Beruhigungspillen „danach“ für´s Volk – gemeinfrei

Der Skandal um verweigerte Hilfen vergewaltigter Frauen in katholisch geführten Krankenhäusern ist mehr als gefährlich für die katholische Kirche. Nicht anders ist das plötzliche Einlenken des konservativen Kölner Erbischofs Meisner mit der Erlaubnis einer Vergabe der Pille danach zu verstehen.
Nach dem immer nochschwelenden Konflikt um den sexuellen Kindesmissbrauch, den Forderungen nach Strafen für Blasphemie, den harsch sanktionierten Kirchenaustritten, dem Sonderstatus im diskriminierenden kirchlichen Arbeitsrecht sowie dem Kniefall vor christlichen Fundamentalisten ist die Gesellschaft nun kaum noch bereit, das Konzept von der Gemeinsamkeit von Staat und Kirche zu tragen. Zumal erst langsam in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerät, dass Köln kein Einzelfall ist.

Inzwischen wird zunehmend nicht nur eine strikte Trennung gewünscht, sondern auch eine Entfernung der katholischen Trägerschaften aus den unmittelbaren sozialen Bereichen. Diese Wünsche werden zum Teil bereits in der Öffentlichkeit diskutiert. NRW-Atheisten fordern weltanschaulich neutrale Krankenhäuser und die neugegründeten säkularen Grünen sehen in den Vorfällen dringenden Handlungsbedarf. Denn tatsächlich bringen uns kirchliche Trägerschaften keine Vorteile, sondern eher weltanschaulich motivierte Blockaden und Nachteile. Der Steuerzahler hat auch finanziell davon keinen Vorteil, den der bezahlt die Einrichtung sowieso und finanzert sich somit seine Moralapostel im Gesundheitswesen selbst.

Insofern verursacht die geballte Ladung Blitzeinschläge in Form von Skandalen und Aufdeckungen in der katholischen Kirche und der damit verbundene Unmut derzeit einen Imageschaden ungeahnten Ausmaßes. Da ist es dann kein Wunder, dass sogar ein erzkonservativer Katholik wie Meisner versucht dem entgegen zu steuern, indem er sich zu unkonventionellen Entscheidungen hinreißen läßt. Die als neue Erkenntnisse verkauften Argumente zu diesen Entscheidungen klingen jedoch kaum glaubwürdig, denn die Funktion der Pille danach ist nicht erst seit gestern bekannt. Außerdem muss man sich automatisch die Frage stellen, wieso eine katholische Trägerschaft überhaupt bestehen kann, wenn sich unwissende und uninformierte Träger in Form von Theologen in das Gesundheitswesen einmischen und moralisch überholte Regeln in Unkenntnis einer tatsächlichen Wirkungsweise zu Handlungsprinzipien erheben. Ich hatte hier schon die berechtigte Frage gestellt, was Theologen eigentlich überhaupt im Gesundheitswesen zu suchen haben.

Letztendlich jedoch hat die katholische Kirche mit Meisners Umdenken genau das gemacht, was sie stets ablehnt. Sie hat sich nämlich aufgrund des Unmuts in der Öffentlichkeit dem Zeitgeist gebeugt. In Anbetracht  einer derzeitig mehr als ungünstigen Lage ist ihr wohl auch nichts anderes übrig geblieben, will sie nicht im letzten Moment noch ihre letzten gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten verlieren. Meisner hat demzufolge die „Pille danach“ genehmigt und dies mit seiner „neuerlichen“ Erkenntnis über Levonorgestrel begründet. Der Öffentlichkeit jedoch hat er auf diese Weise lediglich die „Beruhigungspille danach“ verabreicht in der Hoffnung, die öffentliche Diskussion möge sich schleunigst beruhigen. Viel zu nahe nämlich steht die öffentliche Meinung bereits an der Grenze zum völligen Säkularismus und akzeptiert kirchlich-moralische Einschränkungen im alltäglichen Leben nur noch eingeschränkt. Das sind Warnsignale, die auch an Meisner nicht vorüber gehen.

Krankenzimmer gemeinfrei

Doch wer jetzt meint, er wäre in Krankenhäusern unter evangelischer Trägerschaft viel besser aufgehoben, der sollte die zunehmende Tendenz der Evangelikalen beobachten, evangelische Strukturen zu erobern und zu fundamentalisieren. Sie sind bereits latent vorhanden, und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch aus dieser kirchlichen Ecke die ersten Skandale ob moralischer Mißstimmigkeiten auftauchen könnten. Deswegen bleibt die Forderung aufrecht, man möge zielstrebig dazu übergehen, kirchliche Strukturen aus öffentlichen sozialen Bereichen zu verdrängen und diese rein staatlich zu führen. Religionen gehören in den Privatbereich und sonst nirgends hin.

Siehe auch:

Was haben Theologen eigentlich im Gesundheitswesen verloren?
Gleiche Hilfe in allen Krankenhäusern – Rezeptfreiheit für die Pille danach