Im ersten Teil wurde davon berichtet, dass mit der aufkommenden Aufklärung und trotz eines massiven Bildungsschubs seitens der preußischen Regierung im 19. Jahrhundert das von Kant geforderte kritische Denken in der Gesellschaft verhindert wurde, sei es aufgrund verschiedener Interessen der Kirchen, dem Kastendenken der intellektuellen und geistigen Elite sowie der Ängstlichkeit des eigenen politischen Apparats vor allzu viel Volksmündigkeit. Das Volk hatte bis weit zum Ende des zweiten Weltkrieges als unmündig zu gelten, was sich stark in weit verbreitetem Aberglauben niederschlug. Auch die Politik hat ihren Teil dazu beigetragen, ja sogar die Unmündigkeit und blinde Gefolgschaft schamlos für ihre Zwecke missbraucht.

Erzwungene unkritische Denkweise in Ideologien

Politische Ideologien verhinderten zusätzlich in weiten Teilen den Wandel zum kritischen Denken. Von Preußen bis Bundesrepublik war ein solcher Wandel auch wegen antiaufklärerischer Tendenzen bei der „Obrigkeit“ gegenüber der Volkskultur sowie durch das Elitebewusstsein der intellektuellen Schicht stets erschwert. Ohne freien Zugriff auf Wissen jeglicher Art blieb es den nichtintellektuellen Schichten im Großen und Ganzen verwehrt, aus einer abergläubischen Grundeinstellung heraus zu treten. Gerade das Dritte Reich stellt hier einen herben Rückschlag gegenüber der Bildung in einer Gesellschaft dar, denn die gesamte Ideologie war durchzogen von Aberglauben. Aberglaube an eine Rassenideologie, an einen Führerkult, an den Unsinn der Herrenmenschen, an ein besonderes deutsches Volk und an Homöopathie.

Die Wissenschaften, deren Ruf durch den ersten Weltkrieg ruiniert war und die in der Weimarer Republik  durch Forscher wie Planck, Einstein, Hahn und Heisenberg als Stars der Wissenschaft den Höchststand ihrer Anerkennung erlangten, wurden durch die latent vorhandene und wieder aufkeimende Rassenideologie gegenüber Wissenschaftlern wie Einstein, Born oder Haber sowie später durch einen von wissenschaftlicher Forschung völlig unbeeindruckten Hitler wieder in die Bedeutungslosigkeit gedrängt.

Demzufolge war kritisches Denken in dieser Zeit nahezu zum Erliegen gekommen. Auch deshalb, weil gerade in der nationalsozialistischen Ideologie das kritische Hinterfragen wieder lebensgefährlich wurde, so wie 300 Jahre zuvor bei dem kritischen Blick auf  Glaubensgrundsätze. Hitler galt als nicht hinterfragbares Oberhaupt eines blindfolgenden Volkes und war nicht daran interessiert, Bildung über ein notwendiges Maß hinaus zu fördern. Hier galt Gehorsam gegenüber der Obrigkeit als stärkste oberste Tugend, alles andere war zweitrangig.

Gleichzeitig entwickelte sich in der Sowjetunion ein völlig anderer Komplex ideologischen Denkens, der jedoch ebenso wie bei der nationalsozialistischen Ideologie keine Kritik vertrug. Hier ging es sogar soweit, dass ideologisch verblendete Wissenschaftler gewonnene weltweit anerkannte Forschungergebnisse offiziell ausser Kraft setzten und wissenschaftliche Regeln solange umformten, bis sie in die Ideologie passten. Wer sich kritisch darüber äußerte landete im Arbeitslager oder wurde gleich erschossen.
Hitler und Stalin als ideologische Brüder im psychopathischen Geiste mit weltfremden abergläubischen Ideologien und Unterdrückung jeglichen abweichenden Denkens.

