Die Demut präsentiert den abgeschlagenen Kopf der Überheblichkeit – gemeinfrei

Politiker sprechen in den letzten Jahren vermehrt unabhängig vom Ausgang einer Wahl an Wahlabenden gerne davon, dass sie das Votum des Wählers in Demut annehmen. Nachdem Verlierer früher häufig dem Wähler offen oder versteckt Dummheit vorwarfen („wir konnten unsere Zielsetzung nicht vermitteln…“), geben sich Wahlverlierer inzwischen zumeist gezielt demütig, um zumindest die nächste anstehende Wahl nicht auch noch wegen bleibender Verärgerung der Wähler aufgrund idiotischer Sprüche zu verlieren. Gewinner dagegen nehmen nicht mehr die arrogante Siegerpose ein und verneigen sich in Demut vor dem Vertrauen der Wähler. Dass solche Sätze, die schon während des Interviews einen Würgereiz beim Wähler verursachen, sich später stets als leere Phrasen oder heisse Luftblasen entpuppen ist nicht erst an den jüngeren politischen Entscheidungen abzulesen.

Auch in den Kirchen wird die Demut stets propagiert, hier allerdings sowohl als Bekenntnis eigener dienender Unterwürfigkeit als auch ganz besonders als Anforderung gegenüber dem Untergebenen, von der Spitze der Hierarchie – also der göttlichen Instanz – bis hinunter bis zum letzten Anhänger der religiösen Gemeinschaft. Die Anforderungen an die Untergebenen waren jedoch früher stets so zwingend, dass liebend gerne und häufig in den unteren Demutsrängen mit dem Rohrstock nachgeholfen und die verlangte Demut eingeprügelt wurde. Ein lustvolles Spiel zwischen gelebtem Sadismus und erzwungener Dienstbarkeit.

Tatsächlich jedoch leben heutzutage viele ihr Leben auch ausserhalb der Religionen noch in einer Demutshaltung, vor der Schöpfung, vielleicht auch vor der Größe des Universums und oft auch in dem Hinblick, dass sie dieses Leben dankbar leben dürfen. Demut überall als Zeichen des nicht wirklich auf Erden gewünschten, nur mit einem zugedrückten Auge gerade so eben geduldeten  Menschen (von wem auch immer), der allenfalls als gehorsamer Diener zu gebrauchen ist und in Wirklichkeit keinen echten Platz auf dieser Welt hat, schon gar keinen selbständigen Platz, den er einfordern kann und der ihm zusteht. Demut als Zeichen der eigenen Wertlosigkeit.

Der zornige und arrogante Friedrich Wilhelm Nietzsche war nicht erst am Ende seines Lebens wahnsinnig.  Er erkannte aber, dass sich in der Demut Feigheit und Schwäche verstecken.
Gemeinfrei

Diese mehr als merkwürdigen Einstellungen gegenüber dem Leben hat ihren Ursprung natürlich in der geschichtlich-religiösen Tradition. Demut, Gehorsam und die Vermeidung von allzu starkem Eigenwillen (kritischem Denken) galten lange Zeit als Tugenden auch oder gerade im preussischen Staat und ganz besonders in den christlichen Kirchen. Demut genauso wie Gehorsamkeit als Zeichen der Unterwürfigkeit und der Unsicherheit gegenüber der Willkür des Mächtigen, dem Höherwertigem, von denen es vermeintlich zahlreiche gab – vor allem in steter unmittelbarer Umgebung vertreten durch kirchliche Würdenträger und einem allseits gegenwärtigen (natürlich strafenden) Gott.
Insofern ist nach Meister Eckhart denn auch die Demut Grundvoraussetzung für ein christliches Leben. Er sieht in der vollkommenen Demut die „Vernichtung seiner selbst“ und das Unterstellen unter alle Kreaturen.  Erst diese Demut lässt den Demütigen angeblich das Wahre erkennen und zu göttlichen Sphären aufsteigen. Die Demut als Erfüllungsgehilfe für einen Weg zu einem erleuchtetem Leben? Was für ein hanebüchener Unsinn, denn gelebte Demut hat nicht dazu geführt, dass sich irgendwer bemüssigt fühlte, sich über seinen Demutsempfänger hinaus zu entwickeln und ihn zu überflügeln. Eher war das Gegenteil der Fall, denn in Verbindung mit der Gehorsamspflicht waren die Demütigen dazu angehalten, ihren Eigenwillen zu unterdrücken. Der galt nämlich stets als „ungeordnet“ oder gar „krank“, wenn er dem Willen des Demutsempfängers widersprach. Erzbischof Robert Zollitsch hat ja demzufolge propagiert, dass  ein kranker oder ungeordneter Eigenwille schlecht ist und deshalb der Mensch gehorsam sein müsse (Punkt b, Absatz 3).
Friedrich Nietzsche hatte seinerzeit jedoch bereits völlig richtig erkannt, dass Demut zu den gefährlichen und verleumderischen Idealen gehört, hinter denen sich Feigheit und Schwäche und daraus folgend die Ergebung in Gott verstecken. Insofern sah er Gott zu Recht sterben, denn das Aufsteigen der Menschen aus einer masochistischen Demutshaltung heraus war zu seiner Zeit nicht zu übersehen und schien in die richtige Richtung zu gehen.

Demut gehört demzufolge zu den völlig überholten Eigenschaften menschlicher Tugenden, genauso wie Gehorsamkeit, Obrigkeitsdenken und bedingungsloser Gottesglaube. Demut macht auch deshalb keinen Sinn, weil der Mensch als evolutionäres Lebewesen einfach lebt ohne für irgend etwas dankbar oder vor etwas demütig sein zu müssen. Zwar kann er sich freuen, dass er und seine Gesellschaft auf diese oder jene Art und Weise lebt, aber eine Dankbarkeit daraus oder gar noch ein demütiges Verständnis gegenüber der Natur ist völlig unsinnig. Der Mensch hat niemanden darum gebeten zu leben, folglich muss er auch niemanden dafür danken – schon gar nicht demütig, denn er ist nicht hier, um dem Leben zu dienen. Schlagen wir also neben der Überheblichkeit auch der unseligen Tradition Demut endlich den Kopf ab.

Siehe auch:
Der Unsinn von der religiösen Gehorsamspflicht
Tradition! Tradition! Tradition!
Das Phänomen des unkritischen Denkens – Teil 1
Das Phänomen des unkritischen Denkens – Teil 2