Inszenierung mit allen Mitteln
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Es gibt zwischenmenschliche Verbindungen, in denen alleine schon die Androhung eines Widerspruchs reicht, emotionale ErpresserInnen auf die Palme zu bringen. Soweit sich das nicht über körperliche Gewalt vollzieht (bei der man ohne fremde Hilfe kaum einen Ausweg findet, deshalb ist in solchen Fällen stets anzuraten, sich an entsprechend behördliche oder anderweitige Stellen zu wenden), müssen Erpresste nun lernen, die emotionalen Inszenierungen weitegehendst zu ignorieren und sich lediglich konsequent auf sachliche Diskussionen einzulassen.

Sachliche Diskussionsforderung und Gleichwertigkeiten

Doch bevor es soweit ist, gilt es die Möglichkeiten auszuloten, um den Erpressungsversuchen Einhalt zu gebieten. Dazu gehört eine klare Ansage, an die man sich auch unter eigenen heftigen Schuldgefühlen halten muss. Ein einmal ausgesprochenes Nein muss eine überlegte, klare Gültigkeit besitzen, auch wenn der andere umgehend alle emotionalen Register zieht. Selbst darf man sich auf diese Inszenierung nicht einlassen. Auch wenn es schwer fällt, muss das Gezeter des Gegenübers ignoriert werden. Zwischenmenschliches Theater alleine darf nicht mehr der Entscheidungsgrund sein, warum etwas gemacht wird oder nicht. Diese einmal getroffenen Entscheidungen dürfen keinesfalls mehr von den eigenen Schuldgefühlen untergraben werden.

Leicht ist das jedoch nicht; es bedeutet nämlich, dass eine bis dato schwache Persönlichkeit sich sehr schnell zu einer starken Persönlichkeit entwickeln muss. Das funktioniert auf Anhieb nicht unbedingt; Rückschläge sind vorprogrammiert; vor allem in Bezug auf die eigenen Schuldgefühle, die immer wieder auftauchen und stets bekämpft werden müssen. Schuldgefühle haben jedoch niemals eine Berechtigung. Deshalb ist es ratsam, sich gedanklich stets auf eine neutrale „Gleichwertigkeit“ zurückzuziehen. Hier stehen ErperesserInnen und Erpresste auf gleicher Ebene, hier haben alle Wünsche gleiches Gewicht. Der Täter muss gedanklich „vom Sockel“ geholt und auf gleiche Augenhöhe gebracht werden. Eine weitere Veränderung der einmal erreichten gleichwertigen Gewichtung ist konsequent zu vermeiden. Das ist nur dann zu schaffen, wenn die eigene Wertigkeit stets bewusst bleibt. Diese Voraussetzungen können leichter erreicht werden, wenn nicht nur die theatralischen Inszenierungen aus einer inneren Distanz heraus genau beobachtet und durchschaut werden, sondern auch die ErpresserInnen selbst.

Tiefe Einblicke

Erfahrungsgemäß tragen emotionale ErpresserInnen üblicherweise ihre Äußerungen entweder klagend oder mit ärgerlichem Nachdruck vor. Mit zunehmendem Alter sind sie häufig gar nicht mehr fähig, einen normalen Umgangston mit dem Partner oder dem Umfeld zu pflegen. Es gibt ältere Ehepaare, bei denen ein Teil nur noch herrisch, weinerlich oder abfällig mit seinem Partner spricht. In Chats erlebt man es oft, dass bestimmte Personen bei Nichterfüllung ihrer Zielsetzungen sehr schnell extrem verärgert sind. Sie erwecken den Eindruck, als haben sie außerhalb der Cyberwelt bereits ihr ganzes Umfeld im emotionalen Schwitzkasten und wissen gar nicht mehr, das andere widersprechen können. Das liegt auch häufig daran, dass in der Realität Freunde und Bekannte sich von solchen Personen mehr und mehr entfernen und nur noch solche übrigbleiben, die entweder selbst emotional erpresserisch agieren oder sich aus der Distanz heraus erpressen lassen.
Häufig ist ein solches Verhalten eine Konsequenz entweder aus eigenen Erlebnissen mit extremen Verbitterungen – oder purer Egoismus. Bei solchen Menschen ist es kaum möglich, ihre Einstellung über zwischenmenschliche Kontakte in vernünftige Bahnen zu lenken. Sie gehören eindeutig in Therapie, um eine normale Persönlichkeit und Beziehungsfähigkeit wieder herstellen zu lassen.
Dazu passt, dass ErpresserInnen seltsamerweise oft diejenigen sind, die das geringere Selbstbewusstsein besitzen. Dieses Manko versuchen sie entweder mit Respektlosigkeit, Abfälligkeit oder mit der Macht der emotionalen Erpressung auszugleichen. Dagegen sind sie in theatralischen emotionalen Stimmungen extrem ausdauernd und häufig konsequent apokalyptisch. Sie nehmen zur Durchsetzung ihrer Forderungen oft Endgültigkeiten in Kauf, die sie eigentlich gar nicht wollen und hinterher beklagen. Sie sind dann allerdings diejenigen, die über längere Zeit leiden, kompensieren es aber damit, dass sie weiterhin die Schuld für die von ihnen selbst vorgegebenen und schließlich durchgeführten Konsequenzen allein auf das Erpressungsopfer projizieren.

