In der Blogosphäre bemühen sich zahlreiche Blogger um die Aufklärung ihrer Mitmenschen über die Vorgehensweise naturwissenschaftlicher Beweisführungen. Einige der vielen sind bspw. der Autor vom lynxx-blog, welcher sehr ausführlich Carl Sagans Buch „Der Drache in meiner Garage“ rezensiert bzw. daraus zitiert. Oder der bekannte Wissenschaftsblogger Florian Freistetter, der nicht nur in eigenen Blogartikeln immer wieder erklärt, sondern auch wie bei Sebastian Bartoscheks Blog in einem Interview unter anderem über die Funktion der Wissenschaft spricht.
Wie funktionieren jedoch dagegen Erfahrungen? Das versuche ich hier anhand eines einfachen Beispieles zu erklären.

Wenn man auf obiges Bild klickt (einige werden es sicher schon kennen), dann sehen wir in der vergrößerten Version deutlich, dass Feld A und Feld B in der Helligkeit völlig unterschiedlich sind. Feld A gehört zu den dunklen Feldern, Feld B zu den hellen und wird durch den Schatten des grünen Zylinders leicht verdunkelt.

Die Erfahrung sagt uns also, Feld B ist heller als Feld A.

Wissenschaftler wollen aber immer alles ganz genau wissen. Sie wollen messen, prüfen, zerreissen, kaputtmachen – sie wollen überall reinschauen, und sie wollen Daten haben, die unabhängig von ihren eigenen Erfahrungen sind. Also macht der erste Wissenschaftler eine Messung und siehe da, er misst eine Überraschung (klick):

Waaaas? Alle Rot-, Grün- und Blau-Anteile sind in beiden Feldern gleich? Es sollen beide Felder gleiche Farb- und Helligkeitswerte haben? A=B? Wie kann das sein? Und was ist mit meiner Erfahrung??? Ungerührt davon postuliert der Wissenschaftler seine Erkenntnis:

Die RGB-Werte in Feld B sind gleich denen in Feld A.

„Dogma!“ schreien die Einen, „Wissenschaftler wissen auch nicht alles!“ rufen die Anderen. „Ich weiss, was ich erfahren habe!“, sagen Dritte und „Wissenschaftler verheimlichen uns was!“ brüllen Vierte.
Auf diesen Standpunkten jetzt aber stehen zu bleiben ist jedoch für alle recht sinnlos. Deshalb reichen Wissenschaftler nun ihre Arbeit herum mit der Bitte, dass doch möglichst viele nachmessen sollten, ob sie denn zu gleichen Ergebnissen kommen. Und erst wenn viele zu gleichen Ergebnissen gekommen sind gilt die Theorie, dass die Farbwerte A und B gleich sind, als gesichert.

Auch der Nichtwissenschaftler kann durchaus nachprüfen, ob seine Erfahrung stimmt. Sicher ist es ihm nicht möglich, spezielle Messgeräte zu bekommen, aber in diesem Falle gibt es einen einfachen Weg. Wir kopieren den Farbwert des Feldes A und verschmieren ihn bis zum Feld B (klick):

Tatsächlich! Unsere Erfahrung hat uns getäuscht, und dabei hätte ich doch Stein und Bein schwören können… Aber gut. Die neue Erfahrung hat uns also gelehrt, dass die Farbhelligkeit in Feld A den gleichen Wert hat wie die Farbhelligkeit in Feld B, welches im Schatten des Zylinders weniger Licht bekommt. Ganz klar, eine Sinnestäuschung.
Gleichzeitig habe ich heimlich auf dem Brett zwei neue Felder mit den Buchstaben C und D beschriftet, denn ich habe ja nun eine neue Erfahrung, die ich demzufolge übertragen kann:

Feld B hat die gleichen Werte wie Feld A
Der Erfahrung nach müsste daraus folgen ->
Feld D hat die gleichen Werte wie Feld C

Feld A und C haben gleiche Farbwerte, demzufolge müssen ja Feld B und Feld D, die beide im Schatten des Zylinders liegen, auch gleiche Farbwerte haben! Wirklich? (klick):

Tja. Da hat uns die Erfahrung wohl ein zweites Mal betrogen. Doch was bedeutet das?

Hilfreiche Erfahrungen – für die Wissenschaft nur ein Anfang

Erfahrungen bilden sich aus Wahrnehmungen. Eine „Wahrnehmung ist also das unbewusste und/oder bewusste Filtrieren und Zusammenführen von Teil-Informationen zu subjektiv sinnvollen Gesamteindrücken. Diese werden auch Perzepte genannt und laufend mit den als innere Vorstellungswelt gespeicherten Konstrukten oder Schemata abgeglichen“ (aus Wiki: Wahrnehmung). Aus diesem Grunde waren oder sind Erfahrungen in der Evolution des Menschen durchaus hilfreiche Überlebenskonstrukte. Die Vorsicht ist eine Konsequenz aus evolutionären Erfahrungen, die selektive Wahrnehmung (Mustererkennung) eine oft in die Irre führende Begleiterscheinung. Erfahrungen können daher aufgrund der Subjektivität täuschende Ergebnisse liefern wie bspw. bei der oben beschrieben Sinnestäuschung.

Um solche Fehlinterpretationen auszuschliessen, bedient sich die Wissenschaft neutraler und von menschlichen Erfahrungen unabhängig reproduzierbaren Meßmethoden. Aber auch die Naturwissenschaften beruhen eingänglich auf Erfahrungen. Wenn jemand eine Erfahrung macht und diese dann unabhängig von der eigenen Subjektivität nachprüfen möchte, dann beginnt damit die wissenschaftliche Arbeit. Erst ab diesem Punkt ist es Wissenschaft, erst ab diesem Punkt kann von unabhängigen Ergebnissen gesprochen werden.

Naturwissenschaft versteht sich als falsifizierende Wissenschaft. Jemand stellt eine Theorie auf und versucht zu beweisen, dass sie falsch ist, auch wenn das jetzt masochistisch klingen mag. Aber erst dann, wenn dieser Beweis nicht gelingt und Kollegen den Vorgang wiederholen und ebenso nicht beweisen können, dass die Theorie falsch ist, erst dann gilt sie einigermaßen als gesichtert. Die Naturwissenschaft darf diesen Weg nie verlassen, weil sie sonst umgehend unglaubwürdig wäre. Und welche langen Wege manche wissenschaftlichen Erkenntnisse bis zur Nutzbarkeit gehen, habe ich ja bereits hier beschrieben.

Übrigens: wer in obige Bilder nachprüfen möchte, ob die Felder tatsächlich gleiche Werte haben, kann sie in ein Grafikprogramm laden und selbst die Farbwerte messen…

Alle Bilder – auch die von mir modifizierten – sind im Ursprung von Edward H. Adelson ©, Thank you!