Ich hatte bisher zu dem Thema Beschneidung (Zirkumzision) deshalb noch nichts geschrieben, weil die bis jetzt in den Wind und in die Blätter geschossenen Meinungen fast alle den schlecht durchdachten Schnellschüssen zuzuordnen sind. Auch das Parlament hat mich irritiert; selten war man sich so schnell so einig, ohne auch nur eine Minute darüber nachzudenken, dass die körperliche Unversehrtheit eines jeden Bürgers Verfassungsrang hat. Dem Auftrag, über den Schutz seiner Bürger und gerade der Kinder jetzt etwas differenzierter nachzudenken und reflexartige Reaktionen zu unterlassen sind die Parlamentarier diesmal keineswegs gerecht geworden.

Dabei geht es nicht einmal so sehr um die Durchsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien, sondern um eine Lösung, die mehr erfordert als eine schnelle Zustimmung oder Ablehnung. Insofern haben mich die Abgeordneten in ihrer Einmütigkeit mehr als verwundert; sie widersprechen damit nicht nur völlig dem Meinungsdurchschnitt in der Bevölkerung, sie verletzen in ihrer Sorglosigkeit damit auch die Sorgfaltspflicht gegenüber ihren Bürgern.

Grundsätzlich hat der Staat das Recht und die damit verbundene Pflicht, vor allen anderen Gruppierungen in ideologischer und damit religiöser Unabhängigkeit den Schutz und das damit verbundene Recht des Staatsbürgers auf körperliche Unversehrtheit zu erhalten. Das säkulare Recht des Staates steht bekanntlich uneingeschränkt über dem Recht der Religionen und selbstverständlich auch stets über dem Recht der Eltern. Inwieweit der Staat sich aus diesem Recht zurückzieht obliegt dem Konsens innerhalb der Regierungen und ist gesetzlich geregelt.

Jedoch stehen viele Ereignisse im Raum, die rechtlich eher in einer Grauzone verlaufen und aus der sich der Staat bewusst heraushält. Dort geht es nicht nur um Beschneidungen, sondern auch um andere (körperverletzende) Dinge wie das Stechen von Ohrring-Löchern, Piercing, Impfung, zahnmedizinische und medizinische Behandlungen oder Operationen. Auch fällt in diese Grauzone bspw. die ausschliessliche Behandlung mit wirkungsloser Alternativmedizin bei Kindern, bei welcher der Staat erst dann einschreitet, wenn er Kenntnis von einer folgenreichen medizinischen Vernachlässigung der Kinder erhält.
Auch aus anderen familieninternen Bereichen (Beispiel Ehebruch) hat sich der Staat in den letzten Jahrzehnten zurückgezogen, in manche ist er klugerweise vorgedrungen (Verbot der Prügelstrafe, Verfolgung des Kindesmissbrauchs, etc.). Die Abtreibungsregelung bspw. hatte der Staat nach 120 Jahren gesetzlichen Scheiterns endlich auf ein Niveau gehoben, mit dem die meisten Mitmenschen leben können. Sollte sich also der Staat um die rituelle Beschneidung kümmern und eine Regelung finden?

Ja, sollte er unbedingt, denn zum Einen ist es nicht damit getan, den Religionen in einmütiger Eintracht einen Freibrief auszustellen. Es wäre aber ebenso nicht damit getan, nur auf das gesetzlich verbriefte Grundrecht der Unversehrtheit zu verweisen, obwohl dieses Grundrecht Vorrang vor allen anderen Bedürfnissen hat. Ein Blick in andere Länder verrät jedoch, dass wir mit diesem Problem keineswegs alleine sind. In einigen westlichen Ländern wird immer wieder über ein Beschneidungsverbot bei Kindern nachgedacht. Das Kölner Urteil hat nun europaweit zusätzlich Unruhe in die bisherige Diskussion und Praxis gebracht.
Übrigens nimmt sich Israel keineswegs aus einer solchen Diskussion aus und scheint tatsächlich von allen die sachlichste Diskussion zu führen.

Dennoch: ein solches Verbot läßt sich nicht über´s Knie brechen. Es verhindert nämlich nicht, dass beschnitten wird, sondern würde bestimmte Traditionen erst einmal in die Illegalität treiben. Es macht aber auch keinen Sinn mehr, die bisherige Praxis stillschweigend zu dulden und auf uralte  religiöse Traditionen zu verweisen. Solche Praktiken können nun durch das Kölner Urteil gesetzlich nicht mehr in der Schwebe zu gelassen werden, auch wenn das schon immer der Trend dieser Bundesregierung war. In der Folge würden und müssten sich nämlich Gerichte damit auseinandersetzen. Gerichte agieren aber nicht politisch, sondern sind zur Verfassungstreue und den Menschenrechten verpflichtet, und deshalb wäre eine aus dem Ärmel geschüttelte gesetzliche Regelung in der jetzigen angedachten Form sicher zum Scheitern verurteilt. Was also wäre zu tun?

