Besuch beim Kurpfuscher
gemeinfrei

Vor ein paar Tagen hatte ich im letzten Absatz des Artikels „Fortschreitender Rationalitätsverlust in der Politik“ eher nebenbei auf ein bei Psiram erstelltes Inhaltsverzeichnis über Hochschulen mit pseudowissenschaftlichen Lehr- und Forschungsinhalten aufmerksam gemacht und dies als Mitgrund aufgeführt, warum unsere politische und gesellschaftliche Öffentlichkeit zunehmend mit esoterischen Humbug verseucht wird. Die immense Anzahl der Hochschulen mit solchen Inhalten hat mich erschreckt – immerhin sind mehr als 25 an der Zahl aufgeführt. Demzufolge gab oder gibt es  nicht nur Hogwarts an der Oder oder an der Traun, sondern jede Menge  „Zauberuniversitäten“ an vielen verschiedenen Flüssen.

Doch auch das deutschsprachige Ausland ist nicht von den unwissenschaftlichen Strömungen verschont geblieben. So gab oder gibt es ein Kolleg für Gesundheit und Entwicklung in Graz, die den ganzen Firlefanz „rauf und runter“ anbieten oder angeboten haben, eine medizinische Universität in Wien mit homöopathischer Geburtshilfe und eine Universität Zürich mit chiropraktischen Ambitionen. Auf Psiram heisst es dazu: „Seit dem Wintersemester 2008 bietet die medizinische Fakultät der Universität Zürich einen Studiengang Chiropraktik an, die von der Universität „als wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethode“ bezeichnet wird.“ (Quelle Psiram).

Chiropraktik
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Im Prinzip ist jedoch diese esoterische Seuche letztendlich kein Wunder, auch wenn niemand so richtig versteht, wieso sich der unwissenschaftliche Wahnsinn derzeit wie ein wucherndes Gewächs über die Gesellschaft legt und die seriöse Wissenschaft zunehmend zu ersticken droht. Ganz offen wird abergläubischer Unfug vertreten, und gleichzeitig werden wissenschaftlich gut fundierte Erkenntnisse verdrängt. Am deutlichsten ist dies im Gesundheitswesen zu beobachten. Eindeutig zu weit geht das allerdings dann, wenn sich Gesundheitspolitiker nicht mehr eindeutig für eine Impfung aussprechen und alternative Quacksalbermethoden befürworten – ein absolutes Unding!

Der Einzug der Pseudowissenschaften in die Unis jedoch ist der Beginn einer Epoche, die mit dem finsteren Mittelalter verglichen werden kann. Denn trotz der Aufwertung alternativmedizinischer Themen durch akademische Behandlung bleiben sie nichts weiter als abergläubische Thesen, denn sie werden dort kaum wie in der seriösen Forschung üblich nach international anerkannten Kriterien geprüft. Diese Forschungen gab es alle schon und waren im Prinzip bis auf wenige Ausnahmen vernichtend. Deshalb zählt einzig eine positive Bewertung, auch wenn dabei das Blaue vom Himmel herunter gelogen wird. Gerade in der Homöopathie ist es inzwischen gang und gäbe, trotz zahlreicher und aussagekräftiger Studien, die über einen langen Zeitraum immer wieder die gleiche Unwirksamkeit bewiesen, diese einfach zu ignorieren und weitere Studien zu fordern. Und wenn die neuen Studien negative Ergebnisse bringen, dann schämt sich anscheinend niemand dabei, andere Untersuchungsmethoden zu fordern, damit endlich die ersehnten gewünschten Daten zustande kommen, egal nach welchen Kriterien. Dass dies aber niemals zu einem ernstzunehmenden Erfolg führen wird, scheint niemanden wirklich zu stören.

Doch warum gibt es zunehmend Akademiker an den Universitäten, die sich mit solchem Humbug beschäftigen? Wie kommt es, dass vermehrt Politiker von dem ganzen Unsinn trotz vermeintlich besseren Wissens schwärmen und sich erdreisten, völlig uninformiert ob der tatsächlichen Datenlage alternativmedizinischen Unsinn als politische Zielsetzung zu verbreiten?

Nicht hinterfragbare Autoritäten – gemeinfrei

Es rächt sich nun, dass der bis auf wenige Ausnahmen anhaltenden Unsitte, Kindern und Jugendlichen in den Schulen möglichst kein kritisches Denken beizubringen, in früheren Jahren keinerlei politische Bedeutung beigemessen wurde. Lag doch das unkritische Denken lange Zeit ganz im Interesse eines noch immer nicht verloren gegangenen preussischen Traditionsdenkens politischer und akademischer Autoritäten. Es ist demzufolge auch kein Wunder, dass solche Auswirkungen gerade in Deutschland und Österreich am sichtbarsten sind, denn in diesen beiden Ländern war das autoritäre Denken in Europa am stärksten verbreitet.
Zudem ergibt sich durch die Rückläufigkeit religiöser Strukturen neuer Bedarf an Glaubensinhalten, der sich in abergläubischen Strömungen entwickelt, denn all diese quacksalberischen Alternativbehandlungen bauen auf unbestimmte „geistige“ Vorstellungen auf, sei es Karma, Aura, Chi, Wassergedächtnis oder sonstigen verschwurbelten Unsinn. Dies alles erzeugt enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft bis in die akademischen, vorwiegend medizinischen Bereiche hinein und lässt somit das verstärkte unkritische Denken in Verbindung mit dem religiösen Mangel deutlich werden.

Auditorium – gemeinfrei

Doch das lässt nichts Gutes für unsere Zukunft und dem Wissenschaftsstandort Deutschland erahnen. Der Ruf der deutschen Universitäten, dem einstigen Hort seriöser Wissenschaften und angesehener Wissenschaftler wird mit dieser Veränderung ein schwerer Schaden zugefügt, der für die Zukunft noch gar nicht absehbar ist. Und das, obwohl unsere Universitäten immer noch seriöse Forschung betreiben und eigentlich einen guten Ruf haben sollten. Den lassen sie sich aber durch die pseudowissenschaftlichen Umtriebe zunehmend zerstören.
Zur Zeit werden die Universitäten mit solchen Lehrinhalten noch belächelt, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis die Nennung des Namens „Deutschland“ in Verbindung mit „Wissenschaft“ nur noch Heiterkeit auslösen wird. Da braucht man im Prinzip nur noch darauf zu warten, dass Astrologie zum Pflichtstudium für angehende Finanz- oder Wirtschaftswissenschaftler wird, denn ob Homöopathie in der Medizin eingesetzt wird oder Astrologie im Finanz- oder Wirtschaftswesen macht im Prinzip keinen Unterschied mehr.

Deshalb sollte man all denen, die studieren möchten oder mit dem Gedanken spielen, später studieren zu wollen doch gleich empfehlen, sich einen Studienplatz im fremdsprachigen Ausland zu suchen. Zumindest scheint da die Chance höher, tatsächlich wissenschaftlich arbeiten zu können und echte Wissenschaft zu erlernen. In Deutschland scheinen die Chancen für ein aberglauben- und pseudowissenschaftfreies Studium derzeit immer schlechter zu werden, vor allem im medizinischen Bereich.

Datenquelle: Psiram – Hochschulen mit pseudowissenschaftlichen Lehr- und Forschungsinhalten, abgerufen am 18. Januar 2013