Dass ein Blick in die schicksalhafte Zukunft eines Menschen auch mit heutigen physikalischen Mitteln völlig unmöglich geblieben ist, hat Astrologen bis heute nicht davon abgehalten, in stoischer Eintracht die Jahrtausende andauernde Tradition des zukunftssehenden Irrsinns fortzusetzen und den in astrologischen Ratgebern aufgezeichneten Unsinn weiter zu verzapfen. Häufiger als vermutet geschah oder geschieht dies zumeist unter der Vorgabe, selbst als Astrologe an die Astrologie zu glauben, oft aber auch lediglich, um das Portemonnaie leichtgläubiger Mitmenschen anzuzapfen.

Constellation Sancti Regis David, gemeinfrei

Warum sich die Astrologie allerdings so hartnäckig bis heute trotz immer wieder überprüfbarer Dauermißerfolge sowie wissenschaftlichen Untersuchungen ohne Ergebnisse weltweit gehalten hat bzw. nach wie vor hält, liegt wohl an einer evolutionären Eigenart des menschlichen Gehirns. Dieses nämlich verleitet den Menschen dazu, sich möglichst umfangreich und teils heuristisch auch über die eher nicht abschätzbaren Gefahren aus der Zukunft informieren zu wollen. Denn das gefährlichste aller Schicksale ist das unbekannte Schicksal. Um dieses dunkle Feld des Nichtwissens zumindest vermeintlich etwas erhellen zu können, greift der Mensch nach jeden Strohhalm, auch wenn der noch so abwegig erscheint. Damit hofft er, dem unvermeidlichen und bis dato unbekannten Schicksal mit einem Wissensvorteil entgegentreten zu können.
Evolutionär begründet sich das wohl darin, das der Mensch im Prinzip permanent und spontan irgendwelche Entscheidungen treffen muss. Die schlimmsten solcher Entscheidungen sind zum Einen diejenigen, deren Fragestellung unerwartet auftreten und mit wenigen realen Fakten schnell entschieden werden müssen. Zum Anderen liegt das Risiko der Entscheidung in den möglicherweise weitreichenden Folgen, die auf Dauer der eigenen Entwicklung, der sozialen Gruppe oder dem Entscheider überantwortete Dinge schaden können. Wenn dann nicht genügend reale Fakten für eine klare Entscheidung zur Verfügung stehen, ist das Heranziehen irrealer Fakten wie astrologische oder wahrsagerische Deutungen der Versuch, die Lücken in der Faktenlage zu schließen. Letztendlich kann dies als Teil der ursächlichen Überlebensstrategie eines Menschen angesehen werden.
Diese Strategie ist uns bis heute erhalten geblieben und tritt immer wieder bei wichtigen Entscheidungen zu Tage. Manchen Menschen reichen dann die verfügbaren Fakten nicht und greifen auf Obskures zurück. Nicht umsonst bemühten in der Vergangenheit zahlreiche Herrscher Astrologen, um mit deren Deutungen wichtige Entscheidungen zu treffen. Heutzutage ist das nicht unbedingt anders, denn tatsächlich greifen auch heute noch Manager, Firmeninhaber und Entscheidungsträger hin und wieder auf die Astrologie oder die Wahrsagerei zurück, um sich bei wichtigen Entscheidungen vermeintlich unterstützen zu lassen. Man überlege jedoch dabei den Irrsinn, dass die Geschicke dieser Welt sowohl in der Geschichte als auch bis heute noch von Astrologen und ihren Deutungen erheblich beeinflusst wurden und immer noch werden.

