Screenshotausschnitt
aus Chat4free

Chatplattformen bieten zumeist viele verschiedene Chaträume, in denen dem Raumnamen entsprechend Gleichgesinnte aufeinander treffen und im Normalfall öffentlich oder in Privaträumen unter vier Augen schriftlich miteinander kommunizieren können. Da gibt es neben mit Länder- und Städtenamen bezeichnete Räume auch Flirträume, Elternräume, Räume für Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende, Philosophierende, Musiker und viele andere Interessengebiete. Ebenso lassen sich zumeist Räume mit Altersangaben finden, in denen demzufolge Menschen auf ungefähr Gleichaltrige treffen. Dort werden wie in solchen Chats üblich häufig neue Kontakte geknüpft, Freundschaften gepflegt oder Beziehungspartner gesucht, auch wenn manche nur zwecks allabendlicher Unterhaltung anwesend sind.

Wenn jemand über Jahre hinweg eine solche Chatplattform immer wieder selbst aufsucht und sich zumeist in den nach Altersgruppen sortierten Räumen aufhält – in denen natürlich die Anwesenden nicht immer eindeutig tatsächlich den Altersangaben entsprechen (müssen) – so können gewisse Partnersuchtrends beobachtet werden. Diese Trends sind natürlich rein subjektiver Natur und geben lediglich persönlichen Eindrücke wieder, auch wenn nach dieser Statistik rund 30% aller Singles das Internet zur Partnersuche nutzen. Dennoch konnten von mir nur solche Trends beobachtet werden, die sich im Allgemeinen am späten Abend bemerkbar machen. Insofern ist nicht klar, ob bei Menschen, die sich tagsüber im Chat aufhalten andere Beweggründe im Vordergrund stehen.

Heutiges Chatting, modernes Plaudern, Screenshot

Doch der oben angesprochene auffällige Trend ist gerade bei den Menschen in den mit Altersangaben gekennzeichneten Räumen am deutlichsten. Vernachlässigbar sind dort einzig die jüngeren Jahrgänge. In den 20er und 30er Räumen halten sich nämlich in den Abendstunden kaum Chatter auf. Das liegt wohl eher daran, dass diese Altersgruppe gewöhnlich mit der üblichen Lebensaufbauphase beschäftigt ist, also mit Kindererziehung, Hausbau, beruflichem Werdegang oder ähnlichem. Insofern kann über diese Altersgruppen kaum etwas ausgesagt werden. In den 40er Räumen jedoch ist ein extremer Wandel bei vielen Chattern zu beobachten. Insbesondere Frauen schälen sich in diesen Räumen merklich und manchmal mit dem heroisch vorgetragenen Spruch „Ich will endlich leben!“ erwartungsvoll aus ihren alten Beziehungen und sind froh, sich dem inzwischen als den „Falschen“ identifizierten bisherigen Partner zu entledigen oder entledigt zu haben. Viele in den 40er Räumen durchleben entweder eine Trennungsphase, sind bereits getrennt oder planen eine solche. Das ist auch der typischen Midlife-Crisis geschuldet, die sowohl bei Frauen als auch Männern häufig in dem Alter aktuell wird. Während verheiratete Männer in dieser Zeit sich manchmal auf die Suche nach neuen Abenteuern begeben scheinen Frauen oft der Ansicht zu sein, im bisherigen Leben irgendetwas verpasst zu haben.
Die ersten Erfahrungen mit anderen Männern enden jedoch häufig überraschend schnell nach einer Nacht, und erst langsam dämmert es den Damen, dass es manchen männlichen Chatteilnehmern nur um das Eine geht. Dennoch lassen sich Frauen durch solche Rückschläge kaum entmutigen und suchen sich einen vermeintlich idealen Partner, finden den dann zumeist auch und verschwinden erst einmal von der Chatbildfläche.