Nachkriegswehen und die Ruhe vor dem (Internet-) Sturm

Doch auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches änderte sich in der Einstellung gegenüber Aberglauben erst einmal wenig. Die Menschen waren mit dem Heimkehren und Wiederaufbauen ihres persönlichen und sozialen Umfeldes beschäftigt. Abergläubische Strömungen waren nur am Rande interessant, blieben aber dennoch nicht nur aus der Geschichte des Dritten Reiches tief verankert. Das, was dort an Bildung versäumt wurde schlug sich nun still und heimlich in den Nachkriegsfamilien nieder. Dennoch blieb der Aberglaube „an was auch immer“ in den Wohlstandsjahren lediglich eine Randerscheinung ohne öffentliche Auseinandersetzung. Das Bildungssystem war von dem jungen Nachkriegsstaat auf offene Bildung zugeschnitten worden. Fast jeder Schüler in den Großstädten wurde zum Besitz einer Büchereikarte animiert und hatte demzufolge Zugang zu öffentlichen und kostenlosen Büchereien. Religionen wurden zunehmend kritisch betrachtet und die Kirchen zunehmend leerer. Kritisches Denken blieb dennoch eine Randerscheinung, denn Skepsis war in der jungen Bundesrepublik eher nicht in großem Stile nötig. Intellektuelle wie Böll oder Grass kritisierten denn weniger den Aberglauben als eher das alte verkrustete Obrigkeitsdenken und bohrten in diesem rücksichtslos herum. Klassische Themen wie Ufos oder Geistererscheinungen fand man allenfalls in den Boulevardblättern, oft so simpel gefälscht, dass niemand wirklich daran zu glauben schien. Das Buch über Ufos für den Großvater zu Weihnachten wurde eher als reizvolle Unterhaltungsanimation angesehen und führte kaum zu ernsthaften Auseinandersetzungen über die Wahrscheinlichkeit solcher Phänomene. Selbst der in den 60er und 70er Jahren populäre Parapsychologe Hans Bender wurde durchgängig belächelt. Niemand schien den vorgetragenen Spuk wirklich ernst zu nehmen.

Die wissenschaftliche Elite in Deutschland wurde bis dato kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Auch nach dem 2. Weltkrieg pflegten sie weiterhin ihre elitäre Struktur, die sich als Gegenreaktion in der Apo-Bewegung niederschlug. Zwar veränderte sich langsam das gesamte Bildungswesen, der Universitätsbetrieb war aber noch voll von talartragenden elitären Wissenschaftlern und Dozenten,  die weiterhin auf ihre elitäre Vormachtstellung bestanden und zudem noch das Verhältnis zum Dritten Reich ungeklärt ließen. Ihre Arbeiten erregten – anders als bei den mondlandungsverwöhnten Amerikanern – nur selten Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Aufkeimende neue Religion der Ufogläubigen
Wiki gemeinfrei

Ab Ende der 70er Jahre formierten sich zunehmend neue Strömungen. Zumeist waren sie religiöser Natur und schlugen sich in christliche Neuorientierungen nieder. Des weiteren las man zunehmend die ersten Berichte von Ufogläubigen, die nachts an bestimmten Plätzen regelmäßig mit Ferngläsern auf der Lauer lagen und von ganzen Ufo-Flotten berichteten. Das nahm selbst da noch niemand so richtig ernst und wurde oft als Spinnerei abgetan.
Andere wissenschaftlich unhaltbare Bereiche wie das seit den 80er Jahren „wiederentdeckte“ Konzept der Homöopathie dümpelte eher vor sich hin und fand erst mit dem Internet enormen Zuspruch. Mit dem in einem Vortrag des Gehirnforschers Gerhard Roth als dritten Intelligenzverstärker des Menschen bezeichneten Netzwerk kehrte auch der Aberglauben massiv in die gesellschaftliche Wahrnehmung zurück, diesmal in seiner ganzen Bandbreite. Genauso wie sich nun das elitäre Wissen und wissenschaftliches Denken nach anfänglichem Zögern beschleunigt ausbreitete und sich nun mehr und mehr zu einer kollektiven Intelligenz wandelt, wucherte auch auch der Aberglauben mit den unmöglichsten Erscheinungen und Heilsversprechen. Die nicht mehr unter Strafe stehende „Gaukeley“ treibt seit den ersten Online-Shops und Diskussionsforen seltsame Blüten aus allerlei merkwürdigen Gewächsen unter der nach dem griechischen Begriff esōterikós (innerlich) benannten Esoterik.

Zunehmend traten auch Wissenschaftler an die Öffentlichkeit. Gleichzeitig mit der massiven Schwemme an unglaubwürdigen Methoden und Aussagen aus der frühen Esoterikszene waren zuerst vereinzelte Stimmen als Reaktion zu vernehmen, später formierten sich erste Kreise von Skeptikern, denen kritisches Denken und Hinterfragen nach strengen wissenschaftlichen Regeln als oberstes Prinzip zu eigen wurde. Plattformen gründeten sich und sind nun häufig Schauplätze zahlloser Kämpfe zwischen Esoterikbefürworter gegen Wissenschaftler oder wissenschaftlich interessierten Laien und umgekehrt.

