Heute ist ja bekanntlich Rosenmontag, an dem ganz besonders in Mainz, Köln und Düsseldorf aufgrund der Umzüge die Narren unterwegs sind. Insofern sieht man am Straßenrand stehende oder mitlaufende Volksnarren und -närrinnen, die diesmal womöglich frierend und mit reichlich Alkohol beheizt dem Umzug beiwohnen und auf so manche tieffliegende Kamelle warten. Auf den Vip-Tribünen jedoch stehen zumeist zaghaft verkleidete, oft nur mit aufgesetzter roten Pappnase und im Höchstfall mit den örtlichen Karnevalskappen beschirmte Damen und Herren aus Politik und Wirtschaft herum, fröhlich dem Narrenfussvolk zuwinkend.

Sie signalisieren damit Volksnähe, ja sie signalisieren damit deutlich, dass sie sich gerne eins fühlen mit dem Narrenvolk, dessen Narreteien sie an den heutigen Tagen gutheißen und in gewissem Sinne mitmachen. Im Gegenzug darf das Narrenvolk unter dem Deckmantel des Karnevals die Autoritätspersonen so richtig verspotten – also eigentlich nicht wirklich, denn Karneval ist tatsächlich eine verdammt ernste Sache, bei der Proteste notfalls auch mit juristischen Schritten untermauert werden. So geschehen1994, bei dem ein Bonner CDU-Anwalt mit einstweiliger Verfügung gedroht hatte, weil der damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als nackten Urwaldindianer dargestellt wurde. Der Wagen musste umgebaut werden. Auch im Jahre 2000 konnte ein Wagen nach starken Protesten nicht realisiert werden, weil die in der vorher stattgefundenen OB-Stichwahl unterlegene SPD-Oberbürgermeisterin Marlies Smeets ins Bild gesetzt werden sollte.

Auch der Erzbischof aus der närrischen Hochburg hält Karneval für eine so ernste Angelegenheit, dass darüber unbedingt öffentlich geschimpft werden muss. Gleicher emotionaler Ausrufer gefühlsverletzter Empörung mit repräsentativem Sandsteingebäude hat es anscheinend mit Karneval gar nicht so, denn auch bei dem nächsten Aufreger wurde festgestellt, dass zwar im Karneval hier und da ein Witzchen erlaubt sei, bei dem ja auch und sogar ein Erzbischof womöglich schmunzeln könnte, aber alles darüber hinausgehende ist mehr als beschwerde- oder protestverdächtig und muss kritisch beäugt werden.
Die Düsseldorfer sind aus diesen Gründen damals dazu übergegangen, ihre Motivwagen bis zum Start des Karnevalsumzuges geheim zu halten. Insofern ist es niemandem mehr möglich, vor dem Umzug gegen ein Motiv zu protestieren und eine einstweilige Verfügung durchzusetzen. Dafür ist dann nach dem Umzug Zeit. Doch es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis jemand versuchen wird, den gesamten Umzug per einstweiliger Verfügung aufgrund eines reinen Verdachts zu stoppen.
Es ist ganz witzig, dass die Meinungsfreiheit im 21. Jahrhundert selbst im Karneval stets neu erkämpft werden muss. Aber Karneval ist ja auch wirklich eine ernste Angelegenheit.

Helaaf und Alau!