Wissenschaft – gemeinfrei

Die Naturwissenschaften gehören zu den forschenden Disziplinen mit den tiefsten und kritischsten Einblicken in die Natur und deren Vorgänge. Das heisst jedoch nicht, dass sie in der Lage sind, alles und jedes zu erklären. Aber sie sind durchaus fähig, sich ein ziemlich neutrales und von menschlichen Bedürfnissen, Wünschen und unsicheren Wahrnehmungen befreites Bild von den tatsächlichen Umständen in der Natur innerhalb ihrer Möglichkeiten zu machen. Dass es sich hierbei immer nur um eine reine Annäherung an die Realität handeln kann sollte selbstverständlich sein.

Es gibt in den Naturwissenschaften viele Theorien, von denen die anerkannten im Laufe der Jahrhunderte auf Dauer Bestand haben und sich lediglich von Zeit zu Zeit verändern. Als Beispiel gelten die Gravitationsgesetze von Isaak Newton, dessen Beschreibungen auch durch die Quantenphysik ihre Gültigkeit nicht verloren haben, jedoch erweitert werden mussten. Dass Theorien gänzlich kippen kommt auch vor, eine davon ist die Äthertheorie, die im Prinzip deshalb ihre Gültigkeit verloren hat, weil sie mehreren anderen Vorgängen widerspricht. Gleichwohl sind manche sich dessen bis heute nicht ganz sicher, denn es gibt immer wieder neue Argumente, die für diese Theorie sprechen.
Die Naturwissenschaften gehören also zu den Disziplinen, deren Ergebnisse stets offen bleiben und die  – auch wenn sie sich bei bestimmten Paradigmenwechseln manchmal etwas schwer tun – sich letztendlich immer an den überzeugendsten und am besten überprüfbaren Theorien orientiert. Übernatürliche Erklärungen sind in jeder Hinsicht absolut unangebracht. Eine in ihren Grundzügen logische aber bis dato nicht falsifizierbare Theorie bleibt in ihrer Erklärung offen und wird auch dann nicht mit übernatürlichen Instanzen in Verbindung gebracht, wenn neue Erkenntnisse über einen langen Zeitraum auf sich warten lassen. Solche Zeiträume gibt es immer wieder, doch im Normalfall kommt niemand aus der Wissenschaft ernsthaft auf die Idee, als Erklärung für ein ungeklärtes Phänomen eine göttliche Existenz anzubieten. Auch Einstein tat dies trotz launiger Bemerkungen über Gott nicht („der Alte würfelt nicht„), mit denen er heute noch in manchen religiösen Kreisen für Verwirrung und falsche Annahmen sorgt. Doch Einstein war, wie wir heute wissen, Atheist und betrachtete Religionen als kindischen Aberglauben.

Religionen gemeinfrei

Religionen jedoch sind an historisch verfasste, vorgegebene Quellen mit zumeist festen Denkmodellen gebunden. Wer diese Quellen verfasst hat und warum diese Quellen verfasst wurden ist real und historisch unerheblich. Es zählt alleine die Anerkennung der Quellen durch Institutionen oder Personen, die sich der Quellen bedienen. Es bestätigt also lediglich der Quellenverbreiter die Echtheit seines Quelleninhaltes, deren Urheber bei fast allen Religionen aus angeblich übernatürlichen Instanzen zusammen gesetzt sind. Viele dieser alten Schriften unterliegen zusätzlich einer strengen zielgerichteten Auswahl. In den christlichen Religionen sind z.B. Schriften vorhanden, die nicht von der offiziellen Kirche anerkannt sind (sogenannte Apokryphen, bspw. das Petrus-Evangelium) und deshalb nicht in den Kanon aufgenommen wurden.
Die Auslegung dieser Schriften übernehmen die religiösen Institutionen selbst und legen fest, welche der Aussagen welchen Wahrheitsgehalt besitzen sollen, den die Mitglieder der Religionsgemeinschaften also solche anerkennen müssen. Die Theologie bewegt sich ausschliesslich innerhalb dem von der entsprechenden religiösen Institution vorgegebenen Bereich und muss in seiner Forschung immer zu einem Ergebnis kommen, welches zu den Lehren der Kirchen passt. Deshalb ist die Theologie, also die Lehre von „Gott“  auch keine ergebnisoffene Wissenschaft und hat demzufolge auf Universitäten eigentlich gar nichts zu suchen.

