Stellen wir uns ein schönes Klischee vor, nämlich dass im Hafen einer beliebigen Stadt eine Prostituierte im Dienst auf einer Kaimauer säße und den plätschernden Wellen zuschaut, während sich ihr ein gut situierter, aber sehr korpulenter Herr nähert, um mit ihr ein Schäferstündchen auszuhandeln. Unglücklicherweise jedoch stolpert der Freier und fällt über die Kaimauer in´s Wasser. Nach dem Auftauchen ruft er verzweifelt um Hilfe und gibt den Hinweis, er könne gar nicht schwimmen. Die Dame des liegenden Gewerbes jedoch ist viel zu schmächtig, um den Herrn an Land zu ziehen und schaut sich hilfesuchend um.

Dabei entdeckt sie einen Pfarrer, der gerade seinen Abendspaziergang macht und ruft ihm zu, man müsse den in´s Wasser gefallenen Herrn vor dem Ertrinken retten, sie könne den gewichtigen Herrn nicht alleine aus dem Wasser ziehen. Der Pfarrer mustert die Prostituierte von oben bis unten, schaut auf den schwimmenden Herrn und bemerkt, dass auch er den Ertrinkenden nicht alleine aus dem Wasser ziehen kann. Daraufhin sagt der Pfarrer: „Tut mir leid. Wir können den korpulenten Herrn leider nur gemeinsam aus dem Wasser ziehen, aber ich bin ein Mann der Kirche, und ich darf und werde niemals gemeinsame Sache mit einer Prostituierten machen, das weiß doch jedes Kind!“

Der korpulente Herr im Wasser ertrinkt.

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Laßt sie ertrinken
gemeinfrei

Die Geschichte mit dem etwas unglaubwürdigen Ausgang ist so unglaubwürdig gar nicht, wenn man das derzeitige Verhalten der evangelischen Kirche in Berlin betrachtet. Dort wurde der MUT Gesellschaft für Gesundheit mbH, eine Tochterunternehmung der Ärztekammer, die Räumlichkeiten der Obdachlosen-Ambulanz am Ostbahnhof gekündigt, weil die Zielsetzung des neuen Trägervereins, des Humanistischen Verbands Deutschland (HVD), weltanschaulich nicht mit dem der evangelischen Kirche übereinstimmt, ja sogar ihr zuwider läuft. Nun wechselt jedoch nur der Träger, also der Geldgeber und somit der Mieter der Räumlichkeiten, nicht aber die Gesellschaft, die diese Obdachlosen-Ambulanz betreibt und im Prinzip auch nicht das Personal in den Räumen. Doch die Weltanschauung des Mieters ist natürlich von so immenser Bedeutung, dass die Meinungsverschiedenheiten nicht an einem runden Tisch, sondern auf dem Rücken der Obdachlosen ausgetragen werden müssen und der Ambulanz gekündigt wurde. Auf das Wichtigste, nämlich dem christlichen Miteinander wird gepfiffen, schliesslich ist die christliche Kirche ja aus ihrer Geschichte schlimmere weltanschauliche Menschenopfer gewohnt, da kommt es auf ein paar Obdachlose nun auch nicht mehr an.  Begründet wurde die Kündigung damit, man sei an die kirchliche Grundordnung gebunden, schliesslich können man auch nicht ein Bordell oder eine Waffenfabrik in den kirchlichen Räumen zulassen.

Obdachloser – gemeinfrei

Na klar, schliesslich ist es kaum unverschämt, den HVD mit einem Bordell zu vergleichen, aber für die evangelische Kirche scheint das keinen Unterschied zu machen. Die Weltanschauung alleine zählt, nicht die sozialen Aufgaben der MUT, und deshalb werden im Namen des Herrn noch viele ertrinken, die hätten gerettet werden können. Schliesslich muss eine Weltanschauung bis zum letzten Mann verteidigt werden, da kann man nicht auf  Menschen Rücksicht nehmen, zumal diese Obdachlosen wahrscheinlich sowieso alle keine Kirchensteuer bezahlen.
Aber es ist im Prinzip nichts Neues, denn diese Vorgehensweise bestätigt wieder einmal  eine US-amerikanische Studie über fromme Gläubige, dass diese weniger Mitleid mit ihren Nächsten haben als Nichtgläubige, und vor diesem Hintergrund verwundert das Verhalten der christlichen, hier im besonderen die evangelische Kirche überhaupt nicht. Da müssen sich die Kirchen egal von welcher Fraktion nicht wundern, dass auch ihr inhumanes Verständnis von Nächstenliebe dazu führt, die Kirchen immer weiter aus der Gesellschaft zurück zu drängen. Denn nicht nur aus diesem Grunde geschieht ihnen recht, hier aber ganz besonders.

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