Seitdem ich mich mit Wissenschaft und Aberglauben im Allgemeinen und mit dem Blog im Besonderen beschäftige, bekomme ich häufig den schon fast vorwurfsvollen Satz zu hören: „Na, Du musst ja viel Zeit haben“.
Das amüsiert mich. Ich wohne auf dem Land. Hier gilt Schreiben aus reiner Lust oder aus einem allgemeinen Mitteilungsbedürfnis heraus als sinnlos, vor allem dann, wenn man damit kein Geld verdient. Genauso ergeht es dem Wissenszuwachs; der gilt nur als überflüssig und zeitraubend, solange es sich nur um reinen Wissensgewinn handelt und keinen gewinnbringenden Nutzen hat – etwa als Karriereschub oder der finanziellen Bereicherung.

Jedoch wohne ich in einem Gebiet, in der bspw. über Wünschelrutengänger in den Tageszeitungen völlig unkritisch berichtet wird, als wäre es eine allgemein anerkannte Methode. Ein Wissen darüber ist unerheblich. Wenn alle sagen, es funktioniert, dann funktioniert es auch, und wenn einer sagt, es sei falsch, dann versteht er nichts davon. Die Aufforderung, doch mal kritisch damit umzugehen, wird oft mit „dafür habe ich keine Zeit“ quittiert. Selbst das reine Informieren über eine Sache ist nur dann sinnvoll, wenn es dem eigenen Nutzen dient. Weiteres Wissen ist genauso überflüssig wie Kultur. „Im Fernsehen habe ich genug Kultur“, so die häufig zu hörende Ausrede.

Interessant sind aber zwei ganz anderer Aspekte. Zum Einen will man mit dem Spruch: „Du musst viel Zeit haben“ zum Ausdruck bringen, man hätte selbst keine Zeit und wäre im eigenen Leben oder Beruf wichtig und unentbehrlich. Das drückt eine Küchenhilfe genauso aus wie ein Geschäftsinhaber. Keine Zeit zu haben ist genau aus diesem Grunde in Mode. Dagegen bedeutet „Zeit zu haben“ automatisch „faul zu sein“ oder zumindest nicht soviel arbeiten zu wollen, wie man könnte (was auch schon wieder als faul gilt). Dem Verdacht möchte sich auf dem Land niemand aussetzen. Deshalb hat man  „für sowas keine Zeit“.

Zum Anderen wird Arbeit in ländlichen Gegenden deutlich höher bewertet und wesentlich häufiger als im städtischen Umfeld als wichtigster Lebensinhalt wahrgenommen. Man lebt, um zu arbeiten und hat „keine Zeit“, sich mit Dingen die Zeit zu vertreiben, die Mühe machen und kein Geld bringen. Zeit ist knapp!
Solche Einstellungen ergeben sich aus dem sozialen bzw. gesellschaftlichen Gruppendruck. Was der mittelschichtige Nachbar erarbeitet hat muss man in etwa selbst erreichen können. Der Nachbar aber macht aus gleichem Grund die Arbeit noch mehr zum Lebensinhalt. Und ein einmal geschaffener Lebensstandard muss gehalten werden, koste es was es wolle. Ein Rückgang ist nicht erlaubt, es wird als Versagen gewertet.

(Hier stand bereits der Name sowie ein Link auf einen Beitrag einer Online-Zeitung, welche aus diesen Gründen wieder herausgenommen wurde.)

Doch schon 1966 hat Dr. Günther Fuhrmann in seiner Laudatio zur Eröffnung des Theaters in Schweinfurt angemerkt, dass es die kulturellen Leistungen sind, die das Gesicht einer Stadt prägen und nicht die Menge des Geldes, das in ihr verdient wird.

Kultur und Bildung jedoch gehören eng zusammen; sie prägen auch die Menschen und die Gesellschaft stärker als Geld und Reichtum. Also lasst uns mehr Zeit haben zum Neugierigsein. Die Welt hat unglaublich viel zu bieten. Sie ist bis ins Kleinste, und im Universum bis zum denkbar Größten fantastisch und faszinierend.

Ich nehme mir viel Zeit für Kultur und Bildung, nicht unendlich viel, aber genau so viel, wie ich zum eigenen Überleben nicht brauche. Genau so viel, wie ich mir nehmen kann, um meine Neugierde zu stillen, und genau so viel, dass ich hier im Blog darüber schreiben kann. Und ich wüsste nichts Besseres.