Wer kennt es nicht? Während einer lebhaften und bis dahin noch argumentativ einigermaßen fundierten Diskussion erhebt plötzlich einer der Beteiligten in der Diskussionsrunde die Stimme und trägt – womöglich noch wichtigtuerisch mit erhobenem Zeigefinger – das Zitat einer längst verblichenen aber angesehenen Person vor. Der zitierende Diskutant kann zwar zu dem bisher diskutierten Thema nicht mehr viel sagen, scheint aber in seinem Kopf einige Zitate gespeichert zu haben. Diese ruft er bei Bedarf und fehlender Argumentation ab, häufig an unpassender Stelle, um die eigene Ahnungslosigkeit zu überspielen und für sich die Situation sowie den Abend zu retten. Das ist insofern lästig, weil solche Zitate zumeist nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern manchmal auch noch der Diskussion den sprichwörtlichen roten Faden rauben. Drei der meistgehörten Zitate will ich hier kurz anführen.

1. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.

William Shakespeare
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Verändert aus dem Original: There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in our philosophy. Deutsch: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, Horatio, als in unserer Philosophie geträumt werden.“ Hamlet zu Horatio im gleichnamigen Theaterstück Hamlet, Erster Akt, Szene 5).
Dieses immer wieder gerne von Esoterikern bis zum Erbrechen benutzte Zitat in falscher Übersetzung als Untermauerung verschwurbelt vorgetragener Thesen und als „Beweis“ dafür, „dass man ja schon damals wusste…„, ist eigentlich inzwischen schon zum Gähnen langweilig. Dennoch hört man es sehr oft. Wieso muss eigentlich immer etwas wahr sein, wenn irgendein vorwiegend verblichener Mensch irgendwo etwas geschrieben oder gesagt hat? Abgesehen davon, dass dieses  Zitat sich im Laufe der Zeit zugunsten der Argumentation angeblicher und nicht nachweisbarer Wirksamkeiten oder Vorgänge in der Esoterikszene verändert hat, wurde es ja lediglich als Text eines Theaterstücks verfasst und nicht von Shakespeare selbst zu jemanden gesagt. Es handelt sich schlichtweg um ein Fantasieprodukt von Shakespeare, ähnlich wie das von Tolkien geschriebene Buch „Herr der Ringe“, der ja deswegen nun auch nicht an Mittelerde, magische Ringe und Hobbits glaubte. Auch Frau Rowling wird „in echt“ wohl kaum an Hogwarts glauben. Also warum sollte dieser Spruch überhaupt irgendeinen Sinn außerhalb des Theaterstücks machen? Warum sollte Tolkiens „Herr der Ringe“ ein Beweis dafür sein, dass mit Juwelierschmuck die Psyche beeinflusst wird und Macht über eine ganze Welt erhalten werden kann? Wieso also sollte ausgerechnet der Text aus einem beliebigen Theaterstück irgendeine reale Bedeutung haben?

2. Gott würfelt nicht.

Albert Einstein
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Albert Einstein hatte diesen Satz so nicht gesagt, obwohl es den gleichen Sinn ergibt. Tatsächlich schrieb er in einem Brief „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns doch nicht näher. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass der nicht würfelt“ (aus Wikipedia) und nahm somit Bezug auf die Quantenphysik, in der bestimmte Vorgänge rein zufällig entstehen. Durch die bis dahin vorherrschende Vorstellung einer rein deterministischen Welt war die Theorie des Zufalls auch für Einstein so neu, dass er sie bis zu seinem Tod ablehnte.
Religiöse Diskutanten leiten gerne daraus ab, dass Einstein zum Einen religiös, zum Anderen in der Wissenschaft eine stete gefestigte Verbindung zum Glauben sah, zumal er mit weiteren Zitaten wie „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind“ oder „Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht“ später Verwirrung bezüglich seiner Religiosität stiftete. Deshalb sehen viele darin auch heute noch einen Beweis für die Existenz Gottes („Sogar Einstein hat ja gesagt..!“). Insofern bekomme ich manchmal in Diskussionen diese Argumentation zu hören, zumeist von Theologen oder Gottesgläubigen, denen ansonsten die Argumente ausgegangen sind.
Jedoch scheinen all diese Vorstellungen völlig falsch. Einstein hat Gott wohl auch eher abfällig als „den Alten“ bezeichnet. Das ist schon länger in mehreren Artikeln nachzulesen, unter anderen auch beim Humanistischen Pressedienst, nach deren Angaben Einstein in einem Brief an den esoterischen Mystiker und Philosophen Eric Gutkind von einem „kindischen Aberglauben“ schrieb.

3. Auch das Zufälligste ist nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Notwendiges

Arthur Schopenhauer
Wiki gemeinfrei

Warum Arthur Schopenhauer diesen Spruch in welchem Zusammenhang gesagt oder geschrieben hat, weiss ich nicht. Ehrlich gesagt will ich es hier und jetzt auch gar nicht wissen, denn mir werden die Zitate ja auch um die Ohren gehauen, ohne dass mir der innere Zusammenhang mit der Philosophie des sich stets selbstüberschätzten Schopenhauers mitgeteilt wird. Das Zitat ist als Einzelsatz auch als völlig realitätsfremd zu verstehen, denn es verweist auf einen angeblich tiefen Zusammenhang zwischen der Welt (oder Gott) und dem Schicksal eines jeden Einzelnen, und zwar im Hinblick auf eine willentliche Führung eines göttlichen (oder heutzutage esoterischen) Lenkers, um „das Notwendige“ durchzuführen. Notwendig für wen oder was? Vorsehung als Spiel mit menschlichen Marionetten?
Der Spruch mag Schopenhauers Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Gott und der Welt beschreiben, aber es ist eben nur seine persönliche Vorstellung ohne jeden Anspruch auf Wahrheitsgehalt.
Im Prinzip kann ich immer nur darauf verweisen, dass solche Zitate nicht deshalb der Wahrheit entsprechen, weil sie von irgendwelchen und zumeist inzwischen verblichenen Koryphäen gesagt oder geschrieben wurden, die wir zwischenzeitlich auf den Sockel der Unsterblichkeit gehoben haben. Diese Position macht sie nicht zu Wahrheitssagern, sei es in Bezug auf Quantenphysik, auf Religiöses oder Philosophisches oder auch auf Zwischenmenschliches.
Es ist mir sowieso ein Rätsel, wieso den buchstäblichen Hinterlassenschaften verblichener Zeitgenossen immer eine besondere Intensität an Wahrheit zugesprochen wird. Sei es Einstein, Kant, Hegel, Voltaire, Schopenhauer oder viele andere. Sicher haben sie alle auf ihre Weise geforscht und entdeckt, waren womöglich intelligent, haben die Wissenschaft weiter gebracht, die Kultur erweitert oder die Gesellschaft weiter entwickelt, aber sie haben dabei genauso Fehltritte absolviert, heisse Luftblasen zelebriert und Unsinn geredet wie jeder andere auch. Sie alle hatten nicht die Wahrheit gepachtet, die ihnen manchmal alleine durch das Zitieren mit erhobenem Zeigefinger zugestanden wird.

Also verschont mich zukünftig bitte mit dem Zitieren falsch verstandener Weisheiten, falscher Einsichten oder längst überholter Inhalte aus dem Mund oder der Feder verblichener Personen der Geschichte, auch wenn deren Sockel noch so hoch ist. Bleibt mir einfach weg mit Zitaten.

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