Geborgtes Salz bringt
7% der Befragten Unglück
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Nach einer Umfrage der BKK-Gesundheit im Jahre 2010 gaben 83% der 2181 Umfrageteilnehmer an, dass sie von der Wirksamkeit therapeutischer Behandlungen mit Homöopathie überzeugt sind. 78% hatten bereits homöopathische Arzneimittel wie Globuli für sich und ihre Familienangehörigen genutzt und rund 68% sich bereits einer homöopathischen Behandlung unterzogen.
Nicht weit davon entfernt ist eine andere Statistik, in der 43% der Befragten die Bedeutsamkeit eines vierblättrigen Kleeblatts bejahen. Neben einigen anderen Eigenheiten halten noch 35% den Schornsteinfeger, 26% die schwarze Katze, 14% den Kuckucksruf, 7% das geborgte Salz sowie immerhin noch 2% das Berühren eines Buckligen für das eigene Glück oder Pech relevant.

Heutige Auswirkungen und religiöse Ursachen

Die Statistiken zeigen, dass kritisches Denken in der Bevölkerung eher zu den ungeliebten Stiefkindern gehört. In der esoterischen Szene ist es demnach am schlimmsten; hier vereinen sich alle möglichen pseudowissenschaftlichen Themen zu einer riesigen wabernden Masse unhaltbarer Theorien, die lediglich durch persönliche Erfahrungen und einem Austausch unter leichtgläubigen Gleichgesinnten bestätigt werden. Wissenschaftlichen Überprüfungen halten sie genauso wenig stand wie kritischem Hinterfragen. Demzufolge werden hartnäckige Frager aggressiv beschimpft und das Verlangen nach einem Beleg oder Beweis bereits als Sakrileg angesehen.

Verkündete 1870 das Dogma seiner eigenen Unfehlbarkeit:
Papst Pius IX.
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Nun ist diese Tradition der Realitätsverleugnung mit aggressiver Abwehr ja schon viel älter und hat ihren geschichtlichen Ursprung in den Religionen. Das Hinterfragen theologischer Glaubensgrundsätze haben viele Menschen in den letzten 2000 Jahren mit dem Leben bezahlt. Kritisches Denken war nur unter Gefahr möglich, auch Kopernikus hat aus diesem Grunde sein heliozentrisches Weltbild erst kurz vor seinem Tod veröffentlicht.
Erst die Aufklärung brachte das kritische Denken voran. Nicht umsonst wurde als Reaktion seitens der katholischen Kirche von Papst Pius IX. 1870 das kirchliche Dogma verkündet, dass zukünftige dogmatische Verkündungen von Amts wegen (ex cathedra) vom Kirchenoberhaupt als unfehlbar gelten. Zwar waren solche Dogmen (ausser der päpstlichen Unfehlbarkeit ansich) tatsächlich weder be- noch widerlegbar, hinterfragt werden dürfen die aber offiziell bis heute nicht. Dass das Ganze aus heutiger Sicht kindisch anmutet steht ausser Frage. Man sah sich in der katholischen Kirche wohl durch die von Immanuel Kant in Fahrt gebrachte Aufklärung gezwungen, derselben gerade in Bezug auf die Glaubensgrundsätze Grenzen aufzuzeigen, die freilich bis zum heutigen Zeitpunkt jegliche Aussagekraft verloren haben.
Aus dieser Sicht hätte eigentlich das kritische Denken, das in der Aufklärung begann und eine wissenschaftliche Revolution auslöste, zu einer neuen Grundlage in den Denkmustern einer Gesellschaft führen können.

Abgeschottete intellektuelle Schichten und preußische Einflüsse

Kritisches Denken war jedoch den elitären intellektuellen Schichten vorbehalten. Die unteren Gesellschaftsschichten waren aufgrund fehlenden Zugangs nicht in der Lage, ihren Nachkommen eine höhere Bildung zukommen zu lassen, es sei denn, sie schickten diese in die Klöster, in denen kritisches Denken jedoch theologisch beschränkt wurde. Demzufolge war Aberglaube in der Gesellschaft weiterhin weit verbreitet und kritisches Denken mangels Zugriff auf seriöse Informationen kaum durchführbar. Intellektuelle Denker außerhalb religiöser Traditionen waren sich ihrer elitären Sonderstellung bewusst und hatten kein Interesse daran, das gemeine Volk aufzuklären. Wissen war im wahrsten Sinne des Wortes Macht, und an einem Verlust dieser Machtstellung durch den Wissenszuwachs einer breiten Masse waren die wenigsten interessiert.

Dennoch versuchte der preußische Staat – zeitweilig sogar mit Hilfe der katholischen Amtskirche – den vor allem in ländlichen Gebieten vorherrschenden Aberglauben mit Bildung entgegen zu wirken. Dies löste jedoch Interessenkonflikte mit der Kirche aus, weil eine allzu große Frömmigkeit nach den preußischen Gesetzen ebenso unter Aberglaubensverdacht fiel. Manche Diözesen setzten sich vom preußischen Staat ab und akzeptierten abergläubische Umtriebe, um eigene Interessen durchzusetzen.
Zusätzlich waren auch hier Obrigkeiten wie Lehrer, Pfarrer oder Räte nicht daran interessiert, den Wissensabstand zwischen der gebildeten Eliteschicht und dem gemeinen Volk zu verringern. Macht und Ansehen standen in den ländlichen Gebieten noch viel mehr im Vordergrund als in den Städten, und diese verteidigten sie vehement bis weit in die 70er Jahre des 20. Jahrhundert.

