Verletzte Gefühle schon vor 1900: Félicien Rops 1833-1898
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Heute gibt es ein (vielleicht polemisches) Wort zum Sonntag der besonderen Art. Unsere religiösen Mitbürger haben ein neues Mittel entdeckt, sich gegen die nichtreligiöse Mehrheit zu behaupten und die Meinungsfreiheit ad absurdum zu führen. Sie nutzen immer wieder gezielt ihre „verletzten Gefühle„, um sich selbst gegen allzu viel Kritik und Spott zu verteidigen. Das Ganze wird dann noch mit der völlig unsinnigen Aussage gewürzt, dass man ja Kritik und Satire vertrage, aber hier sei doch der Kern des Glaubens verletzt worden. Wobei zu bemerken wäre, dass jegliche Verunglimpfungen von Gott, Maria, Christus, und dem Heiligen Geist stets den Kern des Glaubens trifft, vor allem dann, wenn einer der Genannten mit Sex in Verbindung gebracht wird, wobei das beim Heiligen Geist schon etwas schwieriger ist. Aber das ist egal: Blasphemie! Die Gefühle sind verletzt!

Nun gibt es sogar eine Anzeige gegen einen Kasseler Künstler, der ein Plakat mit einem am Kreuz hängenden stoppelbärtigen Jesus sowie in einer aus dem Himmel kommenden Sprechblase gezeigten Textes: „Ey… du … Ich hab deine Mutter gefickt!“ entworfen hatte und dieses vom Veranstalter am Kasseler Bahnhof ausgestellt wurde. Nach dem wehleidigen Klagen mancher Gläubigen, ihre Gefühle seien nun verletzt worden sowie der Abgabe einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft hat der Künstler reagiert. Er hat das Plakat entfernen lassen – entgegen dem Wunsch der Veranstalter. Damit hat sich der Künstler selbst zensiert, und es dürfte auch in Zukunft so sein, dass bei Veranstaltungen ein solch provokantes  Plakat in selbstzensorischer Voraussicht eher nicht mehr aufgehangen wird – zumindest nicht mehr im öffentlichen Raum. Da hilft auch die unbeholfene Erklärung nicht, dass „die Anzeige nichts mit der Entscheidung zu tun gehabt habe, die Karikatur abzuhängen„. Das klingt in dem Zusammenhang wirklich nur noch lächerlich.

Verletzte Gefühle – immer schön theatralisch bleiben
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Das Kuriose an der ganzen Sache ist jedoch, dass es inzwischen auszureichen scheint, allein verletzte Gefühle geltend zu machen – ohne jegliche Begründung, was denn verletzend sei und auf welche Art die Gefühle verletzt wurden. Es reicht aus, von verletzten Gefühlen zu sprechen, um sein Ziel zu erreichen. So haben jedoch stets Menschen agiert, die entweder emotional erpressen wollten, sei es in Beziehungen oder in anderen Abhängigkeitsverhältnissen. Es ist nicht erst seit heute eine wunderbar funktionierende Angelegenheit, jegliche Diskussion oder das Austragen von Streitigkeiten für sich zu entscheiden, wenn man dem anderen das Verletzen der eigenen Gefühle vorwirft, vor allem dann, wenn es nur darum geht, etwas zu erreichen. Genau das Gleiche haben nun die Gläubigen für sich entdeckt, auch mit gezielten Hinweisen konservativer Bischöfe und ebensolchen Schriftstellern, die meinten, dass das Verletzen von Gefühlen strafbar sein müsse. Dass sie damit der Willkür Tür und Tor öffnen würden, scheint ihnen egal – oder ihr Denken reicht nicht weit genug. Hauptsache, sie können mit dieser Zielsetzung ihre Umgebung unlauter beeinflussen. Und sie haben tatsächlich nicht unerheblichen Erfolg.

Doch die nächste Stufe, die sie mit diesen Forderungen auslösen, scheint ihnen nicht bewusst zu sein, denn die Rücksicht auf verletzte Gefühle wird nur eine kurze Phase andauern. Mit zunehmendem Klagen wird auch der Spott wachsen und in die nächste Stufe führen, nämlich in die Eskalation von Gewalt, wie es derzeit im Islam zu finden ist. Soweit wollen Christen in Deutschland (noch) nicht gehen, aber in den USA ist dieser nächste Schritt zur christlichen Gewaltbereitschaft schon in seiner Androhung Realität. Diskussionen oder Gesetze sind dann nicht mehr relevant. Gewalt alleine zählt, um sein Ziel zu erreichen. Deshalb ist es abzusehen, dass die nächsten Schritte mancher der hiesigen Christen ebenso in diese Radikalität führen wird, weil ihnen auf andere Art und Weise nicht mehr der gewünschte Respekt gegenüber ihrer Religion entgegen gebracht wird. Wenn die ersten Steine wegen eines solchen Plakates fliegen, dann ist der öffentliche Frieden gestört. Dann muss der Staat einschreiten und wohlgemerkt nicht den Randalierer, sondern den Satiriker verurteilen. Der Staat hat den unsinnigen § 166 StGb trotz vielfacher Forderung nicht abgeschafft. Damit gibt er weiter jedem die Möglichkeit, wegen „verletzter Gefühle“  gegen alles und jeden vorzugehen – auch gegen Satire, Kunst und Kabarettisten.

Das alles weist sehr deutlich darauf hin, dass alle Religionen in den belanglosen und ungefährlichen Privatbereich abgedrängt werden müssen, notfalls auch mit massiver Beschneidung ihrer derzeit noch staatlich verankerten Rechte. Es ist völlig in Ordnung, wenn Religionen zu kleineren Sekten mutieren. Immerhin muss die Kirche derzeit sowieso immer mehr Gotteshäuser schließen, mangels Gläubige, mangels Geld und mangels Priester. Das ist eine eher erfreuliche Entwicklung. Religionen dürfen niemals wieder eine Macht darstellen, weil dies nur Unheil über die Welt bringt, egal von welcher Religion aus. Das christliche Abendland ist aufgefordert, endlich ein völlig säkulares und gottloses Abendland zu werden. Wir brauchen keinen Schöpfer, der nach allen bisherigen Erkenntnissen sowieso nicht existiert und deren Anhänger häufig Unheil anrichten.

Und falls jetzt jemand nach meiner Toleranz fragt: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ – Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde