Esoterisches Symbol
gemeinfrei

Sobald ein kritischer Artikel über Esoterik, Spiritualität oder Veschwörungstheorien egal von in welchem Blog, auf welcher Webseite oder in welcher Zeitung auch immer erscheint dauert es nicht lange, bis reflexartig irgendwelche zutiefst getroffene Esoteriker Kommentare schreiben und den Kritiker dazu auffordern, sich doch endlich einmal darüber zu informieren, dass die „materialistische Wissenschaft“ doch längst am Ende sei und deren Kritik an der Esoterik aus reinem Unwissen bestehen würde.
Das finde ich deshalb lustig, weil ich zum einen eine solche Reaktion in meinem Blog gleich ganz zu Anfang erlebt habe und zum anderen jetzt wieder daran erinnert wurde, als ich den Link von Ratgeber-News-Blog folgte, in dem bereits ein solcher durch und durch typischer Kommentar abgegeben wurde.

Da ist also irgendwer der Ansicht, er hätte von einem esoterischen oder spirituellen Vorgang in eigener Erfahrung ein spezielles Wissen erlangt, welches über das Wissen rational denkender Kritiker weit hinaus ragt. Das Ganze wird häufig untermauert durch den Hinweis auf bestimmte Schriften, in denen manche Akademiker mit kruden Erkenntnissen sich in späten Jahren ihre zumeist wohlverdiente Reputation in der Wissenschaftsgemeinde zerstören und wegen eindeutiger wissenschaftlicher Fehlinterpretationen von derselben eher milde belächelt werden. Dabei fällt auf, dass Esoteriker sich fast ausschliesslich auf solche Quellen berufen, und es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen gefallenen Akademikern und esoterischer Anerkennung: je tiefer ein Akademiker wissenschaftlich in Ungnade fällt umso höher seine esoterische Anerkennung.
Aus dem Sumpf der papierenen oder digitalen Naturgesetzverbiegungen übernimmt der lernwillige Esoteriker eine der bereits vorgekauten und ungeprüften Theorien, die selbstverständlich alle deshalb ungeprüft bleiben, weil sie real nicht überprüfbar sind – oder er entwickelt aus diesen Vorgaben eine neue Theorie mit einer eigenen völlig individuellen Interpretation der esoterischen Weltsicht mit angeblichen Vorgängen, die ebenso nicht überprüfbar sind. Beides läßt jegliche beliebige Spielart der Fantasie zu, und in diesem Spiel finden sich nicht einmal mehr Grenzen der völligen Abwegigkeit. Genutzt werden solche Konstruktionen, wie in dem Interview auf dem Ratgeber-News-Blog angedeutet, neben persönlicher vermeintlicher Lebenshilfe auch mit der unterschwelligen Absicht, die aus dem angeblichen Wissen oder gar „spektakulär altem“ Wissen ausgehende angebliche Macht für sich selbst zu nutzen. Denn es kommt ja letztendlich nicht darauf an, wirklich Macht zu haben, sondern sich selbst durch dieses angebliche Wissen mächtig zu fühlen. Doch das ist nichts weiter als eine Selbsterhöhung durch Selbstbetrug sowie eine Einbildung als Machtfantasie zur eigenen Selbstbefriedigung.