Harte, aber sinnvolle Vorbreitung

Divorce – Yehuda Pen
Trennung als Möglichkeit
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Aus diesem Grund müssen sich Opfer in erster Linie auf das Schlimmste einstellen, je nach Charakter der ErpresserInnen. Opfer kommen nicht umhin, ihre eigenen Nähe zum Partner zurückzunehmen, auf emotionale Distanz zu gehen sowie letztendlich den Verlust der Partnerschaft durchaus in Betracht zu ziehen. Wer als Opfer Angst davor hat, seinen Partner zu verlieren und den Zustand dennoch nicht mehr ertragen kann, muss therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.  So hart das klingt: wenn ErpresserInnen schon beim kleinsten Widerspruch mit Trennungskonsequenzen drohen, dann sind sie selbst entweder schon längst innerlich aus der Beziehung ausgestiegen oder sie denken wie bereits erwähnt apokalyptisch, ohne die Konsequenzen wirklich zu wollen, oder ihre Aussagen sind schlichtweg nicht ernst zu nehmen. Es bleibt also nichts weiter, als die möglichen Konsequenzen abzuwarten und schlichtweg hinzunehmen.

Mögliche Auswege und heftige Widerstände

In jedem Fall aber sind in erster Linie klare Forderungen nach ausgiebigen Gesprächen wichtig. Nachdem man die TäterInnen eine zeitlang beobachtet und ihre Motivation erkannt hat, kann man durchaus ganz konkret auf sie zugehen und sie mit den Vorgängen konfrontieren. Das wird beim ersten Mal vor allem dann auf Anhieb scheitern, wenn schon lange keine Gespräche mehr auf gleicher Augenhöhe geführt wurden. Auch erkennen die TäterInnen zuerst nicht die Ernsthaftigkeit an, manche reagieren mit abfälligen Äußerungen, zumal dann, wenn sie selbst kaum zu verbaler Kommunikation fähig sind. Emotionale ErpresserInnen kommunizieren häufig nonverbal, und in solchen Fällen sind offene Gespräche eine schwierige Angelegenheit. Sie werden jede Themenablenkung nutzen (zumeist völlig abwegige oder aus der Vergangenheit hervorgeholten Vorwürfe), um klärende Gespräche zu sabotieren oder aus dem Weg zu gehen. Sie werden bei zunehmendem Gesprächsdruck sich bis zu Herabsetzungen oder Beleidigungen des Opfers steigern und wehren. Und sie wehren sich gegen die aufkommende Möglichkeit, sie seien selbst an der nun beginnenden Auseinandersetzung schuld. Schuldgefühle spielen auch bei ErpresserInnen eine große Rolle.

Manchmal besser: das Singledasein
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ErpresserInnen beharren vordergründig häufig auf der Annahme, sie seien die Klügeren und das wahre Opfer. Das tatsächliche Opfer hingegen sei zum Denken unfähig und an allem schuld.  Typische ErpresserInnen-Aussagen in solchen Auseinandersetzungen sind beispielsweise, dass er/sie ein schrecklicher Mensch sei, dass alle anderen es besser hätten als sie (die ErpresserInnen), und dass das Opfer doch nur das zu machen braucht, was die ErpresserInnen wollen, dann müsste niemand leiden und die Welt wäre wie sie sein müsste.
Die Opfer hingegen müssen sich darauf einstellen, dass sachliche Argumente häufig nicht ankommen. Manchmal bleibt ihnen dann kein anderer Weg als selbst emotional zu erpressen. Das mag durchaus eine Zeitlang funktionieren, ist aber nicht der eigentliche Sinn der Erkenntnis und dürfte letztendlich auf kräfteverzehrende Machtkämpfe hinauslaufen. Allerdings zeigt die Erfahrung: wenn sachliche Gespräche auf einer Seite gewünscht und auf der anderen Seite nicht möglich sind, dann hilft zumeist nur noch eine Partnerschaftsberatung oder die Trennung.