Aus dem 14. Jhrhdt. weggeleugnet – Turiner Grabtuch – gemeinfrei

Die Naturwissenschaften haben durch die Erforschung diverser Phänomene in den letzten Jahrhunderten mit allerlei abergläubischen Dingen aufgeräumt. Das geschah nicht nur in Bezug auf Lehren und Vorgaben von Religionen, in der bis dato bestimmte Vorgänge oder Begebenheiten als von Gott persönlich gegeben gelehrt bzw. postuliert wurden, sondern auch in vielen Bereichen nichtreligiöser Scharlatanerie. Doch in den meisten Fällen trotzen Religiöse den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bis heute. Als Beispiele für offene Wissensleugnungen dieser Art können solche Punkte wie das Turiner Grabtuch, Marienerscheinungen und Gottesvisionen angegeben werden, bei denen durch ausreichende wissenschaftliche Untersuchungen und Erklärungen der Wahrheitsgehalt der religiösen Anekdoten gegen Null geht. Es ist nun nichts Neues, dass das Turiner Grabtuch keineswegs ein Abbild von Jesus zeigt, und dennoch wird an der These festgehalten und gelogen, was das Zeug hält. In manchen Berichten ist gar davon zu lesen, dass angeblich sogar die NASA die Echtheit bezeugt hätte. Auch ist seit einigen Jahren bekannt,  dass in Lourdes nach einer ausführlichen Schweizer Recherche die Erscheinungen bewusst herbeigeschwindelt wurden, und letztendlich wurden die bis dato unerklärlichen Dinge wie Nahtoderfahrungen, Transzendenz und göttliche Visionen von der noch jungen Neurowissenschaft als natürliche Vorgänge bzw. gar als psychische Erkrankungen enttarnt. Dagegen wehren sich natürlich nicht nur Religiöse. Es ist und bleibt nun einmal vielen Menschen ein Dorn im Auge, wenn ihnen die Unsterblichkeit genommen wird, denn letztendlich sind solche Erkenntnisse mehr oder minder schwere Erschütterungen im Verständnis von Leben und Tod, vor allem von dem Leben nach dem Tod. Ein neues Weltbild mit der garantierten Auslöschung des eigenen Bewusstseins, der Identität und letztendlich des eigenen gesamten Ichs sowie einem unumkehrbaren Tod ohne Hoffnung auf ein Weiterleben ist eben nicht jedermanns Sache. Gleichzeitig wird die Mystik, in der die spirituellen Verbindungen zu Gott postuliert wurden, durch die Neurowissenschaft mit der entsprechenden Ausschüttung von Endorphinen begründet und damit zu einem Bereich des persönlichen Selbstbetrugs. Und als letztes der genannten Beispiele ist die erschreckende Erkenntnis, dass es sich bei göttlichen Visionen aller Art nachweislich um ein reines Symptom psychischer oder körperlicher Erkrankungen handelt und damit um eine 2000jährige Visionsgeschichte kranker Menschen ohne göttlichen Bezug. Einbildung, Selbstbetrug oder Krankheit als Leitfaden theologischer Grundlagen.

Epilepsie – heute zum Arzt statt zum Bischof
gemeinfrei

Solche aufklärerischen Veränderungstendenzen von  übernatürlichen Phänomenen zu völlig profanen nachvollziehbaren Vorgängen schmerzt vor allem solche Religiöse am heftigsten, die Gott mit der realen Welt verbunden sehen wollen. Neben den typischen Totalverweigerern gegenüber der Wissenschaft versuchen manche Erschrockene die Transzendenz und Gottesexistenz mit neu geschaffenen Verbal-Spagaten wie Neurotheologie und Neuromythologie (deren Kritik durchaus hier und da an der jungen Neurowissenschaft berechtigt sein mag) zu retten, um die Deutungshoheit über die Spiritualität zurück zu holen. Keine Wortkreation und keine Kritik scheint zu hanebüchen, um die von den Neurowissenschaften in einem Handstreich angeblich geraubten transzendenten Zustände wieder in die eigenen persönlichen Deutungshände zu bekommen. Das geht sogar soweit, allen neurologischen Erkenntnissen ihre Wissenschaftlichkeit abzusprechen, und manche Religiöse und NeurokritikerInnen scheinen genauso starrsinnig wie Kreationisten zu sein, denen bekanntlich eine Erklärungslücke in der Evolution reicht, um der ganzen Theorie ihre Wissenschaftlichkeit abzuerkennen. Dazu kommen dann noch die esoterischen „Erfahrungsschreihälse“, die sowieso jegliche wissenschaftliche Erkenntnis unter die der eigenen Erfahrung stellen.  Solche Menschen haben verständlicherweise in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Dass christliche Religionen und ihre Anhänger häufig Schwierigkeiten mit der Realität haben liegt daran, dass Realität und wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder mit der vermeintlichen Deutungshoheit der Kirche kollidieren. Schönes Beispiel ist deren derzeitiger Kampf gegen eine Normalisierung der Homosexualität, die ja angeblich gegen „natürliche Gesetze“ verstoßen soll. Diese Forderungen werden gebetsmühlenartig wiederholt, obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Natürlichkeit von Homosexualität bei den meisten Lebewesen schon längst nachgewiesen ist, seien es die Bonobos, die als vollständig bisexuell gelten oder viele andere Tierarten mit homosexuellen Neigungen (ca. 1500 Tierarten, von denen bisher rd. 500 als gut belegt gelten). Insofern verliert die von der Kirche zu einem Zeugungsakt hochstilisierte Sexualität völlig ihre Besonderheit, weil die Wissenschaft eindeutig nachweisen kann, dass auch Tiere, die ihren reinen (angeblich gottgegebenen) Trieben folgen, den auferlegten Gottesnormen widersprechen. Das muss zu entsprechenden Bauchschmerzen bei den Religiösen führen, denn auch hier ist die Wissenschaft in einen Deutungsbereich der Kirche eingedrungen und hat denselben heillos zerstört. Das führt zwangsläufig dazu, dass immer, wenn die Naturwissenschaft in einen bis dato ungeklärten Bereich vordringt, in dem Religiöse eine göttliche Wertigkeit oder Instanz vermuteten und dieser Bereich sich als natürlich-banaler Vorgang entpuppt, Religiöse ihren Gott aus diesen Bereich herausnehmen müssen. Das passiert ständig, und erstaunlicherweise haben religiöse Institutionen die Fähigkeit entwickelt, trotz dieser zahllosen Rückschritte ihre Grundlagen einigermaßen zu erhalten, auch wenn dadurch der Boden der Tradition immer dünner wird.

