment, in der von einer politisch vorgesetzten Person das volle oder vollste Vertrauen ausgesprochen wurde. Diese Aussage besiegelt im Prinzip umgehend die Laufbahn und beendet das innige Verhältnis der am Sessel klebenden Person zum Sessel. Denn das Aussprechen des vollsten Vertrauens bedeutet nichts anderes als die am Sessel klebende Person mit einem wahrhaft kräftigen Tritt aus der Klebstoffhalterung zu lösen. Nun jedoch befindet sich die der Verfehlung verdächtigte Person im freien Schwebezustand und ist völlig von der Willkür politischer Vorgesetzer abhängig. Sollte sich nämlich die vorgeworfene Verfehlung hieb- und stichfest bestätigen, wurde das vollste Vertrauen enttäuscht und eine weitere Zusammenarbeit als unmöglich angesehen. Dann erfolgt der letzte kräftige Tritt, nämlich die Erklärung, dass die verfehlende Person den Rücktritt angeboten hätte und man dies mit grossem Respekt und Bedauern zur Kenntnis nimmt. Schöne Worte für einen letzten harten und endgültigen Tritt in den (verlängerten) Rücken.

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