Härtefälle

Eine der größten Schwierigkeiten entsteht, wenn ErpresserInnen perfide Mittel der emotionalen Erpressung anwenden, zu denen auch die Androhung des Suizids gehört. Doch in einer solchen Situation gibt es durchaus verschiedene Auswege; zum Einen kann auch hier professionelle Hilfe geboten sein, je nach tatsächlicher Labilität Suiziddrohender. Zum Anderen gibt es persönliche Lösungen, die allerdings eine harte Konsequenz von den sich wehrenden Opfern abverlangt.
Man teilt dem Suiziddrohenden mit, dass man sich auf keinen Fall einer Suiziddrohung beugen werde. Man erklärt weiter, dass im Falle eines möglichen Suizids natürlich jeder traurig, ja gar geschockt sein wird. Einige Zeit nach dem Suizid aber werden die Gedanken verblassen und das Leben sich mehr und mehr normalisieren. Der Vorgang wird zunehmend in den Hintergrund rücken, denn „das Leben geht weiter, aber Du bist dann tot“.
Diese Erklärung soll suiziddrohenden ErpresserInnen aufzeigen, dass deren Tod völlig sinnlos wäre; es würde sich dadurch absolut nichts ändern. Außerdem macht man ihnen gleichzeitig klar, dass niemand die Verantwortung für einen solchen Siuzid übernehmen und niemand Schuldgefühle entwickeln wird. Niemand wird schuld sein am Tod des Siuziddrohers außer er/sie selbst.
Im Zweifel sollte jedoch immer professionelle Hilfe in solchen Fällen geholt werden, denn nicht jede Suizidandrohung ist eine emotionale Erpressung. Oft ist es auch pure Verlustangst oder eine versteckte Depression. Hier sollte man in jedem Falle ganz genau hinschauen!

Keine Rückfälle!

Im Gespräch
Hugo Kauffmann
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Emotionale Erpressungen können im Prinzip durch viele sachliche Gespräche aufhören. Es ist aber eine stete Wachsamkeit seitens der Opfer erforderlich, denn eine der hinterhältigsten Tricks emotionaler ErpresserInnen ist es, Zugeständnisse zu machen und diese lediglich ein paar Tage einzuhalten. Nach und nach versuchen sie – zumeist vom Opfer unbemerkt, da dieses jetzt meint, es hätte sich alles geändert – wieder langsam und heimlich in die alte Fahrrinne zu gelangen. ErpresserInnen hoffen, dass ein neuerlicher Kampf zu mühselig ist und das Opfer aufgibt. Wenn dieser Rückfall vom Opfer zuerst unbemerkt bleibt, dann muss das umgehend angesprochen und Rückfälle konsequent unterbunden werden, auch wenn ErpresserInnen nun dazu übergehen, ihr Opfer genervt als Nörgler zu bezeichnen. ErpresserInnen haben in solchen Situationen einen zumeist ungehalten vorgetragenen Lieblingsspruch, namlich: „Was ist denn jetzt schon wieder!?“ Aber darauf sollte man dann nicht mehr hören.

„Hör auf zu jammern“

Im Prinzip wird eines deutlich: emotionale Menschen mit Hang zur emotionalen Erpressung werden ihre Vorliebe nur sehr schwer und unter steter Überwachung aufgeben. Im Prinzip ist eine solche Änderung, die ja nie von heute auf morgen geht, nur durch klare und aufmerksame Betrachtungsweise des Verhaltens der Anderen (und des eigenen Verhaltens) durchzuhalten. Man darf in dieser Zeit nie müde werden und in Einzelfällen wieder nachgeben. Es würde fast immer zu Rückschlägen führen, deren Aufarbeitung umso mühseliger sind, je länger man sie nicht unterbindet.
ErpresserInnen werden möglicherweise unter der strengen Gegenwehr leiden, aber das sollte sich geben. Manche Menschen gehören zu den stets Leidenden, egal wie es ihnen tatsächlich geht. Emotionaler Dauerschmerz ist aber immer fehl am Platze und überflüssig, man kann das einfach als Gejammer ignorieren. Und eine der besten Gegenmaßnahmen gegen unterschwelliges Jammern ist erfahrungsgemäß die kurze und knappe Aussage: „Hör auf zu jammern!“

Wer sich weitergehend informieren möchte kann sich über diesen Suchmaschinen-Link verschiedene fachspezifische Beiträge zum Thema „emotionale Erpressung“ anzeigen lassen. Wer Hilfe braucht findet auch hier Anlaufpunkte.

Siehe auch:
Emotionale Erpressung – eine Anleitung (Teil I)
Emotionale Erpressung II – Erkenntnisse (Teil II)