Das Fazit des unkritischen Denkens

Das unkritische Denken ist geschichtlich durch das lange und einvernehmliche Zusammenspiel des elitären Denkens der intellektuellen Elite mit dem zu erhaltenden Obrigkeitsanspruch gefördert worden und bis heute enorm verbreitet. In der Esoterikszene werden demzufolge gern Autoritäten als Beweis der Richtigkeit einer These angeführt. Im Prinzip ist das heutige realitätsfremde Gedankengut eine Konsequenz religiöser, elitärer und gesellschaftlicher Prägungen, welche sich über Jahrhunderte hinzog und die Masse der unteren Gesellschaftsschichten in Unmündigkeit hielt. Das in der Gesellschaft enthaltene unreflektierte Denken spiegelt ein Phänomen wieder, welches ohne einer Plattform wie dem Internet nie so extrem massiv zutage getreten und aufgefallen wäre. Die auf dem Stand seiner Bildung und seines Realitätsbezugs gebildete Meinung eines Menschen ist stets individuell und fand in der Zeit ohne Internet keine wirkliche Verbreitung. Es war unwahrscheinlich, dass sich zwei zusammenfanden, die zufällig den gleichen abergläubischen Thesen anhingen, geschweige denn eine größere Gruppe. Aberglaube ging kaum über das Stammtischgespräch hinaus, manchmal entstanden kleinere Kreise mit sektenähnlichen Strukturen, wie es bei den Ufologen zu beobachten war. Zwar gab es immer schon Bücher zu verschiedenen abergläubischen Themen, aber deren Verbreitung hielt sich in Grenzen (in Preußen waren diese zudem ungerne gesehen, wurden zensiert oder waren sogar strafbar). Seit dem Internet jedoch finden sich Gleichgesinnte zu jeglicher Art von Aberglauben oder Verschwörung zusammen. Gleichzeitig finden Anhänger diverser merkwürdiger Theorien aufgrund der leichten Suchfunktionen stets jemanden, der die eigene unkritische Denkweise bestätigt, auch wenn das Thema noch so krude ist.
„Unkritisches Denken ist immer die unmündige und unkritische Übernahme einer These oder einer Theorie, die für wahr gehalten wird, ohne auf den tatsächlichen beweisbaren Wahrheitsgehalt hin überprüft zu werden.“

Förderung des kritischen Denkens als gesellschaftlicher Intelligenzschub

Freies Wissen für alle Menschen
Wiki gemeinfrei

Wenn in dem Vortrag der Gehirnforschers Gerhard Roth das Internet nach Sprache und Schrift als dritten Intelligenzverstärker des Menschen bezeichnet, dann sollte dem unbedingt Rechnung getragen werden. Um das kritische Denken zu fördern, sollte mit einer weitreichenden frühkindlichen Bildung in den Schulen das kritische Denken und Hinterfragen von angeblichen Selbstverständlichkeiten zum Lernprinzip erhoben werden. Zum Teil wird dies schon gemacht, wie in diesem auf Astrodicticum Simplex aufgeführtem Beispiel oder auf der Webseite dieser Schule nachzulesen ist. Es sollte stets zum Grundkonzept einer Schule gehören, selbst das Lehren eines religiösen Glaubens immer unter dem Aspekt zu lehren, dass nichts davon einen Bezug zur Realität hat oder beweisbar sei. Es müsste gezielt darauf hin gearbeitet werden, dass wie in der nach wie vor gültigen Regel von Kant jeder seinen Verstand selbst gebraucht, denn nichts ist schlimmer als das unmündige Nachplappern vorgegebener Thesen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, auch wissenschaftliche Erkenntnisse stets zu hinterfragen und Wissenschaftler dafür in Anspruch zu nehmen. Wissenschaftliche Theorien müssen gut und über sehr viele Personen abgesichert sein, um als einigermaßen stabil zu gelten. Vielfach kann man selbst auch als wissenschaftlich interessierter Laie bestimmte Vorgaben überprüfen, sei es in der Schule oder in eigenen Experimenten.
Kritisches Denken ist stets das Hinterfragen und der Gebrauch der eigenen Verstandeslogik in Verbindung mit der Erforschung eines Wahrheitsgehaltes auf der Basis von persönlich unabhängigen Ergebnissen.“

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

(Immanuel Kant)

Siehe auch: Das Phänomen des unkritischen Denkens – Teil 1

Quellen:

Michaela Breil, Nils Freytag, Guillermo Luz-Y-Graf, Uta Piereth: Aberglaube und Kritik im 18. und 19. Jahrhundert. Antiaufklärerische Tendenzen im Spannungsfeld von Obrigkeit und Volkskultur, Zusammenfassung

Nils Freytag: Hexenglauben im 19. Jahrhundert

Pressemitteilung BoxID 401386: Mehrheit überzeugt von Wirkungskraft der homöopathischen Arzneimittel und Behandlungsmethoden

statista: Welcher Aberglaube hat für Sie eine Bedeutung, auf welchen geben Sie selbst immer acht?

DHM: Wissenschaft und Forschung 1918-1933

Wikipedia: Naturwissenschaft