Energie statt Energetik
Amperemeter
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Vorgestern hatte ich über Energiefelder gebloggt und dabei auch den eher merkwürdigen Begriff Energetik gebraucht, dessen Begriffserklärungen in Wikipedia nachzulesen sind. Dort wird Energetik verschiedenen Themen zugeordnet. Energetik hat aber keinen eigenen selbständigen Eintrag. Das läßt im Allgemeinen darauf schließen, dass entweder eine für sich stehende Energetik nicht existiert oder/und das Wort anderen Begriffen untergeordnet ist. Die wichtigsten Bedeutungen aus der Begriffserklärung möchte ich nun folgend aufführen.

  • Energetik bedeutet sowohl im energiewirtschaftlichen als auch im wissenschaftlich-physikalischen Sprachgebrauch etwa „die Energie betreffend“ und wird dort manchmal benutzt. Biologen hingegen benutzen es selten als Verkürzung für Bioenergetik.
  • Im philosophischen Sinne ist Energetik die Bezeichnung einer Idee, dass Energie die Grundlage und das Wesen allen Seins ist. Ebenso wird dieser Begriff für die Psyche in Anlehnung an Carl Gustav Jung benutzt, um auszudrücken, dass sie eine eigene Dynamik besitzt und den Ausgleich zum „Gleichgewicht“ anstrebt.
  • Zusätzlich wird noch – wie sollte es anders sein – Energetik in der Esoterik als Bezeichnung für (esoterische) Energie benutzt.

Philosophisch gesehen ist Energetik keine reale Komponente, auch wenn diverse Philosophen den Versuch unternommen haben, indirekte Beweise dafür anzuführen. Aufgebracht wurde es von Wilhelm Ostwald als monistische Lehre, wonach alles Existierende auf Energien und letztendlich auf ein einziges Grundprinzip zurückzuführen ist. Diese Lehre stammt aus der Vorzeit des Christentums. Einige frühe Philosophen waren Monisten. Sie glaubten, das „Eine“ als Grundprinzip entdeckt zu haben, etwa Thales (Wasser, 600 v. Chr.), Heraklit (Feuer) und Parmenides (das Sein, beide ca. 500 v. Chr.).
Aus dieser monistischen Lehre ergab sich die Annahme, dass der Mensch erkennen könne, in seiner Umgebung sei nichts Starres und alles befände sich in Bewegung, um stets in die neutrale Gleichgewichtsmitte, also zu dem „Einen“ zurückzustreben. Diese eher kuriose Form des dynamischen Zurückdrängens jeglicher Substanz zu dem „Einen“ (was immer das auch sein mag) kann nicht mit physikalischer Energie verglichen werden, denn um mit (meßbarer) Energie zu einem bestimmten Punkt zu gelangen, muss eine Kraft vorhanden sein, bspw. eine Gravitation oder ähnliches.
Für die nichtmessbaren „Bewegungskräfte“, die sich zur Gleichgewichtsmitte hingezogen fühlen wurde das Wort „Energetik“ eingeführt. Sie sei sozusagen die stets vorhandene Kraft einer „selbständigen“ Energie, welche überall aus sich selbst heraus vorhanden sein soll. Eine Energie also, die ihre Ursache ausschließlich im Sein des Wesens oder der Psyche findet und mit physikalischen oder naturgesetzlichen Konstanten nicht verglichen werden kann.

Das ist lustig. Auch wenn in der Philosophie weitgehendst frei gedacht werden darf, kommt auch sie nicht darum herum, sich an den realen Maßstäben messen zu lassen, vor allem dann, wenn sie sich auf Thematiken aus den Naturwissenschaften bezieht. Es existiert nämlich außerhalb der physikalischen Kräfte keine natürliche Gleichgewichtsmitte, denn auf gesellschaftlicher, sozialer, psychologischer oder kommunikativer Basis wäre eine solche „geistige Mitte“ stets eine Frage der menschlichen Definition. Wo sich diese Mitte gerade befindet bzw. befinden soll ist völlig beliebig oder je nach der Einstellung der Menschen definiert. Die geistige Mitte würde sich also ständig dynamisch verschieben und in unterschiedlichen Gesellschaftsnormen zu völlig unterschiedlichen Positionen gelangen. Wie eine „Energetik“ jedoch wissen soll, bei welchem Gesellschaftmodell welche Gleichgewichtsmitte gerade gefordert ist, läßt sich nicht erkennen.
Die letzte Möglichkeit, nämlich eine selbständig sich anpassende Gleichgewichtsmitte als die Summe aller (angeblich) energetischen Komponenten, wäre in Wirklichkeit eine beliebige Mitte. Das würde nämlich bedeuten, dass stärkere Energetiken die Mitte zu ihren Gunsten verschieben könnten, und dann wäre ein tatsächlicher neutraler Ausgleich wie von den Philosophen propagiert ebenso nicht mehr vorhanden. Energetik als Spielwiese machtbesessener Individuen – eher doch eine lustige Vorstellung für Spieleprogrammierer.

