Im GWUP-Blog sind aktuell Auszüge aus der schon etwas älteren Geschichte des US-Skeptikers Michael Shermer (hier und hier) veröffentlicht worden, der für eine Fernsehsendung zum “Psychic for a day” mutierte und seine Erfahrungen unter anderem im Skeptiker 3/2005 ausführlich beschrieb. Beim Durchlesen des Blogartikels erinnerte ich mich deshalb an eine längst in Vergessenheit geratene und eher kurzzeitige Episode aus meiner Jugendzeit. In einem Jugendtreff, den ich zu der Zeit regelmäßig aufsuchte, legte ich irgendwann hin und wieder für Freunde und Bekannte die Karten und sagte ihnen ihre „Zukunft“ voraus.

Grundsätzlich verstand ich das lediglich als Spaß oder Zeitvertreib, aber es war doch immer wieder verblüffend, wie mir beim Kartenlegen die Ratsuchenden durchweg zustimmten. Insofern war ich kurzzeitig selbst verblüfft ob der vermeintlichen Treffsicherheit, die sich aus dem anfänglichem Spiel zwischen Spaß und eigenem Bemühen um eine einigermaßen treffsichere Auskunft ergab. Dabei war mir im Prinzip selbst nicht bewusst, dass das Umfeld der Leute kein Geheimnis war. Man kannte sich ja bereits längere Zeit untereinander, hatte auch außerhalb des Jugendtreffs trotz großstädtischem Umfeld mehrere Treff- und Berührungspunkte und war zumeist über die persönlichen Lebensumstände der anderen ein wenig informiert. Dennoch gab es einige, die bei mir vowiegend in Liebesdingen Rat suchten, und glücklicherweise kam nie jemand mit einem schwerwiegendem ernsthaften Anliegen.

Pio Joris – Die Kartenlegerin
Wiki gemeinfrei

Das Kartenlegen wurde von mir nach eigenen erfundenen Regeln praktiziert. Ich hatte nie ein Buch darüber gelesen geschweige denn irgendwelche Regeln erlernt. Meine konstruierten Muster waren demzufolge auch völlig einfach und bezogen sich gerne konkret auf die Kartenbilder. Insofern waren die Regeln deshalb nahezu für alle nachvollziehbar. Ich benutzte normale französische Skat-Spielkarten, also ohne die Werte 2-6 und ohne Joker. Zwar weiß ich heute nicht mehr ganz genau, welche Bedeutung ich welcher Karte zugewiesen hatte, aber ich versuche das jetzt einmal so weit wie möglich nachzuvollziehen.

  • Spielkarten 7-10, alle Farben außer Herz:
    erfundene oder an mir Bekanntes angelehnte und für die Zukunft fortgeführte Geschichten aus dem Umfeld des Ratsuchenden, bei Kreuz manchmal auch anbahnender Reichtum. Genaueres weiss ich nicht mehr
  • Bube, Dame, König, Farbe Kreuz:
    Geldangelegenheiten, in denen andere Menschen eine Rolle spielen
  • As, Farbe Kreuz:
    persönliche Geldangelegenheiten positiver Art („Du wirst einmal viel Geld haben“, o.ä.). Meistens folgte Glanz in den Augen
  • Bube, Dame, König, Farbe Pik:
    beruflicher Werdegang, Chef, Rivalen oder Freunde, je nach Persönlichkeit des Ratsuchenden, spontan entschieden
  • As, Pik (nicht zu verwechseln mit Aspik):
    berufliche Rivalität, starkes Gegenüber, schwere Entscheidungen
  • Spielkarten 7-10, Farbe Herz:
    Romantisches Geschwafel über kleinere Herzensangelegenheiten, schöne Momente mit Freund/Freundin oder noch nicht entdeckte heimliche Lieben. Häufigste Antwort bei verklärtem Gesicht: „Ach, wie schön…!“
  • Bube, Dame, König, Farbe Herz:
    Größere bis große Herzensangelegenheiten, Herz Dame galt bei männlichen Ratsuchenden als große Liebe, Herzkönig als Rivale, bei Frauen war das umgekehrt. Herzbube galt als eifersüchtiger Nebenbuhler, bei Frauen manchmal auch die Herzdame als spezielle eifersüchtige Nebenbuhlerin. Fast alle wussten gleich, um wen es sich handelt. Ich wußte nichts
  • As, Farbe Herz:
    Galt geschlechtsneutral stets als Hinweis, dass Ratsuchende in der Liebe das große Los ziehen werden, sozusagen die Krönung aller Schicksale. Kam merkwürdigerweise oft vor, alle freuten sich, widerspricht aber dem hohen Anteil heutigem Singledaseins und der Erkenntnis, dass 80% aller Beziehungen nicht das sind, was sich die Paare dereinst vorgestellt haben
  • Bube, Dame, König, As, Farbe Karo:
    Hatte irgendetwas mit Freundschaften zu tun, an Genaueres erinnere ich mich nicht mehr

