Atheist Circle A
gemeinfrei

Zum Nachdenken gebracht hat mich ein Artikel von dem Blogger merdeister auf dem Ausruferblog. Ursprünglich ging es da um die Argumentationlinien mancher Zeitgenossen bezüglich der aktuellen Beschneidungsthematik, über die sich merdeister enttäuscht äußert. Bisher als sachliche Denker und Humanisten geschätzt, scheinen sich einige Atheisten und Agnostiker plötzlich in fundamentalistische Gefilde zu begeben und die Forderung nach einem Beschneidungsverbot ohne nachzudenken reflexartig und umgehend in den Raum zu stellen.

Für merdeister ist die Veränderung des bis dahin vorherrschenden Menschenbildes dramatisch: „Leute die sonst predigen, man müsse den Glauben von Menschen an Astrologie, Engel und anderen Unsinn ernst nehmen, man müsse ihre Sicht verstehen um sich damit auseinandersetzen zu können, machen plötzlich genau das nicht“, so merdeister (Zitat).

In der Tat decken sich seine Erfahrungen mit meinen. In den letzten anderthalb Jahren des Diskutierens und Kommentierens auf ScienceBlogs, welche für mich als inzwischen zweieinhalbmonatigen WordPressBlogger eine Zeit des Beobachtens und der Stilfindung war, fiel mir ganz besonders eines auf, nämlich das schon fast bildhafte Zähnefletschen diverser sich selbst als atheistisch bezeichnender Kommentatoren beim Thema Religion. Menschen mit religiöser Neigung und auch nichtreligiöse Menschen mit einer differenzierten Betrachtungsweise der Religionen werden dort durchweg mit völligem Unverständnis betrachtet. Sie gelten als indoktriniert. Wer sich in einer Religion wohlfühlt oder Verständnis dafür hat, dem fehlt angeblich jegliche Logik, denn schliesslich sind Religionen weitgehend inkonsistent und böse.

Alle religiösen Errungenschaften (wie z.B. die Förderung der Wissenschaften) werden schlichtweg weggeleugnet mit der Begründung, man hätte auch ohne Kirche forschen können, und aus der christlichen Ethik stammt ja in Wirklichkeit gar nichts, entweder war die vorher schon da, oder sie hätte sich auch ohne christliche Hilfe entwickeln können. Und der Hinweis auf Hilfsmissionen und Armenspeisung oder überhaupt auf Positives: alles nur Mittel zum Zweck! Es gab niemals etwas Gutes, nur Schlechtes, und stets werden diverse Verfehlungen aus der Vergangenheit gebetsmühlenartig aufgezählt. Religion und Kirche als eine Riesenverschwörung, nur um sie alle zu knechten!

Als geouteter Atheist mit Hang zum Differenzieren hatte nicht nur ich in den Kommentarsträngen einen schweren Stand. Dort gibt es einige Blogger und Kommentatoren, die gerne (manche selbst Atheisten) über Religionen diskutieren würden, aber das ist dort kaum möglich, denn beim Auftauchen religiöser Schlüsselwörter entpuppen sich viele der auch wissenschaftlich vor- oder ausgebildeten Menschen schnell als atheistische Fundamentalisten. So wurde gar ein atheistischer Blogger bei einer differenzierten Betrachtungsweise religiöser Vorgänge als Kreationist verdächtigt, worüber der Betroffene tatsächlich nur noch den Kopf schütteln konnte. Es reicht völlig, irgendetwas religiöses ernsthaft zu betrachten, um gleich als verblendet und indoktriniert zu gelten.

Kirche als Treffpunkt
Hl. Geist in Düsseldorf
Wiki gemeinfrei

Ich habe mich auch gefragt, ob ich vielleicht zu den wenigen Menschen gehöre, die selbst unbeschwert in einer christlichen Gemeinde aufgewachsen sind und die Einstellung zu Religionen vielleicht deshalb ziemlich gelassen ist. In meiner Jugendzeit habe ich mich bei den vielen (zumeist wenig religiösen) Aktivitäten unter dem Mantel der Kirche stets wohlgefühlt, auch deshalb, weil man sich dort als Gemeinschaft ohne übertriebenen Hang zur Religiosität verstand. Davon wegentwickelt habe ich mich aus rein theologischen Gründen, aus Überzeugung, dass das Universum zur Existenz gar keinen Gott braucht und deshalb eine solche Existenz unwahrscheinlich ist.
Das heisst für mich aber nicht, dass meine Erkenntnis sowie der Verzicht auf religiöse Strukturen zum Einen auf alle übertragbar ist, zum Anderen heisst das genauso wenig, dass ich mit dieser Erkenntnis „weiter“ bin als andere. Das wird aber bei den Fundamentalatheisten kaum akzeptiert. Ein aufgeklärter Mensch muss Atheist sein und findet alles, was mit Religion zu tun hat, überflüssig, indoktriniert und überhaupt ganz schlecht. Basta!

Fundamentalismus hat noch nie jemandem gut zu Gesicht gestanden, egal ob Religionsanhängern oder Atheisten. Es macht sie ähnlicher, als sie glauben, und ähnlicher, als sie es sich wünschen.