Wir sollten nun das tun, was bisher kaum stattfand, nämlich in einem breiten Spektrum darüber diskutieren, was diese Tradition für die Menschen bedeutet, die den entsprechenden Religionen angehören. In erster Linie muss danach gefragt werden, was die Beschneidung für Kinder bedeutet und inwieweit die gesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit auf sie anzuwenden ist. Es muss danach gefragt werden, welche Auswirkungen sich aus Beschneidungen ergeben. Eine Beschneidung muss ja grundsätzlich nicht etwas Gutes sein, auch wenn dies in den USA auch außerreligiös häufig praktiziert wird, und es ist auch nicht grundsätzlich so, dass Beschneidungen etwas schlechtes sind, solange es Erwachsene an sich selbst durchführen lassen möchten.

Eine andere und nicht minder wichtige Diskussion ist die über die Zuständigkeitsaufteilung zwischen Staat und Eltern. Welche Entscheidungen kann man den Eltern überlassen, welche übernimmt der Staat? Beide Themen sind bisher kaum angesprochen, geschweige denn ausdiskutiert.
Zusätzlich ist die Diskussion der Fachkompetenz noch viel zu gering. Außer vereinzelte Statements war bisher nicht sonderlich viel davon zu lesen und ging im allgemeinen reflexartigen Geschrei unter. Erste Veröffentlichungen erscheinen nun nach und nach und sollten genauestens studiert werden.

In der Tat müssen hier wohl mehrere Dinge eingehend betrachtet werden, nämlich die Notwendigkeit der rituellen Beschneidung zur Aufnahme und Anerkennung in der Gemeinschaft (welcher auch immer) gegenüber der Belastung des Kindes durch die Beschneidung und das Aufrechterhalten der Tradition für die Religion. Man muss auch fragen, ob es überhaupt nötig ist, eine solche Tradition aufrecht zu erhalten, denn eine Beschneidung von Mädchen wird in westlichen Demokratien auch nicht um der Tradition Willen erlaubt. Hier hat man die Beschneidung grundsätzlich verboten und geächtet, weil die Belastung (nicht nur des Moments, sondern des ganzen beschnittenen Lebens) um ein vielfaches höher zu bewerten ist als eine mögliche Anerkennung bzw. Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft oder Gesellschaft.

Inwieweit also die Belastung des männlichen beschnittenen Kindes den Vorteilen der Beschneidung gegenüber steht, darüber müsste eingehend über längere Zeit diskutiert werden. Es müssen Betroffene befragt werden und es sollte sich ein Grundkonsens herausbilden, mit dem alle Beteiligten leben könnten. Möglichst sollte darauf hingearbeitet werden, dass Beschneidungen erst ab einem höheren Alter durchgeführt werden dürfen. Aufgrund diese Übereinstimmung sollte dann der Staat eine Regelung finden, die in erster Linie dem Kind dient, eine professionelle medizinische Versorgung gewährleistet und geheime Beschneidungen in Hinterzimmern verhindert. Die leidvollen 120jährigen Erfahrungen mit Abtreibungsverboten und den damit verbundenen „Engelmachern“ sollten der Gesellschaft eine Lehre bezüglich diverser Radikalverbote sein.

Entwicklungen lassen sich nicht „über´s Knie“ brechen, schon gar nicht in langen und alten Traditionen. Aber eine Veränderung ist möglich, denn auch andere Religionen haben schon alte Traditionen aufgegeben, weil sie als überflüssig oder barbarisch erkannt wurden.
Letztendlich denke ich aber, dass das Recht des Kindes auf vollständige Unversehrtheit bis zum Volljährigkeitsalter über kurz oder lang auch durch diverse gerichtliche Klarstellungen die Oberhand gewinnen und bei allen Religionen Anerkennung finden wird, denn das dürfte das eigentliche Ziel einer ethisch gesteuerten und für Religionen offene Gesellschaft sein. Und eigentlich sollte das auch das Ziel aller Religionen sein.

Weitere lesenswerte Meinungen:

Grundsatzartikel zur fraglichen Rechtmäßigkeit der Knabenbeschneidung von Prof. Dr. Holm Putzke

Kinder- & Jugendärzte im Netz: Rituelle Beschneidungen bei Minderjährigen – Kinder- und Jugendärzte fordern: Allein das Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit zählt

Die Ausrufer: Schnitt im Kopf –  von merdeister

ScienceBlogs, Gesundheitscheck: Wahrheit, Frieden und Recht – von Joseph Kuhn

Ratgeber-News-Blog: Beschneidungsdebatte – Fehlinformationen ohne Ende! – von Elke

Humanistischer Pressedienst hpd: Warum die Kölner Richter recht haben – von Eric Hilgendorf, Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Würzburg

Nachtrag: Der Atheist Media Blog zitiert gerade eine Pressemitteilung, nach der es endlich auch den ersten Politikern dämmert, dass die Beschneidungsthematik doch nicht so einfach ist.  Justizministerin: Beschneidungsgesetz wird kompliziert