Jahre später sind die aus dem Chat mit wehenden Fahnen („Ich habe den idealen Mann gefunden!“) ausgezogenen Damen in die 50er Räume wieder zurück gekehrt, nun jedoch völlig frustriert mit einem neuen Lebensmotto: „Männer kannste vergessen!“. Der vor Jahren in den 40er Räumen gefundene ideale Mann entpuppte sich als neuer Langweiler mit völlig anderen Fehlern, mit denen frau niemals gerechnet hätte. Nun haben die Damen erst einmal von Männern genug. Die Kriterien für die neue männliche Idealvorstellung werden nun so weit in die Höhe geschraubt, dass der Eindruck entsteht, alle brauchbaren Männer seien schon längst unter der Haube und alles, was nicht schon in Beziehung lebt taugt nichts. Zwar hält das viele nicht davon ab, sich hin und wieder auf eine neue Beziehung einzulassen, aber im Prinzip könnte jeder Kopf darauf verwettet werden, dass es bis zu einer erneuten und frustrierten Rückkehr in dieselben Chaträume nicht lange dauern wird.

Chatting, ursprüngliches Plaudern, gemeinfrei

Nach einem länger andauernden Wechselspiel zwischen Erscheinen und Nichterscheinen im Chat finden sich dieselben Frauen nach einiger Zeit wieder ein, jetzt nun in den 60er Räumen und oft mit gefärbten Haaren. Langsam gehen sie nun dazu über, mit Stolz über ihr Engagement als Großmutter zu sprechen mit dem knappen Hinweis, dass für einen Mann ja gar keine Zeit mehr wäre, man sei ja viel zu beschäftigt mit dem Hüten der EnkelInnen und weiteren unterstützenden Aufgaben für die Nachkommen. Dennoch finden weiterhin hier und da Treffen mit dem anderen Geschlecht statt, bei denen dieselben nun so kritisch beäugt werden, dass sie das Treffen auch gleich hätten unterlassen könnten. Die erneut gewachsenen Ansprüche sind nun so enorm angestiegen, dass nicht einmal mehr die Männer infrage kommen, die inzwischen aus anderen Beziehungen herausgefallen sind und bis dato als vermeintliche Idealpartner galten. Zumeist sind sie zu nun zu dick oder zu alt, haben zu wenig Haare, sind zu klein oder zu groß und passen nun vermeintlich gar nicht mehr in das frauliche Umfeld. Trotzdem sprechen die Damen nach wie vor weiter davon, dass der passende Mann nur kommen müsste, sie würden ihn sofort nehmen. Letztendlich jedoch haben sie sich innerlich schon längst damit abgefunden, dass die Chancen auf das Erscheinen eines entsprechenden Superprinzen im Prinzip gegen Null gehen. Und das liegt weniger an den Männern als an den enorm hohen Kriterien,  so dass den entsprechenden Damen wirklich niemand mehr passend erscheint.

Diese Erfahrungen decken sich durchaus mit einer weiteren Statistik, in der tatsächlich 30% aller Singlefrauen (Männer 25%) der Ansicht sind, dass ihre eigenen Ansprüche zu hoch sind, sie sich aber nur zu 5% (Männer fast 10%) zu alt für eine neue Partnerschaft fühlen. Interessant ist, dass die Anspruchshöhe auf der gesamten Statistik neben der geliebten Unabhängigkeit (beiderlei Geschlechts) und Schüchternheit (hauptsächlich bei Männern) zu den Hauptgründen zählt, warum Singles alleine bleiben.
Diese Einstellung ist eben auch häufig aus den Äußerungen der nun immer älter werdenden Damen zu lesen, die sich hin und wieder in einer Mischung aus Sarkasmus über Männer, erwähnter geliebter Unabhängigkeit und gleichzeitiger Wehmut über das Alleinsein äußern. Sogar bei den noch älteren Frauen weit über 70 ist durchaus diese Wehmut zu lesen, und manche Äußerungen lassen Zweifel daran erkennen, ob denn die kritische Bewertung des anderen Geschlechts in der Vergangenheit nicht doch vielleicht viel zu hoch angesetzt wurde und die Dame damit eher sich selbst einer möglicherweise zufriedenstellenden Partnerschaft beraubt hat. Zumeist jedoch ist es dann viel zu spät für einen Neustart, und letztendlich bekommt man in solchen Räumen dann irgendwann zu lesen, dass die eine oder andere Suchende inzwischen verstorben ist.

Siehe auch:
Eine Betrachtung des Chatlebens aus weiblicher Sicht

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