Kreationismus ignoriert Wissenschaft – gemeinfrei

Doch die Kirche bezahlt für diese erzwungenen Rückschritte einen hohen Preis, nämlich den zunehmenden Verlust ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer Einheit. Die vielen Abspaltungen von der Kirche finden ihre Ursachen in der zunehmenden Tendenz, wissenschaftliche Erkenntnisse zu leugnen und konservative Glaubensvorstellungen trotz der Widersprüche zu erhalten. Das ist gefährlich, denn die zunehmende Erkenntniskomplexität der Wissenschaften ist gleichbedeutend mit einem konservativen Werteverlust, und dieser Werteverlust erdrückt konservative religiöse Kräfte so stark auf Dauer, dass deren Konservatismus sich irgendwann in einer aggressiven Gegenwehr entlädt. Eine solche Gegenwehr ist immer noch recht deutlich bei den Kreationisten zu beobachten. Sie sind das typische Beispiel dafür, wie sich erzkonservative Kräfte völlig von der Wissenschaft abkoppeln und eine eigene Pseudowissenschaft erzeugen, in der alle Widersprüche völlig ignoriert werden.
So ist im Prinzip die Naturwissenschaft die Ursache dafür, dass einer angeblichen übernatürlichen Instanz zunehmend das Land wegbricht. Der Platz für das Wirken eines Gottes wird demselben immer enger und enger. Schon heute ist er aus unserem Sonnensystem oder gar aus dem Universum verdrängt und muss nun außerhalb des Universums dahin vegetieren, damit er noch eine Existenzberechtigung hat.

Die Kirche ist zunehmend auf den Platz zurück gedrängt worden, der ihr letztendlich zusteht, nämlich auf den Platz der Sinnsuche. Statt sich mit Macht und moralischen Ansprüchen, theologischen Spitzfindigkeiten, göttlich gesteuerten Zentralgestirnen und dem Morden Glaubensabtrünniger zu beschäftigen hätte es völlig gereicht, sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens zu begeben und die Welt sich selbst zu überlassen. Wahrscheinlich wären wir heute nicht nur naturwissenschaftlich viel weiter, wahrscheinlich wäre das finstere Mittelalter eher eine blühende Kultur des Wissens geworden, wenn die christliche Kirche sich zurückgehalten und lediglich sinnstiftend vermittelt hätte. So aber hat die Kirche im Prinzip ihre eigene Gottesschöpfung – sollte er existieren – extremst blockiert und behindert und seine Kinder getötet.

Doch bis heute hat die Kirche nichts daraus gelernt und wird immer weiter zurück gedrängt werden. Sie wird auch den Kampf um ihre Moral verlieren, denn auch die Erkenntnis, dass Homosexualität normal ist, haben wir den Naturwissenschaften zu verdanken. Diese Naturwissenschaften, die aus dem Bauch der „Mutter“ Kirche heraus gekrochen sind und jahrhundertelang unter ihrem Mantel versucht haben, Gott in der Natur zu finden, sind in der Zeit der Aufklärung erwachsen geworden und töten seitdem nachhaltig ihren Erzeuger.

Siehe auch:
Naturwissenschaft vs. Religion II – die Unvereinbarkeit und der Lückengott
Naturwissenschaft vs. Religion III – Die Unvereinbarkeit als Vorteil

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