Gelehrter beim Studium
gemeinfrei

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Esoteriker der Ansicht seien, Kritiker solcher esoterischer Machtgelüste hätten sich über die Esoterik gar nicht informiert oder nicht einmal selbst den Versuch unternommen, esoterische Theorien nachvollziehen zu können. Natürlich haben sie das, aber ihnen sind die Hände (und der Verstand) an der Realität gebunden. Das liegt hauptsächlich daran, dass kritisch denkende Menschen bei einem Hinterfragen esoterischer Themen genauso wie bei religiösen Themen in dem nicht beweisbaren Anekdotenbereich von Aussagen und Schriften stecken bleiben, also an dem Punkt, an dem der Glaube beginnt und die Erkenntnis einer unhinterfragbaren „Wahrheit“ unabdingbar ist, um den Rest des Gebildes für wahr zu halten. Ein weiteres Verlangen nach einem Beweis für die Richtigkeit der „Wahrheit“ gilt als materialistisches Sakrileg, denn das „kann man nur fühlen“. Für Esoteriker und auch für Religiöse sind solche spirituellen Vorgänge grundsätzlich persönliche Geheimnisse, „die ein jeder selbst für sich entdecken muss“. Natürlich ist keiner dieser Vorgänge real wiederholbar und überprüfbar, geschweige denn messbar.

Insofern ist die Aufforderung der Esoteriker an die Kritiker, sich zu „informieren“ nichts weiter als reine Kirchendogmatik, nämlich die Schriften solange zu studieren oder solange zu meditieren oder zu beten, bis die „Wahrheit“ einleuchtet. Es ist also wie in der Theologie ein Studium ohne offenen Ausgang. Wer zu der Erkenntnis gelangt, das alles sei Blödsinn, hat angeblich die Texte nicht verstanden oder nicht richtig meditiert – und befindet sich nun an einem „No go Ausgang“. Der einzig „wahre“ Ausgang ist der mit der gewünschten Erkenntnis. Was also schlichtweg bedeutet, dass sowohl in der esoterischen Szene als auch in den Religionen jederzeit für jeden angeblich die Wahrheit erkennbar sei, man müsse nur wollen – und alle, die nur belanglosen Kram erkennen, sind verbohrt und materialistisch, verdorben oder indoktriniert – und gehören auf den Scheiterhaufen. Genauso hat die Kirche in ihrer Vergangenheit funktioniert, und genauso funktioniert heute Esoterik. Das Witzige an der Sache ist jedoch, dass Esoteriker sich also genau der Argumentation dogmatischer Kirchen bedienen, aus der sie letztendlich wegen Bevormundung zu entkommen versuchten, während sie der Wissenschaft eine Dogmatik vorwerfen, die ihnen selbst zu eigen ist.

Meßgerät
gemeinfrei

Esoteriker haben heutzutage die Aufgabe übernommen, die bisher den Priestern und Bischöfen der Kirchen zustanden, freilich völlig unorganisiert und ohne jegliche weltliche oder geistige Macht. Sie vertreten gleiche Glaubensinhalte mit anderen Statisten und sind damit dem religiösen Dogmatismus mehr als nahe. Die kirchliche Indoktrination aus ihrer Kindheit hat sie bis heute so sehr im Griff, dass sie sich argumentativ immer noch auf gleicher Ebene bewegen, allerdings ohne richtliniengebende Kirchenhierarchie. Die daraus vermittelte Freiheit der Selbstbestimmung ist in Wirklichkeit keine, denn sie alle richten sich nun nach den Vorgaben anderer Priester, die jetzt Gurus heissen. Insofern sind Esoteriker gleich welcher Couleur deshalb letztendlich ebenso tief katholisch, teilweise fundamentalistisch und ganz sicher dogmatisch, in jedem Fall aber Abhängige indoktrinierter Unsicherheiten und Ängste.

Aus all diesen Gründen ist der Vorwurf, rationale Kritiker seien uninformiert und materialistisch, nichts anderes als ein Vorwurf dogmatischer Wahrheitsgläubige, die selbst niemals etwas beweisen können. Diese Machtlosigkeit treibt sie dazu, wie die Kirche in Bezug auf die idiotischen „natürlichen Gesetze“ sich auf kuriose Fundamente zu berufen, die letztendlich aber alle nicht real existent sind. Den Kritikern dagegen bleibt demzufolge nichts weiter, als gegen den Unsinn der esoterischen „Wahrheiten“ anzuschreiben oder anzureden – auch wenn jeder die Freiheit hat, an jeden Unsinn zu glauben.