Preußische Verwaltungen verfolgten die als weitaus gefährlicher eingestuften abergläubischen Prophezeiungen und Weissagungen, die bekanntermaßen bis in unsere heutige Zeit häufig anzutreffen sind und schon von manchen als „die Lust am Untergang“ bezeichnet wurde. Prophezeiende bedienten sich damals wie heute zeitweilig der Historie als esoterischen Steinbruch, was dazu führte, dass dies die Aufmerksamkeit seitens staatlicher Stellen zusätzlich erhöhte. Um solche Umtriebe einzudämmen reagierte der preußische Staat mit Zensur gegenüber dem immer noch als unmündig geltendem Volk. Dennoch verbargen sich hinter diesen Unterdrückungsmechanismen häufig eher politische Motive aufgrund von Revolutionsfurcht oder Spannungen mit den christlichen Religionen.

Medizinische Erfolge und pseudowissenschaftliche Erklärungen

Behandlung
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Der medizinischer Aberglaube war in dieser Zeit vorwiegend in den ländlichen Gebieten weit verbreitet. Scharlatane jeglicher Couleur konnten dort praktisch unbehelligt ihr Unwesen treiben. Dagegen wurden bspw. im Erzbistum Köln im 19. Jahrhundert bereits abergläubische Vorkommnisse wie Wunderheilungen geheim von der Kirche untersucht und mit großer Skepsis betrachtet. Die von staatlicher Seite geförderte wissenschaftlich-medizinische Deutungshoheit wurde auch von den Kirchen im Großen und Ganzen anerkannt. Dennoch haben sich damals wie heute die Mediziner und Wunderheiler an ihren vermeintlichen Erfolgen messen lassen müssen. So war es im 19. Jahrhundert genauso wie heute üblich, Ärzte und Laienheiler in beliebiger Reihenfolge aufzusuchen, je nachdem, welcher Ruf wem vorausgeeilt war. Interessant ist aber, dass damals schon halbwissenschaftliche und medizinische Quacksalber zunehmend sich einer pseudowissenschaftlichen Argumentation bedienten, um das eigene Handeln zu begründen.

Zusätzlich gab es noch eine große Bandbreite ungeklärter und wissenschaftlich nicht untersuchter Phänomene, die sich ungehindert als Aberglauben verbreiten konnten. Vor allem sei hier der von Franz Anton Mesmer propagierte animalische Magnetismus sowie der Spiritismus erwähnt, wobei Spiritisten in der Gesellschaft bis Mitte des 20. Jahrhunderts akzeptiert waren, auch wenn spiritistische Sitzungen mehr und mehr zu Gesellschaftsspielen verkamen und letztendlich durch mehrfache Offenlegung des Tricks in der Versenkung verschwanden. Gleichzeitig mit dem Aufkommen des Spiritismus erfuhr die Hypnose, welche 1843 durch James Braid entdeckt wurde, ebenso als Aberglaube zwischen Hypnotismus und animalischen Magnetismus Ablehnung vom preußischen Staat. Sie konnte sich jedoch aufgrund der Konzentration auf nervliche Leiden und gleichzeitig mit der Aufgabe des mesmerischen Universalanspruchs, alle Leiden kurieren zu können, mehr und mehr aus der Kategorie Aberglaube entfernen, zumal man die therapeutische Wirkung in der Suggestibilität inzwischen entdeckt hatte.

Im Übrigen war beim preußischen Staat im Gegensatz zu heute im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten die „abergläubige und betrügliche Gaukeley“ durch §220 und §221 strafbar, im Wiederholungsfall war sie mit einer bis zu acht Wochen dauernden Zuchthausstrafe oder bei nachgewiesenem Betrug sogar mit zweijähriger Festungshaft belegt. Der preußische Staat war ein entschiedener Gegner des völkischen Aberglaubens, sogar religiöse Umtriebe wie Wallfahrten und Prozessionen waren ihm aufgrund der Gefährdung der öffentlichen Ordnung ein Dorn im Auge. Dennoch gelang es ihm nicht, religiöse und abergläubische Traditionen einzudämmen bzw. der Aufklärung in dem Maße zu folgen, wie es wohl nach Kant wünschenswert gewesen wäre. Die Kluft zwischen der intellektuellen Elite und der durchschnittlichen Gesellschaft wurde von eben dieser Elite hartnäckig verteidigt. „Hochschullehrer genossen hohes soziales Ansehen und vermittelten als Kern des Bildungsbürgertums häufig elitären Kastengeist und traditionelle Wertvorstellungen“ (aus DHM). Das unkritische und abergläubische Denken in der Masse der Bevölkerung blieb ganz bewusst erhalten.

Weiterlesen: Das Phänomen des unkritischen Denkens – Teil 2

Quellen:

Michaela Breil, Nils Freytag, Guillermo Luz-Y-Graf, Uta Piereth: Aberglaube und Kritik im 18. und 19. Jahrhundert. Antiaufklärerische Tendenzen im Spannungsfeld von Obrigkeit und Volkskultur, Zusammenfassung

Nils Freytag: Hexenglauben im 19. Jahrhundert

Pressemitteilung BoxID 401386: Mehrheit überzeugt von Wirkungskraft der homöopathischen Arzneimittel und Behandlungsmethoden

statista: Welcher Aberglaube hat für Sie eine Bedeutung, auf welchen geben Sie selbst immer acht?

DHM: Wissenschaft und Forschung 1918-1933

Wikipedia: Naturwissenschaft

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