Erwünschte Erweckung aus dem Dornröschenschlaf – gemeinfrei

Gestern hatte ich unter dem Titel „Eine launige Betrachtung der Banalitäten des Chatlebens mit Todesfolge“ meine über einen längeren Zeitraum andauernde rein subjektiven Chatbeobachtungen über menschliche, insbesonders weibliche Eigenarten und den mehr oder weniger „tödlichen“ Spätfolgen veröffentlicht. Um der Einseitigkeit meiner eigenen Betrachtungsweise vorzubeugen gibt es heute dazu einen ebenso subjektiven Gastbeitrag aus weiblicher Sicht von Chatbesucherin Kf. Vielen Dank!

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Schon lange stürmen wir Frauen die Chats, den Supermarkt der Begegnungen und Begierden. Chatten – welche Verlockung! Tummeln sich in den Chats doch Märchenprinzen! Wer kann da schon widerstehen? Oder stimmt das mit den Märchenprinzen doch nicht? Gehen wir einem Schwindel auf den Leim und finden in erster Linie Bad Boys? Oder Langweiler?

Nach der Begeisterung der ersten Monate kommt irgendwann unweigerlich der Moment der Entzauberung. Dennoch bleiben wir am Computer kleben und chatten weiter – zu groß ist die Anziehungskraft. Wird einem doch immer wieder das Gefühl von Anerkennung und (vermeintlicher) Nähe vermittelt. Wobei es hin und wieder doch zu wirklicher Nähe kommen kann, begleitet von Sehnsucht und Bauchkribbeln.
Die Augen erwartungsvoll auf den Monitor gerichtet klicke ich mich in den Chat, gleite mit den Augen über die Namenslisten der verschiedenen Chaträume, bevorzugt jener mit den Altersangaben ab  50 aufwärts. Ist da ein Chatter mit originellem Nick, oder einer,  den ich „kenne“? Wenn ja, wie war das letzte Gespräch mit ihm? Schließlich habe ich, Mitte 50, gewisse Ansprüche bezüglich Eloquenz, Humor, Ernsthaftigkeit, Tiefgründigkeit und Bildung. Wenn dann auch noch Romantik durchschimmert – wunderbar!  Ja, ich weiß – die Chance, das alles zu finden ist relativ gering (nicht nur im Chat) – umso größer ist dafür die Wahrscheinlichkeit, Single zu bleiben.

Meist komme ich schnell mit Chattern ins Gespräch, sofern sie nicht beginnen, breit über das Wetter zu schreiben oder mich mit den Fragen, wo und wie lange ich schon lebe zu bombardieren. Ich neige dazu, sie relativ rasch (hin und wieder sicher ungerechtfertigt) in die Kategorie der Fantasielosen und Langweiler einzureihen. Fehlt dann auch noch jede Art von Interpunktion, wird es höchstwahrscheinlich eine ziemlich kurze Konversation. Bei und mit anderen Chattern wiederum sprudelt das Gespräch von Beginn an fröhlich, ein Thema reiht sich wie selbstverständlich an das andere, die Unterhaltung macht Freude und die Zeit vergeht wie im Flug. Aufmerksam lese ich mit und versuche herauszufinden, was für ein Typ Mensch mir gegenüber sitzt. Es ist spannend, einander kennenzulernen.

Manchmal wird im öffentlichen Chat auf Teufel-komm-raus geflirtet und geschäkert und es kann richtig lustig sein. Dann wieder gibt es Chatter, die mich (und andere Frauen) nach ein paar Sätzen ins „Separee“ einladen. Hin und wieder habe ich dieses Angebot angenommen um herauszufinden, was hinter diesen Aufforderungen nach einem privaten Chat unter vier Augen steckt. Manche machen schnell schlüpfrige Anspielungen und sagen ziemlich unverblümt, dass ihnen nach CS (Cybersex) zumute ist. Andere, verheiratete Männer, haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ihre Geliebte zu sein.
Und dann gibt es jene chattenden Männer, die im privaten Chat einfach reden wollen und einen Gedankenaustausch suchen; die von ihren Träumen erzählen oder einfach nur mit jemandem Musik via Youtube hören wollen; über Literatur, Psychologie oder Astronomie plaudern und an mir und meinem Leben interessiert sind, wie ich an ihrem interessiert bin. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass nach mehreren Gesprächen eventuell Emotionen ins Spiel kommen und Gefühle und Zeichen von Zuneigung ausgetauscht werden.

