Wenn katholische Amtsträger sich zu weltpolitischen oder naturwissenschaftlichen Themen äußern, hinterläßt das bei diversen Zeitgenossen häufig kritisch hochgezogene Augenbrauen, oft verbunden mit einem heftigen Kopfschütteln. So auch bei dem Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der laut den Erzbistumsnachrichten davor warnt „Gott auf ein Elementarteilchen zu reduzieren„. Weiter heißt es an anderer Stelle, dass Schick an die Wissenschaftler und Medien appelliert, „…nicht den Begriff „Gottesteilchen“ zu verwenden.“

Schick scheint nicht wirklich informiert zu sein, denn die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt diesen Namen auch aus dem Grunde ab, weil Religionen in der Naturwissenschaft absolut nichts zu suchen haben und ein recht hoher Anteil der Naturwissenschaftler eher atheistisch ist. Doch woher kommt diese Bezeichnung für ein Elementarteilchen überhaupt?

Der Nobelpreisträger Leon Lederman hatte  in seinem 1993 erschienen Buch „The God particle“ (Deutsche Übersetzung: „Das schöpferische Teilchen: der Grundbaustein des Universums“) ursprünglich das Higgs-Boson-Teilchen als gottverdammtes Teilchen bezeichnet. Das wiederum erschien  dem Verleger des Buches wohl ein wenig ruppig und er erfand kurzerhand den Titel „The God Particle“ (Das Gottesteilchen). Alle Medien übernahmen gleichwohl mit dem verkaufsfördernden und dennoch eher unglücklich gewählten Namen den Unsinn vom göttlichen Teilchen. Und darum ist er uns bis heute erhalten geblieben. Zwar ist die Erkenntnis über das Higgs-Boson-Teilchen fundamental, mit einem Gott hat das jedoch gar nichts zu tun. Eher schon mit dem Namensgeber Peter Higgs. Der Entdecker des „gottverdammten Teilchens“ kann sich nun freuen; er hatte nämlich nicht mehr damit gerechnet, dass das masseverleihende Teilchen Higgs-Feld noch zu seinen Lebzeiten entdeckt wird.

Doch es gibt noch einen weiteren verzerrten Punkt in Schicks Aussage, an dem das Kopfschütteln sich zu einem echten Facepalm steigert. Zusätzlich begründete Schick nämlich seinen Appell damit, es „könne der Eindruck entstehen, die Wissenschaft strebe an, die Schöpfung irgendwann im Labor nachbauen oder Gott wie auf dem Seziertisch analysieren zu können.

Miller-Urey-Experiment
Wiki gemeinfrei

Man lese und staune:  Schick scheint tatsächlich nicht zu wissen, dass genau das von den Naturwissenschaften angestrebt wurde und das Schöpfungslabor schon längst Realität ist. Bereits 1953 nämlich haben zwei Wissenschaftler schon Gott gespielt und die Schöpfung teilweise in einem Labor nachgestaltet. Im Miller-Urey-Experiment wurde damals im Reagenzglas die Entstehung der ersten organischen Moleküle aus Materie beobachtet, 2008 haben dann andere „Götter“ aus den Naturwissenschaften bei einem vergleichbaren Experiment acht weitere Aminosäuren gefunden, die 1953 übersehen wurden.
(Wer zu dem Thema mehr lesen oder genauer nachlesen möchte, dem sei entweder der Wikipediaeintrag oder diese Facharbeit empfohlen.)
Die Schlußfolgerung aus diesen Experimenten ist eindeutig; es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschheit dazu in der Lage ist, Gott zu spielen und komplexe Lebensformen selbst zu erschaffen, denn alles, was gemacht werden kann, wird auch irgendwann gemacht.

Vielleicht sollte sich Schick erst einmal darüber informieren, wie weit der Mensch schon in „Gottes Handwerk gepfuscht“ hat, bevor er vor Dingen warnt, die schon längst passiert sind. Etwas mehr wissenschaftliche  Bildung würde auch einem Erzbischof nicht schaden, zumal solche Vorgänge durchaus ganz real das Gottesbild infrage stellen. Und Wissenschaftler werden grundsätzlich alles auf den Seziertisch legen, was es zu analysieren gibt. Tabus gegenüber Gott gibt es keine. Und wenn Gott dabei zerlegt wird, umso besser für unsere Erkenntnis.

Nachtrag: Heute (7. Juli2012) hat sich auch noch der Direktor der evangelischen Kirche im Rheinland, Frank Vogelsang, mit der Kritik zu Wort gemeldet, dass weder Peter Higgs ein Gott noch Gott ein Higgs-Teilchen sei. „Achwas!“, kann man dazu nur noch sagen…

Zum Nachlesen:
Wikipedia: Miller-Urey-Experiment
Martin Bäker auf ScienceBlogs: Das Higgs-Teilchen im Schnelldurchgang

Zitate aus den Erzbistumsnachrichten, abgerufen am 6. Juli 2012