Strom und Wasser immer selbstverständlich?
Wasserkraftwerk Raffelberg
Wiki gemeinfrei

In Wohlstandsgesellschaften ist eine dauerhafte Stromversorgung genauso selbstverständlich wie fliessendes Wasser. Wenn wir wegen eines Wasserrohrbruchs nicht wie gewohnt baden, duschen oder uns waschen können, dann fühlen wir uns den ganzen Tag unwohl. Und wenn die Rohrarbeiten wegen Komplikationen länger dauern, dann sind wir schon richtig sauer. Zwar merken wir nun, wie wichtig für uns die Dinge sind, die ansonsten wie selbstverständlich zur Verfügung stehen, aber wir sind über den Versorgungsausfall mitten im Leben genauso ungehalten wie der Fernsehzuschauer über die Bildstörung während eines Films. Und wir kommen gar nicht mehr auf die Idee, dass fliessendes Wasser und dauerhafter Strom keine Selbstverständlichkeiten sind und in anderen Ländern Ausfälle durchaus zum Alltag gehören können:

Momentan haben wir leider seit 5 Tagen kein fließendes Wasser mehr, sodass wir uns aus Eimern duschen

schreibt eine junge Dame aus Cape Coast/Ghana, die im Rahmen der Organisation des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) ein Auslandsjahr dort absolviert. Weiter heisst es:

Der Strom ist ab und zu mal weg, was für uns mittlerweile allerdings kein Problem mehr ist, da wir uns dann sofort mit Kerzen, Öllampen und Taschenlampen aushelfen, was besonders abends beim Kochen nötig ist. (…) Vielmehr werden wir es schätzen, wenn wir wieder fließend Wasser haben. Damit habe ich schon mal ein „Ziel“ erreicht: Strom und fließendes Wasser schätzen lernen!

Eine schon fast gelassene Beschreibung der Lebensumstände in dem westafrikanischen Land und einer Stadt mit ca. 150.000 Einwohner, verbunden mit der eher gelassenen Konsequenz, fliessendes Wasser zu schätzen. Und genau diese Gelassenheit ist auch in ihrem Blog zu lesen, wenn sie von den Einwohnern berichtet:

Vielleicht lag es aber auch einfach an der besagten „Ghana Maybe Time“ (…), dass alles ein wenig länger dauerte.“

…und es wimmelt von Menschen, die gemütlich die Straßen entlang laufen („Hektik, was ist das?“)

Anscheinend gibt es einen tieferen Zusammenhang zwischen den regelmäßigen Unregelmäßigkeiten des Alltags und einer grossen Gelassenheit in der Bevölkerung. In Ghana leben die Menschen mit andauernden Mängeln des Alltags, bei der das fliessende Wasser auch mal über mehrere Tage nicht zur Verfügung stehen kann. Die von der Blogschreiberin geschilderte gelassene und zudem herzliche Mentalität der Einwohner ist jedoch kaum mit der Mentalität der Menschen in Wohlstandsgesellschaften zu vergleichen. Denn Gelassenheit und offene Herzlichkeit fehlen hier zumeist und vor allem als steten Ausdruck des öffentlichen sozialen Miteinanders. Vielleicht haben die Menschen in Europa solche Eigenschaften abgelegt, weil sie kaum noch Versorgungsmängel erleben und somit breitgefächerte soziale Kontakte und Zweckgemeinschaften nicht in dem Maße benötigen wie in Ländern mit vielen alltäglichen Unebenheiten, die sich mehr um das Grundsätzliche drehen.

Genau deshalb sollten wir uns von Zeit zu Zeit auf die Grundbedürfnisse des Lebens besinnen sowie auf unsere soziale und kulturelle Strukturen, die kaum von Hektik und materiellem Reichtum leben, sondern von Ideen, Neugierde und Hilfsbereitschaft. Sicher sind Wohlstandsgesellschaften wie die unsere trotz aller negativen Begleiterscheinungen leistungsfähiger und innovativer, aber ob sie auch lebenswerter sind wage ich tatsächlich zu bezweifeln. Vielleicht sollte sich einfach jeder zumindest hin und wieder darauf besinnen, dass Strom, fliessendes Wasser und letztendlich auch eine regelmäßige Nahrungsversorgung keineswegs eine naturgegebene Selbstverständlichkeit ist.