Gestern hatte ich einen recht interessanten TED-Beitrag (TED = Technology, Entertainment, Design) über „Liebesbriefe an Unbekannt“ von Hannah Brencher veröffentlicht. Dort wird von einer Einrichtung erzählt, in der Menschen Briefe an (unbekannte) Menschen schreiben, die dringend Aufmerksamkeit benötigen.
Angeregt durch eine Email aufgrund des Artikels fiel mir ein, dass ich vor längerer Zeit über auf Papier geschriebene Briefe bereits nachgedacht hatte, und zwar aufgrund des damaligen Umbruchs der schriftlichen Kommunikation von handgeschriebenen über auf Schreibmaschine oder Computer geschriebene und gedruckte Briefe bis hin zum papierlosen Schriftverkehr über Email und Co.

In der Zeit vor dem Internet hatte ich regelmäßig mit einem entfernt wohnenden Bekannten schriftlich Gedanken ausgetauscht. Wir schrieben auf herkömmliche Art, nutzten aber beide bereits die uns zur Verfügung stehende Technik. Mein älterer Briefpartner schrieb bis zu seinem Tod zuerst mit einer mechanischen, später halbelektronischen Schreibmaschine, wobei ich stets einen Computer benutzte. Am Anfang verwendete ich ein unter DOS selbstprogrammiertes Textverarbeitungsprogramm. Der Briefpartner dagegen schrieb die Briefe stets handschriftlich vor und korrigierte sie, um sie dann in Reinformat auf der Schreibmaschine abzutippen. Dagegen konnte ich mit dem Textverarbeitungsprogramm den Brief  gleichzeitig vorschreiben, korrigieren (eine automatische Korrektur gab es damals noch nicht) sowie in Goethes Sinne verkürzen. Das alles kostete natürlich Zeit, die ich mir allerdings auch heute noch nehme, bspw. beim Schreiben dieses Artikels.

Mechanische Schreibmaschine
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Handgeschriebene Briefe dagegen haben heutzutage eine ganz besondere Note. Sie wirken persönlicher, denn auf dem Papier sind nicht nur der Inhalt,  Stil und Buchstaben zu erkennen, sondern auch das persönliche Schriftbild des Absenders. Dennoch schrecken mich bei persönlichen handgeschriebenen Briefen gewisse Dinge ab, die im ersten Moment gar nicht so schnell offensichtlich werden. Zum Einen erwartet ein trotz bestehender Technik handgeschriebener Brief eine ebenso handgeschriebene Antwort. Alles andere wäre Stilbruch oder Mißachtung, denn ein solcher Brief vermittelt in der heutigen Zeit auch immer eine gehörige Portion Persönlichkeit und die damit verbundenen Emotionen. Zum Anderen müssten sich der ungeübte Handbriefschreiber wieder einigermaßen in Schönschrift üben, denn das Lesen handgeschriebener Sätze kann bisweilen bis zum Rätselraten jedes einzelnen Wortes ausarten. Manchen Menschen sagt man nämlich nach, dass sie alleine aufgrund ihrer Schrift hätten Arzt werden können, und zum eindeutigen „Übersetzen“ des Briefes müsste man zumindest ApothekerIn oder Apothekenangestellte(r) sein, die (noch) die für den Schönschriftfreund unleserlich geschriebenen Sätze auf Rezepte eindeutig entziffern können (allerdings sterben die auch langsam aus, weil nahezu fast alle Praxen inzwischen auf elektronisch gedruckte Rezepte umgestellt haben).
Und letztendlich ist das Schreiben mit der Hand auch zeitlich intensiv und mühselig, denn ein guter handschriftlicher Brief muss vorgeschrieben und korrigiert werden. Das heisst also, man schreibt ihn mindestens zweimal, und falls nach Fertigstellung ein heftiger Fehler entdeckt wird auch gerne dreimal. Am Schlimmsten jedoch ist es vor allem für denjenigen, der sich durch den Empfang eines handgeschriebenen Briefes genötigt fühlt, ebenfalls mit einem handschriftlichen Brief zu antworten, obwohl der Empfänger schon seit Jahren Email und das schnelle Heruntertippen mit Smiley und LOL gewohnt ist.

Der Liebesbrief
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Für die romantische Kommunikation taugt das jedoch nicht, denn die Wirkung eines handgeschriebenen Briefes ist unbestritten, zumal dann, wenn der auch noch den romantischen Gefühlen entsprechend emotional manipulierend eingesetzt wird. Da hat ein handgeschriebener Liebesbrief, vielleicht noch ganz klassisch mit Parfum beträufelt, eine ganz besonderen Effekt. Dieser Brief wird nicht nur gelesen, er wird beschnuppert, an´s Herz gedrückt oder unter das Kopfkissen gelegt, je nachdem, mit welchen Emotionen der Empfänger oder die Empfängerin den Brief entgegen nimmt. Im schlimmsten Fall kann in Anlehnung an eine Szene aus „Der Name der Rose“ der Brief auch aufgegessen werden.
Manche geraten darüber gar leicht in´s Schwärmen über die gute alte Zeit. Doch gerade dann, wenn von einer vergangenen Epoche verklärend gesprochen wird vergißt man schnell, dass diese eher lahme Postzeit auch durchaus ihre Nachteile hatte. Wenn man nämlich an die wochenlange oder gar monatelange Qual des Wartens auf eine Antwort denkt, in der der Absender sich unglaublich viele Sehnsuchtsgedanken nicht nur positiver Art machen könnte (wie hat er /sie reagiert, ist sie/er mir treu geblieben, hat sich seine/ihre Liebe abgekühlt oder nicht?), dann mag das vielleicht für manche Unbetroffene mit einer eher kitschigen Vorstellung von Romantik, Sehnsucht und Liebe verbunden sein, für Betroffene war und wäre das aber schlichtweg immer noch eine Tortur. Doch auch wenn heutzutage die Post Dank ihrer eigenen Weiterentwicklung vom Pferd zum Kfz wesentlich schneller geworden ist, so ist doch der Aufwand mit Schreiben und Frankieren, zur Post bringen und auf Antwort auf dem gleichen Wege warten immer noch eher mit Tagen oder Wochen verbunden, abhängig von der Schreiblust des Briefpartners. Und wenn die Antwort dann doch zu lange auf sich warten läßt ist man schnell dazu geneigt, mal eben per Telefon oder Email nachzufragen, ob der Brief denn überhaupt angekommen ist.

Alltag nach romantischen Liebesbriefen – gemeinfrei

Da hat die moderne Kommunikationstechnik doch eher unbestreitbare Vorteile, auch im Hinblick auf die früher vertane Lebenszeit, in der man heute durch den technischen Fortschritt doch alleine schon zeitlich mehr voneinander hat. Entfernungen spielen zumindest für diese Art der Kommunikation fast keine Rolle mehr, jedenfalls nicht in der romantisch-sehnsüchtigen Zeit des Kennenlernens. Wenn dabei allerdings noch zusätzlich ein handgeschriebener Liebesbrief mit dem Parfum oder dem After Shave des/der Angebeteten eintrifft, dann kann man das heutzutage als besondere Note und zusätzliche Bereicherung erfahren, solange man dies nicht als allein seligmachendes Stilmittel postuliert. Dann können handgeschriebene (Liebes-) Briefe sozusagen das Sahnehäubchen in den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten sein, um eindeutig zum Ausdruck zu bringen, der andere sei etwas ganz besonders. Das legt sich zwar erfahrungsgemäß im Alltag einer dann folgenden Beziehung schnell wieder, aber zumindest hat man wenigstens einmal davon romantisch träumen dürfen.

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