Homosexualität als beliebte Mauer in religiösen Köpfen
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Vor einiger Zeit hatte ich in einem Artikel bezüglich einer Aussage des Bamberger Erzbischofs Schick schon einmal erwähnt, dass Äußerungen kirchlicher Würdenträger zu weltpolitischen oder naturwissenschaftlichen Ereignissen häufig kritisch hochgezogene Augenbrauen und heftiges Kopfschütteln bei den Zuhörern verursacht. Zumindest Ersteres erzeugt diesmal Schicks Kollege Erzbischof Woelki aus Berlin, der sich etwas merkwürdig zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften geäußert hat.

Zum einen lobt er die Fürsorge homosexueller Partner (was ja im Prinzip für jegliche Art zwischenmenschlichen Miteinanders gilt und demzufolge ohnehin Wert hat), gleichzeitig aber betont er, dass „homosexuelle Handlungen in sich nicht in Ordnung sind, gegen das natürliche Gesetz verstoßen und deshalb von unserer Glaubensüberzeugung her nicht gebilligt werden können„.

Nun ja, dass die christlichen Kirchen schwere Probleme mit den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften haben und über diese Mauer nicht steigen wollen, ist ja nichts Neues. Manche berufen sich auf Bibelstellen wie 3.Mose 18,22 oder 3.Mose 20,13, das ist aber deshalb nicht zulässig, weil die christliche Religion sich ja auch nicht konkret auf andere barbarische Sitten berufen darf.
Kurios wird es jedoch, wenn solche Einstellungen mit dem Vorhandensein „natürlicher Gesetze“ begründet werden. Dabei zielt der Redner augenscheinlich auf die philosophische Auslegung des „Naturrechts„, in dem von außerhalb der menschlichen Zuständigkeit bzw. des Einflusses der Menschen natürliche Regeln und Gesetze in der Natur zu finden seien. Dazu zählen neben diversen angeblich göttlichen Vorgaben auch die in einem Menschen „eingeschriebenen“, aber nicht vom Menschen verursachten ethischen Regeln, die auch über die Vernunft erkennbar seien.

Ich muss ehrlich gestehen, dass mich diese uralte und bisher nicht ausgestorbene philosophische Sichtweise zuerst verblüfft hat, weil sie einen über mehrere Jahrtausende fortlaufenden Hang zu einer externen Gesetzesordnung festlegt, der weder evolutionär noch naturalistisch erkennbar ist. Ethische und moralische Gesetze sind immer rein menschliche Konstrukte, außerhalb diesen künstlichen Maßstäben gibt es nur noch rein naturwissenschaftliche Gesetze, die jedoch absolut nichts über moralische oder ethische Vorgaben aussagen. Man kann also ohne mit der Wimper zu zucken mit einem Handstreich über naturalistische oder „natürliche“ Moralgesetze nur einen kurzen Satz sagen: „Alles Quatsch!“. Es gibt schlichtweg keine natürlichen ethischen „Grundregeln“.

Aus diesem Grunde empfinde ich den Hinweis auf ein „natürliches Gesetz“ gegen Homosexualität nicht nur als völlig überflüssig, sondern auch als reines Hirngespinst. In der Natur ist bspw. gleichgeschlechtliche Liebe gang und gäbe, angefangen bei Grauwalen über Schimpansen bis zu Schwänen und Pinguinen. Bei über 1.500 Tierarten ist Homosexualität bereits nachgewiesen. 80% der Zwergschimpansen (Bonobos) sind bisexuell (Schimpansen sind mit uns genetisch zu 98,4% verwandt).
Gleichgeschlechtliche Liebe ist demzufolge auch bei Menschen eine völlig natürliche Angelegenheit, auch wenn nicht alle Menschen dazu neigen. Witzig, dass man diese Tatsache ausgerechnet Priestern aus der katholischen Kirche mitteilen muss. Und ich frage mich wirklich, warum wiederum ausgerechnet diejenigen sich am häufigsten über die Sexualität anderer äußern müssen, die zu der Gruppe der am stärksten sexuell unterfordertsten Menschen in der Gesellschaft  gehören.

Bischöfe dürfen zwar wie alle anderen auch ihre Meinung sagen, aber sie sollten durchaus aufpassen, dass sie durch diese Aussagen nicht mit dem Diskrimierungsgesetz in Berührung kommen.
Denn über eines sollte sich auch Woelki im Klaren sein: von Menschen gemachte Gesetze wie internationale oder nationale Rechtsordnungen stehen stets über „göttliche“ oder „natürliche“ Gesetze, selbst wenn sie existieren würden. Und das ist tatsächlich eine echte gesellschaftliche Errungenschaft.