Das alles läßt also nur den Schluß zu, dass Energetik nicht einmal in der Philosophie glaubwürdig erklärt werden kann und demzufolge als Gedankenexperiment völlig untauglich ist. Letztendlich ist die Energetik-These eher dem religiösen oder esoterischen Glauben als der Philosophie zuzuordnen.

Keine Energetik, aber schlechten Mundgeruch: Teufel aus Altpersien
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Esoterisch gesehen benötigt die Energetik keine Begründung. Sie ist dennoch in aller Munde, ob energetisches Coaching, ganzheitliche Energetik, energetisches Heilen, energetische Neuausrichtung, Tierenergetik, u.v.m. Den Schwurbelfantasien diverser Anbieter sind keine Grenzen gesetzt. Ob Energetik existiert oder nicht ist in der Esoterik sowieso auch deshalb völlig unerheblich, weil sich Esoterik fast ausschließlich auf Vorgänge beruft, die weder beweisbar noch nachvollziehbar sind. Manche berufen sich zwar auf den armen Ostwald, viele aber plappern nur den philosophischen Unsinn von der Gleichgewichtsmitte nach.
In der Esoterik wird von energetischen Einheiten oder Ganzheitsfeldern geredet, vom energetischen Heilen bis hin zur energetischen Wirbelsäulenaufrichtung. Die Sätze ähneln sich alle und sind austauschbar. Die Phrasen sind so zahlreich vertreten, dass unter ihnen keine Konsistenz mehr herzustellen ist, alle phantasieren munter drauf los. Oft auch innerhalb einer Berufssparte sind die energetischen Vorstellungen unterschiedlich. Jeder macht hier eben seine eigene Energetikwelt. Ganz lustig und völlig unglaubwürdig wird es dann, wenn es um energetische Dämonen geht (nein, kein versehentliches Lesen in irgendwelchen Spieleforen). Da kann man Amulette kaufen, die energetisch aufgeladen werden und vor Dämonen mit schlechter Energetik (und hoffentlich auch vor schlechtem Mundgeruch) schützen. Das ganze geht natürlich auch telefonisch – manche nennen es dann fernheilen.
Aber auch der schon unfassbaren Leichtgläubigkeit der Nutzer bei solch merkwürdigen und schon in´s Lächerliche gehenden Angebote sind keinerlei Grenzen gesetzt; es gibt immer noch jemanden, der an noch Idiotischeres glaubt.

Erschreckend finde ich jedoch, dass gerade in der Psychotherapie sowie beim Coaching die Energetik häufig zu finden ist. Statt dem eigenen Gehirn zuzutrauen, menschliche Signale intuitiv zu erkennen und interpretieren zu können wird lieber darüber spekuliert, dass man es mit energetischen Feldern zu tun hat und darin die energetischen Unstimmigkeiten erkennt. Manche Psychotherapeuten vermitteln mit solchem Schwachsinn dem Patienten das Gefühl, sie seien für ihr Leben gar nicht selbst verantwortlich, eher sei es die Energetik, die in´s Reine gebracht werden müsste. Dass man damit den Patienten mehr schadet statt hilft, liegt auf der Hand. Mit solchem Quatsch werden Patienten noch weiter in die Unmündigkeit getrieben und fühlen sich noch mehr als Spielball äußerer Umstände. Zumindest in Bereichen wie der Psychotherapie sollte der Gesetzgeber hier strenge Grenzen setzen. Einem hilfesuchendem Patienten ist es zudem auch nicht zuzumuten, aus der Vielzahl der unseriösen Angebote selbst einen seriösen Psychotherapeuten heraus zu suchen.

Nchtvorhandene Energetik in nicht vorhandenen Energiefeldern – eigentlich eine Spielform von Science Fiktion und Co. Heute jedoch weltweit als verschwurbelte Ersatzreligion in einer zunehmend säkularen Welt neben vielen anderen Ersatzreligionen gebraucht, um eigenes Unwissen mit unsinnigen Inhalten zu füllen, statt sich an der Realität zu orientieren.

Siehe auch:
Esoterisch energetische Energiefelder

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