Schöpfung – welche Ordnung?
gemeinfrei

Es gibt in unserer Sprache Begriffe, die im Prinzip als selbstverständlich hingenommen werden und einen uralten Traditionsschwanz hinter sich her ziehen. Bei näherem Hinsehen jedoch entpuppen sie sich häufig als Begriffe mit schwammigen oder gar ohne festen Hintergrund. Einer dieser in öffentlichen Äußerungen und Predigten immer wieder gerne von kirchlichen Amtsträgern benutzten Begriffe ist neben dem unsinnigen „natürlichen Gesetz“ die etwas seltsame „Schöpfungsordnung“, welche jüngst der Kölner Erzbischof Joachim Meisner mit Abtreibungen und Sterbehilfe in Zusammenhang brachte und beides als skandalösen Aufstand“ dagegen bezeichnete. Doch was soll diese ominöse „Schöpfungsordnung“ überhaupt sein? Was meint Meisner damit? Wo ist das Regelwerk, auf dass sich Meisners Äußerungen beziehen und wogegen der angebliche skandalöse Aufstand stattfindet?

Die Suche nach dem Wort gestaltet sich schwieriger als gedacht, und die Enttäuschung bei der Suche nach einer Erklärung folgt auf dem Fuße. Weder in Wikipedia noch in anderen Nachschlagewerken ist die „Schöpfungsordnung“ zu finden, und in den Suchmaschinen bleiben die Ergebnisse erst einmal vage. Im Gegensatz zu den konkret nicht vorhandenen natürlichen Gesetzen, die ja zumindest in der Philosophie oder als überpositives Recht in der Rechtsphilosophie häufiger zu finden sind und zumindest geisteswissenschaftlich besprochen wurden, scheint die Schöpfungsordnung ausschliesslich in theologischen Ausarbeitungen, Predigten und schreierischen Äußerungen wie die von Meisner vorzukommen. Aber selbst dann bleibt die Definition unklar, denn selbst in der einheitsübersetzten Bibel ist die Schöpfungsordnung nicht zu finden. Das Wort existiert dort schlichtweg nicht, und auch bei der gemeinsamen Suche nach „Schöpfung“ und Ordnung“ verweigert der Bibelserver ein Ergebnis.

In den Suchmaschinen dagegen lassen sich lediglich in manchen niedergeschriebenen Predigten, Kommentaren, oder Bibelkommentaren hier und da einige Stellen finden. Oft sind es vollmundige Ankündigungen, man werde nun über die Schöpfungsordnung sprechen oder schreiben, doch letztendlich bleiben die weiteren Ausführungen entweder völlig unklar oder sie verlieren sich im weiten Feld nichtssagendem Geschwafel. Ein schönes Beispiel für eine solche undefinierte Fortführung fand ich auf einer Webseite für Bibelkommentare. Dort heisst es: „Aus der Schöpfungsordnung Gottes ergibt sich die Stellung von Mann und Frau, und daraus resultieren auch die Aufgabenbereiche und Tätigkeiten von Männern und Frauen.“ Aha! Und was ist das bitte? Um welche Stellung und um welche Tätigkeiten handelt es sich? Geht das auch konkret?
Anscheinend nicht, denn weiter wird dann nur erläutert, was wichtig ist, und als Ergebnis wird dann angenommen, dass alles wichtig ist, was sich zwischen den Deckeln der Bibel befindet. „Haltet die Klappe und fragt nicht nach, denn wir wissen auch nichts!“, scheint das Resümee von Bibelkommentaren zu sein. So findet sich auf dieser völlig verschwafelten Seite über die angebliche Schöpfungsordnung durch den gleichen Autor ebenso nichts zur Sache, ausser dass er sich wieder über die Stellung von Mann und Frau auslässt.

Nun findet sich im Internet anscheinend keine wirklich konkrete Definition einer Schöpfungsordnung, welche die Aussage Meisners verständlicher machen könnte und den Zusammenhang zwischen Schöpfungsordnung, Abtreibung und Sterbehilfe (oder Homosexualität) als Verfehlung oder gar skandalösen Aufstand gegen ein Regelwerk sichtbar macht. Insofern gehört dieses Wort eher zu den vielen unausgegorenen Schlagwörtern, die kirchliche Amtsträger gerne benutzen, um in der Öffentlichkeit mit heiß zelebrierten Angstluftblasen wirksam zu glänzen, was ja kirchlichen Würdenträgern irgendwie zu eigen scheint. Ansonsten wird das Wort anscheinend grundsätzlich gerne für allen möglichen moralischen Schwachsinn benutzt, wie man hier nachlesen kann, und auch der Papst ist sich nicht zu schade, von einem solchen Unfug zu reden – hier auch noch diskriminierend.

Die Schöpfungsordnung scheint also lediglich das Verhältnis von Mann und Frau in althergebrachter biblischer Unterwürfigkeit zu bezeichnen. Insofern ist es sowieso überholt und sollte auf den Müllhaufen der Geschichte landen. Ansonsten ist die Schöpfungsordnung tatsächlich nichts weiter als ein Schlagwort ohne Sinn, hohler Quatsch für effektvolle Predigten, maximaler Wirkungsversuch ohne jeglichen Inhalt. Eine Erfindung  ängstlicher Menschen mit Traditions-Verlustängsten.

Falls nun doch jemand wider Erwarten die Schöpfungsordnung konkret als Regelwerk benennen kann – vor allem das, auf das sich der Kölner Kardinal Meisner im Hinblick auf Abtreibung und Sterbehilfe bezieht -, der sollte dies in den Kommentaren tun. Aber verschont mich bitte mit unkonkretem Geschwafel dieser Art!

Siehe auch:
Die Mär von dem natürlichen Gesetz