Vor dem Kartenlegen mischte ich die Karten ausgiebig, manchmal mischte auch das Gegenüber, aber immer ließ ich nach dem Mischen zweimal abheben. Rituale scheinen in solchen Dingen ja besonders wichtig zu sein, auch wenn sie noch so nutzlos sind. Dann deckte ich die Karten auf und erzählte die dazu für mich passenden Geschichten.
Zwei Dinge habe ich dabei stets beachtet, und das geschah seltsamerweise, ohne mir die Sache tatsächlich vorher überlegt zu haben. Zum Einen wurden nie wirkliche negative Voraussagen gemacht, und zum Anderen deckte ich Karten stets nur in zwei Viererblöcken auf. Nach dem zweiten Block und der achten Karte war zumeist Schluß. Wenn aber bis zu dieser Karte zu viele nichtssagende Karten ohne konkrete Ergebnisse (also ohne Bilder) aufgedeckt worden waren, dann begann ich mit den Worten „Da müssen wir wohl mal genauer hinschauen“ eine weitere Kartenreihe aufzudecken. Manchmal ließ ich die Ratsuchenden vorher noch einmal von dem Kartenstapel abheben. Im Prinzip jedoch hat das dann immer gereicht, um zu befriedigenden Ergebnissen für das Gegenüber zu gelangen. Ob ich auch vierte Viererreihen aufgedeckt habe weiß ich nicht mehr.

Meine Gegenüber haben mir anscheinend immer geglaubt, denn letztendlich haben sie wohl auch stets das zu hören bekommen, was sie hören wollten. Dem unglücklich Verliebten wurde – je nach Bekanntheitsgrad des Ziels dieser Liebe – prophezeit, dass er nach langem geduldigem Warten entweder sein Ziel erreicht oder eine andere, viel größere Liebe kennenlernt. Einigen jungen Damen habe ich natürlich eine glückliche Ehe mit einem Märchenprinz, viel Geld und zwei statistischen Standard-Kindern prophezeit.
Doch im Prinzip habe ich den wie ich gerade aus der Pubertät entwachsenden Jugendlichen nichts weiter vermittelt als Trost und die Hoffnung, dass ihr Leben in genau den Bahnen verläuft, die sie sich gewünscht haben. Nie war einer dabei, der über die Ergebnisse gelacht hat, alle haben dankbar die Darlegung und Bestätigung ihrer eigenen Wünsche angenommen.
Es waren nicht sehr viele, denen ich die Zukunft vorhergesagt habe, vielleicht waren es 15-20, vielleicht auch mehr, ich erinnere mich nicht mehr. Zumeist machte ich das zwischendurch, manchmal nebenbei, spontan oder auch während eines Schachspiels. Aufgehört habe ich damit, als ich dem Jugendtreff kurz danach entwachsen war und mich selbst um eigene Persönlichkeitsfindung und Beziehungswünsche kümmerte. Mir kam dabei nie in den Sinn, mir selbst die Karten zu legen. Ich habe trotz der verblüffenden Zustimmung nie in Betracht gezogen, es könnte irgendetwas Wahres daran sein, und aus diesem Grunde ist es bei mir schlichtweg in Vergessenheit geraten. Auch habe ich nie Geld dafür genommen, denn es war ja schließlich für mich nur ein Spaß und ein Zeitvertreib. Schade eigentlich.😉

Mit einer Vorhersage hatte ich allerdings recht. Ich hatte eine der damals jungen Damen prophezeit, dass sie eines Tages zur „High Society“ gehören würde. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als ich es ihr sagte. Und in der Tat habe ich diese Dame später als deutsche Schauspielerin wiederentdeckt. Inwieweit ich ihren Willen mit dieser Aussage beeinflusst habe, weiß ich nicht. Allerdings machte ich ihr diese Voraussage auch nicht beim Kartenlegen, sondern in einem normalen Gespräch auf dem Nachhauseweg…