Immer wieder anzutreffen ist der Unscheinbare, der nicht viel schreibt, hin und wieder eine Bemerkung fallen lässt und daher kaum beachtet wird. Dann der Aalglatte, ein Bad Boy, der sich nicht fassen lässt, eine erfolgreiche Anmachmasche entwickelt hat, andere immer wieder durch den Kakao zieht und sich gut unter seiner Tarnkappe versteckt. Ein Fiesling ist jener, der immer wieder durch die Chaträume geistert und mit Leidenschaft Chatter und Chatterinnen diffamiert, dabei aber sich selbst ins Abseits stellt. Er hat wohl so viele Körbe bekommen, dass er sich auf diese Art und Weise zu rächen versucht – poor devil. Der Arrogante spielt auf der Chatbühne natürlich auch eine Rolle, er tippt oft schnell und grammatikalisch einwandfrei, führt gekonnt Reden, häufig andere hinters Licht und neigt manchmal zur Selbstüberschätzung. Die Liste der Männertypen ließe sich weiterführen vom Grufti bis zum Bubi, vom belesenen Gebildeten bis zum intellektuellen „Nackerbazi“ (österreichisch, in etwa „frei von jeglicher Intellektualität“. Anm. des Blogbetreibers), vom Wissenschaftler bis zum verschrobenen Esoteriker.

Die Gründe, weshalb Männer und Frauen chatten scheinen vielfältig zu sein. Manche versuchen vom Alltags- und Berufsstress abzuschalten, indem sie sich dem Banalen hingeben, andere wiederum hoffen auf ein angeregtes, interessantes Gespräch. Die einen sind einsam und suchen Nähe, die anderen wollen sich ihren Kummer von der Seele schreiben und finden meist auch ZuhörerInnen. Einige sind auf der Jagd nach cybersexuellen Abenteuern, manche wollen sich einfach nur nett unterhalten. Da gibt es Misstrauische, die jedes Wort auf die Goldwaage legen und offene, aufgeschlossene Chatter; Zwiederwurzen (österr., auch Zwiderwurzn, Zwiderwurzen oder Zuwiderwurzen, siehe Link. Anm. des Blogbetreibers) und fröhliche, humorvolle, schüchterne, sanfte und wilde Kerle. Und – der einer oder andere Mann hofft, in einer Chatterin  seine Traumfrau zu finden.

Der Chat – ein eingeschränktes Abbild von  Kommunikation und Miteinander aus der realen Welt außerhalb des Chats. Wesentliche Kommunikationsmittel wie Körpersprache, Mimik und Stimme fehlen, dafür wird man weniger von Äußerlichkeiten abgelenkt und beeinflusst und geht intensiver auf die Gedanken des Gegenübers ein. Man lernt, auf Zwischentöne zu achten und zwischen den Zeilen zu lesen. Vielen fällt es hier wesentlich leichter zu kommunizieren als in einem persönlichem Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Und was mir noch aufgefallen ist: Männer scheinen sich eher selten mit anderen Männern zu unterhalten, während Frauen sehr wohl das Gespräch mit Geschlechtsgenossinnen suchen.

Ein kurzes Resümee: Im Chat sind  die unterschiedlichsten Persönlichkeitstypen zu finden und nahezu alle Formen des zwischenmenschlichen Austausches, von flüchtig freundschaftlich bis hin zu verliebt, vom Online-Flirt bis zur Fernromanze. Enttäuschungen sind an der Tagesordnung, ebenso wie fröhliches Lachen. Die eine oder andere findet hier vielleicht ihren Märchenprinzen oder wird von ihm gefunden, (bzw. der eine oder andere seine Traumfrau), während viele immer wieder auf Bad Boys hereinfallen oder es sich zur Aufgabe machen, die Ruppigkeit eben dieser  aufzuweichen. Manche dieser Bad Boys sind trotz oder wahrscheinlich gerade wegen ihrer frechen Art auch zu charmant – und alles andere als langweilig. Eine Herausforderung! Und manchmal entstehen dabei wunderbare Freundschaften fürs Leben.

Siehe auch:
Eine launige Betrachtung der Banalitäten des Chatlebens mit Todesfolge