Immanuel Kant
gemeinfrei

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.”
Diese von Immanuel Kant geschriebenen Sätze werden heutzutage gerne von vielen Menschen zitiert. Zumeist wollen sie damit aussagen, dass der Gebrauch des eigenen überprüfenden Verstandes Vorrang vor den vermeintlich schlüssig vermittelten Argumenten des anderen haben sollte. Das heisst also, dass jeder Mensch den Verstand des Anderen aufgrund seiner Aussagen und Argumente auf der Basis einer möglichst neutralen Logik eingehendst selbst überprüfen sollte, bevor er sich dessen Meinung zu eigen macht. Dennoch hielt Kant trotz des oben zitierten Satzes an dem absoluten Gehorsam in preussischer Tradition gegenüber anerkannten Autoritäten sowie in religiöser Tradition gegenüber einem Gott als Teil der Charakterbildung in seinen pädagogischen Abhandlungen fest.

Im Gegensatz dazu war natürlich Kant der Gehorsam gegenüber religiösen Autoritäten in der beginnenden Aufklärung ein Dorn im Auge, als er sich auf die selbstverschuldete Unmündigkeit bezog. Aber auch seine Vorstellung von politischen Autoritäten hätte sich bei Kant schwer gewandelt, wenn er die Auswirkungen des dritten Reiches kennen gelernt hätte, in denen nicht mehr zwischen einer anerkannten Autorität und einem Psychopathen unterschieden wurde. Kants Weltbild vom preussischen Gehorsam wäre an dieser Stelle unmittelbar zusammengebrochen und er hätte womöglich enttäuscht durch dem immensen barbarischen Rückschritt jeglicher Autoriät abgeschworen.

Das freute den Bischof: ohne Gehorsam kein Recht auf Leben gemeinfreier Scheiterhaufen

Die Verwalter des Christentums jedoch haben dem gegenüber wie in den meisten Religionen die Gehorsamspflicht als wesentlichen Bestandteil auf Dauer zementiert, und zwar ohne Rücksicht auf barbarische Auswüchse wie etwa den vielzitierten Kreuzzügen oder den unseligen Ketzer- oder Hexenverfolgungen. Ohne diese zementierte und verinnerlichte Grundlage eines unbedingten Gehorsams und gleichzeitiger Ausblendung kritischer Betrachtungsweisen gegenüber Gott und den kirchlichen Autoritäten hätte eine Religion auf Dauer entweder keinen Bestand oder würde lediglich nur von ein paar Exoten gepflegt werden. In einer Massenreligion jedoch ist der unbedingte Gehorsam, also der Gehorsam ohne das Recht auf kritisches Hinterfragen der Leitsätze und der Autoritäten unabdingbar. Insofern hatten Kant nicht nur die zu seinen Zeiten noch bekannten barbarischen Akte der Kirchen dazu gebracht, religiöse Autoritäten anzuzweifeln und deren Gehorsamsansprüche zu kritisieren. Ebenso bezeichnete er die ausgeübte Gehorsamspflicht der Religionsmitglieder als bequeme Unmündigkeit.

In der Tat widerspricht der Gehorsam jeglicher kritischen Auseinandersetzung mit der Autorität. In den Kirchen wird demzufolge ein Gott als nicht hinterfragbare Instanz angenommen; ihn als höchste Autorität anzuerkennen gehört zu den Grundpflichten eines Religionsangehörigen. Dazu zählt natürlich jeglicher Gehorsamsanspruch religiöser Autoritäten wie Papst, Bischöfe und Priester, die im Prinzip davon ausgehen, sie wüssten, was Gott will, denn der äußert sich selbst nicht gegenüber den Menschen – auch nicht über krank- oder wahnhafte Vorstellungen, die in den letzten 2000 Jahren in den Schriften und Überlieferungen stets als göttliche Visionen gefeiert wurden.

gemeinfreier Gott ohne Autorität

Gott hat jedoch inzwischen seine allumfassende Autorität verloren. Ebenso werden Papst, Bischöfe und Priester als Autoritäten selbst innerhalb religiöser Kreise kaum noch wahrgenommen. Der Erfolg dieser Missachtung religiöser Gehorsamspflichten liegt auf der Hand, denn mit dem Verlust des unbedingten Gehorsams gegenüber nicht zu hinterfragenden Grundsätzen sterben alte verkrustete und zunehmend überflüssige Traditionen weitgehendst ab oder verlieren ihren umfassenden Status deshalb, weil sie das kritische Hinterfragen sowie eine gezielte Überprüfung ihrer Strukturen nicht mehr standhalten können. Gehorsamspflichten gegenüber religiösen Strukturen oder deren Autoritäten sind demzufolge etwas völlig überflüssiges und haben sogar psychopathische Züge, denn es gibt keinen einzigen Grund, warum man sich dem Befehl eines Gottes oder eines kirchlichen Amtsträgers unterwerfen sollte. Daran ändern auch trotzige Dekrete und das Beschimpfen von Religionskritikern als atheistische Fanatiker nichts.

Gehorsamsanspruch ist nichts weiter als die Faulheit der Religionsvertreter, ihren Glauben auch mit Hand und Fuss auf überzeugende Art und Weise zu erklären – letztendlich ist der Gehorsamsanspruch bis heute ein nicht aufgegebener, aber inzwischen völlig zahnloser Machtanspruch. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Gehorsam in der Kirche auch deshalb so wichtig, weil deren Glaubenstheorien von einem allumfassenden Gott nicht nur unlogisch und biblisch völlig inkonsistent sind, sondern mit der wissenschaftlicher Aufklärung auch zunehmend deren Grundlagen wie vergangene Wunder vermehrt zu den modernen Märchen zu zählen sind. Da ist es doch schon einfacher, die Gläubigen dazu aufzufordern gehorsam zu sein, Autoritäten anzuerkennen und ansonsten die Klappe zu halten, denn wie schrieb Robert Zollitsch über eine „theologischen Begründung von Autorität und Gehorsam bei P. Josef Kentenich“ unter Punkt b, Absatz 3 so schön: „Als sekundäre Begründung fließen mit ein, dass der Gehorsam den Menschen vor der Gefahr der Selbsttäuschung schützt und vor dem zuweilen kranken und ungeordneten Eigenwillen bewahren soll.“ Da braucht man gar nicht zu fragen, was Zollitsch denn mit einem kranken oder ungeordneten Eigenwillen meint, man weiss es schon. Eigenwille ist und war in den christlichen Kirchen schon immer etwas ganz Abwegiges, wenn er etwas anderes als die Kirche wollte.
Auf den Scheiterhaufen mit dem verdammten kantschen Eigenwillen!

Siehe auch:
Christliche Kirchen wehren sich gegen ihre zunehmende Bedeutungungslosigkeit
Die Banalität mystischer Visionen
Tradition! Tradition! Tradition!
Das Phänomen des unkritischen Denkens – Teil 1
Das Phänomen des unkritischen Denkens – Teil 2