Doch letztendlich ist das alles völliger Nonsens. Bis heute hatte kein Horoskop und keine Sterndeutung unter wissenschaftlichen Bedingungen Bestand (wie im Übrigen auch keine der Vorhersagen anderer Seher, Wahrsager und ähnliche). Das hält jedoch viele Menschen nicht davon ab, sich dennoch solch abwegiger Luftnummern zu bedienen, um sich selbst in eine Art Scheinsicherheit zu wiegen. Tatsächlich spielt es nämlich überhaupt keine Rolle, ob dass, was prophezeit wurde auch wirklich eintrifft. Für den Selbstbetrug im Gehirn ist es ausreichend an den Wissensvorteil zu glauben, den man durch die Vorhersage vermeintlich erlangt hat und fühlt sich für bevorstehende Ereignisse gewappnet.
Wie bei allen Menschen, die permanent an esoterische Luftblasen glauben – sei es astrologische, homöopathische, wahrsagerische oder gar spirituelle – ist die selektive Wahrnehmung der Schlüssel zu ihrer steten Leichtgläubigkeit. Da nach der allgemeinen Zufallsquote rund 20% aller vorhergesagten Ereignisse zumindest auf eine Art und Weise eintreffen, dass man sie sich passend auf die gemachten Vorhersagen zurechtbiegen kann, sind die mit rd. 80% enorm hohen Fehldeutungen dennoch im Allgemeinen mehr als schnell vergessen. Der Wunsch ist und bleibt hier der Meister des Gedankens.

Nostradamus, verworrener Schreiberling, gemeinfrei

Das zeigen im Übrigen ganz besonders deutlich die zahlreichen wohl bewusst schwammig formulierten und eher nichtssagenden Vierzeiler (Quatrains) des Nostradamus. Seit Anbeginn der angeblichen Zukunftsvisionen hatten nur wenige der zu hundert in Zenturien zusammengefassten Vierzeiler enge Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten. Gleichwohl können fast alle der schwammig und unklar formulierten Sätze auf alle möglichen Ereignisse zurechtgebogen werden. Das geht natürlich stets nur nach dem Eintreten eines Ereignisses, denn erst dann kann die Deutung zugeordnet werden. Im Prinzip also der gleiche Weg wie in der Astrologie üblich, bei der die Deutungen ebenso vage gehalten sind, damit eine Zuordnung im Nachhinein möglich wird.
Insofern wird bei Nostradamus gerne das Turnier bei der Feier des Friedens von Cateau-Cambrésis herangezogen, bei dem durch eine zersplitterte Lanze ein Holzsplitter über dem rechten Auge des Königs Heinrich II. eindrang und dieser zehn Tage später an einer Hirnhautentzündung starb.  Der entsprechende Vierzeiler „Der junge Löwe wird den alten besiegen, Auf dem Schlachtfeld in einem einzigen Duell: Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen ausstechen,Zwei Flotten/Armeen einig, dann wird er einen grausamen Tod sterben.“  hatte nur vage Ähnlichkeit mit der Realität, wird aber bis heute gerne als „Beweis“ dafür angeführt, dass Nostradamus in die Zukunft sehen konnte. Doch die Wahrheit ist, dass die meisten Vierzeiler bei kritischer Betrachtungsweise zu kaum einem realen Ereignis konkret passen, nicht einmal mit zwei zugedrückten Augen und dem Wohlwollen unter starkem Alkoholeinfluß. Insofern waren seine Visionen entweder die verrückten Einbildungen eines Spinners oder das Ergebnis einer bis heute unerkannten Krankheit. Im Prinzip würde ich es bei Nostradamus wie mit einem Spruch von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt halten: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Da Nostradamus allerdings selbst Apotheker war (ihm blieb das Arztstudium verwehrt) besteht auch spekulativ die Möglichkeit, dass er die Visionen mit Drogen selbst erzeugt hat und daraus auf seine Seherqualitäten schloß.

Wenn also demnächst jemand anbietet, ein Horoskop zu erstellen, oder wenn jemand davon erzählt, er habe in die Zukunft geschaut oder wüßte aufgrund eines Horoskops, wie seine Zukunft aussieht, oder wenn jemand meint, er wüßte, wann der nächste Weltuntergang stattfindet, dann kann man bei all dem getrost den Kopf schütteln. Es ist absolut nicht möglich in die schicksalhafte Zukunft zu schauen, nicht mit Hilfe der Sterne, auch nicht mit Nostradamus, Astrologen, Wahrsagern, Engelsverstehern, Außerirdischen oder was auch immer es da geben mag. Getrost kann man jedem dieser Leute sagen, dass man ihnen nicht glaubt und sie absolut blind beim angeblichen Blick in die Zukunft sind.

Denn wer wirklich ganz genau Schicksale vorhersagen kann, dem schenkt James Randi eine Million US-Dollar- und die wartet schon seit vielen Jahren darauf, abgeholt zu werden.