In einem anderem Blog hatte ich auf einen Bericht über die jetzt erneut geehrte Mystikerin Hildegard von Bingen in einem Kommentar die theologische Bedeutung der Hildegard ignoriert und auf ihre derzeitige esoterische Bedeutung und deren Auswüchse hingewiesen. Im Zuge dessen formulierte ich auch die inzwischen wissenschaftlich untermauerte Erkenntnis, dass die Visionen der Hildegard v.B.  möglicherweise aufgrund einer Krankheit zutage traten, die sie selbst, wie aus ihren Schriften zu erkennen ist, zuerst nicht zuordnen konnte. Später hatte sie dann genau diese Visionen, die sie zwischenzeitlich einem göttlichem Ursprung zuordnete geschickt genutzt, um sich gegenüber Kritikern durchzusetzen bzw. unangreifbar zu bleiben. Wer hätte es damals auch gewagt, Gott selbst zu kritisieren, auch wenn dieser angeblich sich nur in Form von Visionen durch einen Menschen zu erkennen gab.

In der Tat jedoch ist inzwischen ziemlich eindeutig nachgewiesen worden, dass all diese mystischen Erlebnisse, visionäre, spirituelle und transzendente Erfahrungen, sei es in theologischer oder auch in ufologischer Hinsicht (z.B. beim Durchleben angeblicher Entführungen durch Außeridrische), Meditationen bis hin zur Erleuchtung, Nahtoderlebnisse und angebliche außerkörperliche Erfahrungen im Sinne des Wortes reine Hirngespinste sind, nämlich dass sich all diese Erlebnisse zeitgleich in Hirnscannern deutlich messen und zuordnen lassen.

Doch hätten diese Erkenntnisse eigentlich weitreichende Konsequenzen für die Theologie haben müssen, denn während die Existenz Gottes von Theologen nicht bewiesen und von Atheisten ebenso nicht gegenbewiesen werden kann, es hier also zu einem Patt kommt, sieht dies in Bezug auf visionäre Erlebnisse durchaus anders aus. Durch die Meßbarkeit sowie der Wiederholbarkeit der visionären Ereignisse ist die theologische Deutung zunehmend fragwürdig geworden. Schlimmer noch, dass Visionen und sogenannte Gottesmutter- oder Engelserscheinungen in verschiedenen Fällen durch diverse Krankheiten, also zumeist echten Fehlfunktionen des Gehirns oder diverser Fehlfunktionen bestimmter Nervenregionen verursacht werden. Und die Auswirkungen dieser Fehlfunktionen müssen nicht quälender Natur sein. Manche Visionäre mit religiösem Bezug sprechen durchaus von einem Gefühl, schöner als Glück. Das läßt sich Dank Hirnscanner nicht nur erkennen, sondern es lassen sich auch die Ursachen für diesen Zustand identifizieren. Und die Krönung dieser Erkenntnisse ist, dass sich göttliche Erscheinungen und Visionen durch magnetische Stimulationen dieser Hirnregionen künstlich erzeugen lassen. Insofern sind mystische Visionen das Ergebnis fehlgeleiteter Hirnströme oder manipulativer Eindrücke – mit weitreichenden selbstbetrügerischen Konsequenzen. Außerhalb des eigenen Gehirns spielt sich nichts ab, eine dem Gehirn übergordnete „transzendente“ Plattform existiert nicht. Zu jeder gedanklichen Regung findet sich auch immer eine entsprechende Gehirnaktivität. Denn nicht das Gehirn ist das Produkt des Geistes, sondern der Geist ist das Produkt des Gehirns.

Epileptikerin, Wiki gemeinfrei

Aus der Geschichte gibt es einige Beispiele, in der immer wieder davon berichtet wird, dass besonders visionäre Menschen zumeist bestimmte Krankheiten hatten. Allerdings ist das nur bei den Menschen überliefert, die entweder eine ziemlich genaue Selbstbeschreibung ihre Visionen und Erscheinungen lieferten oder von anderen Personen eindeutig beschrieben werden konnten. Hier einige Beispiele:

  • Bei Hildegard von Bingen ist es nach Oliver Sacks sehr wahrscheinlich, dass ihre Visionen als Symptome einer schweren Migräne, speziell aufgrund der von ihr geschilderten Lichterscheinungen (Auren) interpretiert werden können. Sacks und andere moderne Naturwissenschaftler gehen davon aus, dass Hildegard an einem Skotom litt, das diese halluzinatorischen Lichtphänomene hervorrief (Quelle Wiki).
  • Aus der Renaissance gibt es einige beeindruckende Beispiele, in der epileptische Anfälle recht gut verklärend dargestellt werden. Auf der Seite sind auch einige Beispiele angeführt, dass Epilepsie auch heute noch in verschiedenen Ländern als übernatürliches Ereignis behandelt wird. Interessant ist auch ein fact sheet der WHO.

Es stellt sich jedoch die Frage, welche Konsequenzen diese Erkenntnisse für die Theologie bzw. für die Anerkennung und Betrachtungsweise ihrer zahlreichen visionären Heiligen haben könnte. Vor allem in Anbetracht der Erkenntnis, dass religiöse Visionen zumeist in Form von Gottes-, Jesus- und Marienerscheinungen samt und sonders zu den eher krankhaften Auswüchsen biologischer Hirndefekte zu zählen sind oder wie bei den Fällen Lourdes oder Medjugorje zu den gewollten Ereignissen mit zielgerichtetem Ausgang. Tatsächlich jedoch ist aus theologischen Kreisen darüber kaum etwas zu vernehmen, denn die Theologie ist keine ergebnisoffene Wissenschaft und kann demzufolge auch gar nicht zu offiziellen Ergebnissen kommen, die der offiziellen Lehre der jeweiligen christlichen Kirche widersprechen (einige Wissenschaftstheoretiker sprechen der christlichen Theologie überhaupt die Wissenschaftlichkeit ab). Die Kirchen haben zudem in den zwei Jahrtausenden gelernt, dass Religion eine Eigendynamik besitzt und der größte Teil der Anhänger sich für wissenschaftliche Erkenntnisse ohnehin entweder nicht interessiert oder dieselben schlichtweg leugnet. Beides ist durchaus im Sinne der Religionen. Letztendlich gibt es nur wenige, die hier und da darauf hinweisen, dass die gesamte Heiligengeschichte aller Religionen mit der Neurowissenschaft streng genommen hinfällig geworden ist, denn keiner der religiös visionären Menschen hatte letztendlich tatsächlich einen Bezug zu einem höheren Wesen, sie lebten und starben allesamt in dem Glauben daran, dass ihr Gehirn sie nicht betrügt. Das tat es aber doch und das sogar schlimmer, als sich je jemand bis heute hat vorstellen können. Und so ist die Heiligengeschichte eine Geschichte kranker Menschen, auch wenn sie durchaus in Bezug auf andere Dinge Großartiges geleistet haben mögen. Ihre Visionen und Erscheinungen jedoch waren nichts weiter als banale oder krankhafte Selbsttäuschungen.

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