Arroganz – gemeinfrei

Sicher kennen viele das Phänomen. Da trifft man – aus welchen Gründen und an welchem Ort auch immer – auf einen Menschen mit überdurchschnittlicher Intelligenz, hohem Bildungsgrad oder fortgeschrittener öffentlicher Anerkennung und wundert sich über die merkwürdige Art seiner Kommunikationsstrategie, die plötzlich und völlig unerwartet zwischen Abfälligkeit und Arroganz agiert und somit einen Teil der persönlichen Beschränktheit und des Charaktermangels preisgibt. Manchmal erfährt man auch gleich – vor allem bei zunehmender Anonymität etwa in Chats – eine gewisse vulgäre Tendenz solcher Menschen bis hin zum eindeutigen Pöbeln.

Aus irgendeinem Grund – häufig durch persönliche Ereignisse auf emotionaler Seite – entdeckt man an solchen Menschen völlig dunkle bis bizarre Seiten, von Penetranz bis kindischem Gejammere, durchdrungen von einer „ich-bin-doch-wer“-autoritären Arroganz bis hin zu völlig lächerlichem Verhalten. Zusätzlich hört man immer wieder von bis dato bewunderten Menschen, deren dunkle Verfehlungsseite durch Medien an´s Tageslicht gezerrt werden und viele Leser sich fragen, warum ausgerechnet ein derart verdienter und erfolgreicher Mensch sich plötzlich leichte bis schwere Vergehen zuschulden kommen lässt und bewusst in Situationen begibt, die seiner Reputation absehbar schaden.

Bizarres Verhalten auch bei angesehenen Personen
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Eigentlich erwartet man solche Seiten nicht gerade bei Menschen mit von der Masse abhebenden Eigenschaften. In erster Linie wird von ihnen eine gewisse Gelassenheit sich selbst und Geduld den anderen gegenüber erwartet, denn man vermutet hinter dem persönlichen Erfolg auch ein bestimmtes Maß an Zufriedenheit mit sich selbst. Zudem wird solchen Menschen eine Vorbildfunktion zugetragen, derer sie sich auch würdig erweisen sollten, denn sie erhalten durch diese Funktion einen gesellschaftlichen oder persönlichen Vertrauensvorschuss. Im Prinzip geht – trotz immer wieder bekannter gegenteiliger Fälle – kaum jemand davon aus, dass Menschen mit aus dem Durchschnitt herausragenden Eigenschaften oder Verdiensten ihr gewonnenes Ansehen bewusst auf´s Spiel setzen. Doch diese Sichtweise ist trügerisch, wie vor einiger Zeit ein typisches Beispiel für den rasanten Niedergang eines äußerst beliebten Politikers gezeigt hat. Ausgelöst durch eine abgeschriebene und inzwischen aberkannte Doktorarbeit war der steile Fall des damaligen Verteidigungsministers Guttenberg trotz hohem Beliebtheitsgrad und Glamourfaktor nicht mehr aufzuhalten und sein Verhalten in dieser Zeit mehr als unwürdig.

Anstand für fünf Pfennig
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Nun will ich hier aber gar nicht auf die Verfehlungen selbst eingehen und auch keine Diskussion darüber führen, ob denn Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder Verdiensten nicht auch einfach nur Menschen seien. Natürlich sind sie das, und es geht mir auch nicht so sehr um die Dummheiten, die ein jeder einmal macht oder um Fehler, die einem im Leben zwangsläufig unterlaufen, auch wenn man es selbst hat dazu kommen lassen. Nein, es geht eher um das Verhalten solcher Menschen im vorwiegend zwischenmenschlichen Bereich, wenn sie sich dort aus welchen Gründen auch immer nicht benehmen können. Hier fällt deutlich auf, dass es doch häufiger als vermutet solchen Menschen nicht möglich ist, sich in ihrem Leben durchgängig zumindest eine Grundbasis Anstand zu erhalten – im Volksmund sagte man früher dazu, dass jemand wenigstens „für fünf Pfennig Anstand“ bewahren sollte. In diesen „für fünf Pfennig Anstand“ verbirgt sich nämlich die Unverletzlichkeit der Würde des Gegenübers, die zumindest in einer zivilisierten Gesellschaft von jedermann stets eingehalten werden sollte. Um wieviel mehr also gilt das ganz besonders für Menschen, die durch überdurchschnittliche Intelligenz oder gesellschaftliche Anerkennung Respekt und Ansehen erworben haben. Hier kann sogar ein deutliches Mehr an der Einhaltung eines stets respektvollen Umgangs mit anderen Menschen erwartet werden. Und das bezieht sich schon auf den kleinen zwischenmenschlichen Bereich, bei dem bspw. ablehnende Entscheidungen eines Menschen ohne abfällige Äußerungen, Stalking oder weiteren Zudringlichkeiten akzeptiert werden müssen.

Menschen, die aufgrund ihrer Leistungen für die Gesellschaft in öffentlichen Ehren stehen sind genauso wie hochintelligente Menschen ganz besonders für ihr Leben und sich selbst verantwortlich, und beides sollte zumindest in den Grundzügen stets seriös bleiben. Wenn sie dieser Verantwortung jedoch aus welchen Gründen auch immer nicht gerecht werden und mit persönlichen Verfehlungen ihre Reputation in Frage stellen, so machen sie sich selbst zunehmend wertlos und verlieren den Respekt der anderen. Im schlimmsten Falle werden sogar ihre Errungenschaften geschmälert, denn sie sind mit dem Namen desjenigen verbunden, dessen Reputation verloren ist. Das gilt auch dann, wenn letztendlich der Gewinn für die Gesellschaft davon selbst nicht betroffen ist.
Menschen, die sich nicht für „fünf Pfennig Anstand“ bewahren, schmälern automatisch damit bereits zu ihren Lebenszeiten ihr gesamtes Lebenswerk oder machen ihre herausragende Intelligenz wertlos. Denn jemand, der sich nicht benehmen kann, wird nicht respektiert werden, auch wenn er Grossartiges geleistet haben mag.