Vor einiger Zeit hatte ich mich schon einmal darüber ausgelassen, dass manche Mitmenschen in zumeist angeregten Diskussionen plötzlich mit einem Zitat aufwarten und damit die Diskussion zum Erliegen bringen. Sei es, weil das Zitat entweder völlig deplaziert angebracht wurde oder sei es, weil das Zitat zumeist zum Thema unpassend belehrend und manchmal auch noch mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen wird und der Zitierer nun meint, er hätte etwas völlig Kluges von sich gegeben. Häufig jedoch merkt er gar nicht, dass der Rest der Diskussionsteilnehmer entweder betreten schweigt oder sich nur mit Mühe einer Facepalm-Gestik enthalten kann.

Solange Zitate witzig sind können sie noch als Auflockerung einer Diskussion verstanden und als Anekdote abgehakt werden. Dazu gehören bspw. solche Sprüche wie das dem Schriftsteller André Gide zugeschriebene Zitat: Wenn ein Philosoph einem antwortet, versteht man überhaupt nicht mehr, was man ihn gefragt hat. Doch oft will der Zitierende mit einem Zitat etwas bestimmtes zum Thema ausdrücken. Manchmal erkennt er dabei nicht, dass er mit Inhalt oder Sinn des Zitats völlig daneben liegt und viele der vermeintlich klugen Zitate entweder gar nicht klug sind oder nur die halbe Wahrheit enthalten. Schlimmer noch, dass einige der gerne vorgetragenen Zitate mit angeblichen Lebensweisheiten tatsächlich eher schwach bis idiotisch sind und ausschliesslich durch die Autorität des Zitaterfinders getragen werden. So ist auch der von dem sich stets selbstüberschätzten Schopenhauer geäußerte Satz „Auch das Zufälligste ist nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Notwendigesgarantiert eines dieser völlig überflüssigen und nichtssagenden Zitate.

Andere Zitate, die im Beginn eine scheinbar kluge Sichtweise oder lehrreiche Lösung anbieten, sind häufig nicht zu Ende gedacht und bleiben mit ihren Wahrheiten auf halber Strecke stecken. Zu einem dieser merkwürdigen Zitate, die zwangsläufig nach einer Fortsetzung rufen, gehört bspw. das des Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar: Wir warten unser Leben lang auf den außergewöhnlichen Menschen, statt die gewöhnlichen um uns her in solche zu verwandeln. Konsequent fortgeführt werden könnte dieses Zitat sogar mit zwei verschiedenen Sätzen, nämlich mit „…und wenn wir sie verwandelt haben, langweilen sie uns zu Tode“, sowie mit „…nur um dann festzustellen, dass aus einem gewöhnlichen Stein kein Diamant werden kann“. Solche Ergänzungen lassen sich bei vielen Zitaten anbringen und degradieren damit die vordergründige Weisheitsshow des Verfassers zu einem nicht weit genug gedachten Gehirnschnellschuss. Auch folgende Beispiele zeigen das recht deutlich:

Ralph Waldo Emerson, US-amerikanischer Philosoph
Was wir am nötigsten brauchen, ist ein Mensch, der uns zwingt, das zu tun, was wir können
…und deswegen werden so viele Menschen jeden Tag erschossen.“

Friedrich von Schiller, deutscher Dichter, Philosoph und Historiker:
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt
„…falls er vor seinem Hungertod noch eine Chance dazu hat.“

Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und Lyriker:
Mit einem Menschen, der nur Trümpfe hat, kann man nicht Karten spielen
„…aber man kann ihn wunderbar betrügen.“

Laozi, chinesischer Philosoph:
Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über große Dunkelheit zu klagen
„…denn dann wird man leichter gesehen und schneller getötet.“

Henry David Thoreau, US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph:
Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen, wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen
„…solange wir nicht aufwachen.“

Rabindranath Tagore, bengalischer Philosoph und Dichter:
Hoffnung ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“
„…andere nennen das Schlafwandeln, Schizophrenie oder schlichtweg Ruhestörung.“

Joseph Joubert, französischer Philosoph:
Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen
„…dachten sich unter anderen auch Adolf Hitler, Josef Stalin, Benito Mussolini, Mao Zedong, usw.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, deutscher Philosoph:
Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit
„…dachten sich unter anderen auch Adolf Hitler, Josef Stalin, Benito … “

Friedrich Nietzsche, deutscher Philosoph:
Gewissensbisse sind wie die Bisse eines Hundes gegen einen Stein – eine Dummheit
„…dachten sich unter anderen auch … äh …“

Deshalb, liebe Freunde des verstaubten Zitats, versucht lieber nicht mangels eigener Argumentationsfähigkeit mit einem klug klingenden Zitat zu glänzen. Zum Einen verbleibt die eventuelle Klugheit des Zitaterfinders bei eben diesem und geht nicht deshalb auf einen Zitierer über, weil er es im unpassenden Moment nachplappert. Zum Anderen kann man sich auch mit einem noch so tollen Zitat nicht klug stellen. Das offenbart und rächt sich spätestens bei konkretem Nachfragen. Verschont mich also bitte mit den launigen Sätzen alter verblichener Philosophen. Die sind nämlich häufig genauso mumifiziert wie ihre Zitate, und wenn die ständig jemand im unpassenden Moment hervor kramt, dann wird es oft genau so gruselig wie das Zurschaustellen der Mumie selbst. Bitte bleibt mir auch zukünftig weg mit Zitaten!

Siehe auch:
Bleibt mir weg mit Zitaten!
Die Unmöglichkeit des Klugstellens