Viele kennen den folgenden klagenden Vorwurf sicher schon lange. Er gehört zu den unsinnigsten und dennoch schönsten Standard-Sprüchen emotionaler Erpressung und wird gerne in partnerschaftlichen Auseinandersetzungen benutzt: „Du hast meine Gefühle mit Füßen getreten!“
Diese vorwiegend gerne mit weinerlicher Stimme vorgetragene Klage läßt sich inzwischen auch in öffentlichen Äußerungen von Würdenträgern der katholischen Kirche zunehmend vernehmen. Die bei Zeremonien pompös gekleideten Katholiken-Bischöfe vermitteln vermehrt den Eindruck, dass sie in letzter Zeit mehr und mehr unter den heftiger werdenden verbalen Gefühlstritten zu leiden haben. Doch tatsächlich sind diese Gefühlstritte durchaus berechtigt und wohlverdient.

Das liegt an zwei Fettnäpfchen, in die vor allem die zunehmend von Mitgliederschwund verfolgte katholische Kirche in provokanter Weise ganz bewusst hin und wieder zu treten pflegt.

Zum Einen äußern sich ihre Bistumsführer gerne öffentlich mit moralisch erhobenem Zeigefinger. So auch geschehen über gleichgeschlechtliche Handlungen, die einem nicht näher definiertem und damit eher mysteriös bleibendem „natürlichen Gesetz“ angeblich widersprechen. Das Ganze vor dem Hintergrund der vielen sexuell verklemmten Menschen in den eigenen Reihen, von denen sich wiederum einige auch noch auf homosexuelle Art und Weise an kleine Kinder vergriffen haben. Da dürften doch nach moralisch vorgetragenen Ansprüchen seitens der kirchlichen Würdenträger die Vielzahl der scharfen emotionalen Gegenangriffe eher nicht verwundern.
Nach den Skandalen in der Kirche – nicht zuletzt der Kindesmissbrauch und Vatileaks – wäre auf längere Zeit eher Demut nicht nur gegenüber dem eigenen Kirchenvolk zu erwarten gewesen. Doch davon ist bei den meisten Bischöfen nichts zu spüren. Stattdessen fordern sie sogar noch öffentlich beim Verbreiten ihrer manchmal diskriminierenden Meinungen, dass  der Widerspruch durch Angriffe auf die Glaubensinhalte dagegen bestraft werden soll. Manierierter geht es kaum noch.

Zum Anderen haben kirchliche Würdenträger stets einen unterschwelligen Machtanspruch, der ihnen von der Kirche und angeblich von Gott „von Amts wegen“ übertragen wurde. Sie fühlen sich per Priesterweihe zu etwas befähigt, was sie über den Wert des durchschnittlichen Menschen stellt, und das gilt in ihren Augen nicht nur für die eigenen Anhänger. Traditionell sehen sich Priester stets als etwas Besonderes sowie als eine „aus der Allgemeinheit herausgehobene Amtsperson, die in ihrer Eigenschaft als Vorsteher kultischer Handlungen eine Mittlerrolle zwischen jeweiliger Gottheit und den Menschen einnimmt“ (Wiki: Priester). Sie sehen sich als Vormund und Respektsperson für jeden, als quasiheilige und unantastbare Persönlichkeit, ein Vermittler mit angeblich persönlicher Berührung zu Gott und mit Weisungsbefugnis gegenüber allen Menschen in Einheit mit der eigenen Person. Selbsterhöhung durch angeblichen Gottesbezug. Das legitimiert sie in ihren eigenen Augen zu Aussagen mit einem nach eigenem Verständnis „besonderem Wahrheitsgehalt“, dem widerspruchslos gehorcht werden sollte, denn die Aussagen sind ja letztendlich von Gott legitimiert.
Insofern sind die mehr oder weniger diskriminierenden Aussagen, wie sie von Woelki und letztendlich auch von Meisner „von Amts wegen“ geäußert wurden, aber genau deshalb emotional gewichtiger als man anfänglich vermutet. Sie treffen die betroffenen Personen als gleichgeschlechtlich veranlagten Menschen im Kern ihres Wesens und im Kern ihres Lebensverständnisses, ja, sie sprechen ihnen in diskriminierender Weise sogar ihre Natürlichkeit ab. Diese Aussagen sehen sie stets unter dem Mantel der traditionellen und göttlichen Wahrheit. Eine Diskussion oder Annäherung bleibt aus, ihre Aussagen sind in erster Linie sacrosanctum zu verstehen und spiegeln die Tradition wieder. Deshalb ist es nicht verwunderlich und völlig legitim, dass eine Abwehr auf dem gleichen Wege erfolgt, nämlich indem die Basis und die Tradition der vorgetragenen diskriminierenden Moral – in diesem Falle der Glaube und letztendlich Gott- nicht nur infrage gestellt wird, sondern dieselbe mit Füßen getreten, ja sogar verhöhnt und verspottet wird.

Der Aufschrei der Getroffenen läßt im Normalfall nicht lange auf sich warten, denn die Quelle der vermeintlichen Moral ist für sie unantastbar. Das Heiligste darf angreifen, aber niemals angegriffen werden. Gott ist als Moralverkünder mit seinen ihn vertretenden Amtslautsprechern eine Einbahnstraße, Gegenverkehr unerwünscht. Doch das läßt sich seit der Aufklärung nicht mehr lange durchhalten. Die Angst vor der Strafe eines Gottes ist verschwunden, die Angst vor der Inquisition sowieso. Der Gegenwind hat in seiner Stärke zugenommen, das direkte Treten nach den „heiligen Wahrheiten“ ist aus der Verletzung heraus verständlich. Das ist ein Krieg auf der Gefühlsebene, den die Kirche mit neuen moralischen Äußerungen immer wieder anfacht. Deshalb sind es eigentlich diese unseligen Moralverkünder, die ihren Gott dem „Schmutz der Strasse“ aussetzen. Sie sind es nämlich, die ihn als Schutzschild für ihre unseligen und diskriminierenden Äußerungen vor sich her tragen. Sie sind es, die das Kreuz auf den Kopf des Anderen schlagen und wehleidig Respekt vor ihren Symbolen fordern, wenn der Geschlagene das Kreuz zerbricht. Zusätzlich zeigt sich vermehrt, dass ein im Staub liegender Gott auch noch ein machtloser, schwacher und wehrloser Gott ist, den es dann per weltlichem Gesetz zu schützen gilt.

Es bleibt also nicht aus, dass sich die Kirchenführer mit zunehmendem Wehklagen und der Forderung nach strengeren Blasphemiegesetzen – also im Prinzip die Forderung nach massiver Einschränkung der vom Grundgesetz zugesicherten Meinungsfreiheit wegen schwerwiegend verletzter religiöse Gefühle – eher der Lächerlichkeit preisgeben. Sie fordern damit nichts weiter als den Rückfall in die vorpreussische Zeit für ein Land, in der die Hälfte der Bevölkerung bereits ohne Glauben ist und die Hälfte der Mitgliedschaften in christlichen Religionsgemeinschaften nur noch auf dem Papier besteht.
Solange diese Kirche öffentlich die Lebensvorstellungen anderer Menschen in seiner Basis als unmoralisch diskreditiert, solange werden traditionelle und göttliche „Wahrheiten“ mit Füssen getreten.

Siehe auch:
Verletzte Gefühle und die Forderung nach staatlich geschützte emotionale Erpressung
Wie man mit verletzten religiösen Gefühlen erpresst
Rückwärtsgewandte Katholikenbischöfe