Im Atheist Media Blog ist zu lesen, dass es dem Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei dem Gedanken fröstelt, jemand könne auf einem Friedhof anonym beerdigt werden wollen. Im Prinzip ist das verwunderlich, denn Priester sind zumeist recht warm angezogen, wenn sie auf einen Friedhof eine arme Seele zu Grabe tragen, indem sie dieselbe zuerst zum verdienten Fegefeuer schicken und später geläutert und in voller erzwungener Demut durch Höllenqualen einem Gott empfehlen, in dessen ganzer Gnade die Seele ihren Frieden finden soll.

Kaum vorstellbar also für amtstragende Religionsangehörige, dass Menschen ihren eigenen Tod als das sehen, was er tatsächlich ist. Nämlich die Beendigung des biologischen Lebens mit allen Konsequenzen inklusive der sachgerechten Entsorgung von Zellen zur Rückgabe der ausgeliehenen Bausteine an die Natur. Dazu wird zur Vermeidung von unangenehmen Gerüchen bei diesem Prozeß fachgerecht unterirdisch oder per Feuerbestattung entsorgt. Ob bei dieser Zustandsveränderung des Verstorbenen an einem bestimmten Platz oder anonym gedacht wird ist letztendlich völlig ohne Bedeutung und nur den Hinterbliebenen geschuldet, die sich vielleicht zu dem Platz hingezogen fühlen, um wenigstens ein paar Blumen zu pflegen. Aber auch hier ist häufig nach 25 Jahren Schluss. Das Grab wird zumeist eingeebnet und immer weniger denken an den Toten.

Armband – Einziges Überbleibsel von Antoine de Saint-Exupéry nach seinem Absturz – gemeinfrei

Nach 50 Jahren interessiert sich demzufolge fast niemand mehr für Verstorbene, es sei denn, sie haben etwas bleibendes hinterlassen. Doch auch da ist es nicht von allzu großer Bedeutung, ob die biologischen Reste bspw. von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche gelagert werden oder – wie bei dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (Der kleine Prinz) – die sterblichen Überreste durch einen Abschuß seines Flugzeuges über dem Meer auf ewig verschollen bleiben und sich auf breiter Fläche in alle Einzelbestandteile aufgelöst haben. Den verbliebenen Werken schadet weder das eine noch das andere.

Insofern ist Woelkis rührseliges Frösteln überflüssig, denn alleine bei dem Gedanken an die vielen inzwischen vergessenen Gestorbenen in der Geschichte der Menschheit kommt es auf ein paar Jahre eher oder später nicht an, in der sich manche ortsbestimmt an einer Leiche festhalten können. Bspw. erinnert sich heutzutage kaum noch jemand an die vielen Gefallenen des ersten Weltkrieges, deren Namen öfter in ländlichen Gegenden auf Gedenkstätten zu finden sind. Zwar werden die „Helden“ des Krieges regelmäßig geehrt, aber an die einzelnen Personen erinnert sich kaum noch jemand. Ganz zu schweigen von den vielen dem Krieg zum Opfer gefallenen Menschen, die seinerzeit anonym irgendwo schnell verscharrt wurden, weil keine Zeit für ein anständiges Begräbnis war. Die Natur ist eben viel unbarmherziger als es das bisschen Frösteln ausdrücken könnte.

Anonyme Begräbnisse sind demzufolge eine ganz natürliche und normale Angelegenheit. Der Wunsch, sich selbst auch aus dem Leben der Nachfahren zu entsorgen ist nicht nur einem schnellen Lebensstil geschuldet sondern auch der Erkenntnis, selbst nicht in dieser individuellen Wichtigkeit zu sein, wie es Religionen gerne vorbeten.
Insofern hatte ein älterer (und gläubiger) Freund von mir seinerzeit im Voraus ein Beerdigungsinstitut mit seiner eigenen Feuerbestattung beauftragt und verfügt, dass die Einäscherung sowie die Beisetzung seiner Urne in einem anonymen Massengrab „ausschliesslich nach praktischen Gesichtspunkten“ durchzuführen sei. Er war der Ansicht, dass natürliche Vorgänge auch als solche zu behandeln sind. Ich habe ihm damals unumwunden zugestimmt. Kurioserweise gehören seine juristischen Kommentare bis heute zum Regelnachschlagewerk des BVerfG zu einem Thema, welches in seiner ethisch verwerflichen und unmenschlichen Ursache allen Grund zum Frösteln gab – nämlich dem Bundesentschädigungsgesetz. Doch damals wurde nicht öffentlich gefröstelt…