In Deutschland gibt es unzählige abergläubische und esoterische Angebote sowie einige Verschwörungstheorien.  Meistens vermutet man nur bei wenigen Mitmenschen im eigenen Umfeld, dass die über den üblichen esoterischen Glauben wie Homöopathie hinausgehen. Ich habe in meinem Umfeld herumgefragt. Wer ist abergläubisch, wer glaubt an Verschwörungstheorien oder an wunderliche Dinge? Die Antworten waren mehr als überraschend.

Woran glauben Menschen?

Da ist ein älterer Herr, der von der Funktion des Pendels seiner Freundin absolut überzeugt ist. Es sei unglaublich, was sie mit Hilfe des Pendels alles über ihn erfahren habe, so seine Aussage.
Sein Sohn heilt sich mit Homöopathie und ist zusätzlich davon überzeugt, dass nur Mondholz das einzig wahre Holz ist. Wenn man Mondholz im Freien bspw. zum Bau eines Bachsteges verwendet, dann würde die Planken im Regen angeblich nie rutschig werden.

Mond verantwortlich für Fussnagelwuchs: Völliger Quatsch.
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Er und sein Bruder schneiden sich die Fussnägel nur nach den Mondphasen. Seitdem haben sie angeblich keine eingewachsenen Fussnägel mehr.
Zusätzlich sind sie beide als Angler davon überzeugt, dass genmanipulierter Mais „nachweislich“, wie sie meinen, Fische zum Platzen bringt und früher auch Rehe geplatzt sind (den Beweis konnten sie nicht antreten – und wieso eigentlich nur früher?).
Der Inhaber eines Elektronikfachgeschäfts hat sein Bett von einem Wünschelrutengänger ausmessen lassen. Seitdem schläft er angeblich nicht mehr auf einer Wasserader und kann deshalb wieder durchschlafen.
Jemand in meiner Verwandtschaft nimmt seit Jahren Schüssler-Salze gegen Wadenkrämpfe. Zwar hat er die Krämpfe immer noch, sie sind aber angeblich nicht mehr schmerzhaft (hilft es jetzt eher gegen Schmerzen oder gegen Krämpfe?).
Eine Bekannte hat sich von einer Reiki-Meisterin böse Dämonen nicht nur aus der Wohnung entfernen, sondern auch telefonisch vom Rücken zupfen lassen.
Ein weiterer Bekannter behauptet steif und fest, die Amerikaner wären nie auf dem Mond gewesen und das CIA hätte die Türme des WTC gesprengt.
Dann haben wir noch ein Ehepaar. Beide haben bereits „ganz eindeutig“ ein Ufo gesehen und als solches identifiziert. Sie sind fest davon überzeugt, dass Außerirdische geheim oder verkleidet unter uns weilen und uns beobachten.
Und von einer Dame aus der weiteren Umgebung weiss ich noch zu berichten, welche zwar nicht an einen tatsächlichen Weltuntergang 2012 glaubt, sich dennoch mit Lebensmitteln eingedeckt hat, weil bis zum 21.12.2012 die Welt in eine „große Krise“ stürzt (was das für eine Krise sein soll konnte sie nicht sagen). Die Dame glaubt im Übrigen auch daran, dass Freitag der 13.Unglück bringt. Sie hatte sich vor vielen Jahren an einem solchen Tag den Knöchel gebrochen.

Wer sind die Abergläubischen?

Das Erstaunliche daran ist, dass es Menschen aus meiner Umgebung mit normalen, akademischen oder künstlerischen Berufen sind. Aufgeklärte und moderne Menschen, die nicht gerade als irrational bezeichnet werden können. Sie stehen mit beiden Beinen im normalen Leben und üben normale und moderne Berufe aus. Und gerade deshalb war ich umso erstaunter, wie tief sich Aberglauben in dieser Intensität in die Gesellschaft und quer durch alle Bildungsgrade eingefressen hat.

Wer nicht lesen und hören will,
sollte auch nicht reden.
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Zwei Dinge haben mich jedoch stets erstaunt. Zum Einen verwundert mich die Weigerung der Abergläubischen, leicht nachprüfbare Fakten zu akzeptieren oder sie überhaupt zu lesen. Ganz im Gegensatz zu ihren Berufen, in denen fundiertes Wissen zu den Grundsätzen des Berufes gehört. Zum Anderen fand ich die geradezu stoische oder eher störrische Mißachtung von Erkenntnissen bemerkenswert, die nicht zu den eigenen Vorstellungen passen. Selbst offensichtliche Widersprüche spielen keine Rolle. So verwundert es auch nicht, dass einer der Gesprächspartner nach seiner Aussage „Wissenschaftler wissen auch nicht alles!“ gleich eine seiner eigenen Anekdoten mit dem Hinweis auf einen Wissenschaftler unterstützte (der aufgrund manipulierter Ergebnisse den Hut nehmen musste): „Er musste gehen, weil er die Wahrheit gesagt hat. Und der Mann ist Wissenschaftler! Der muss es doch wissen!“.

Blogautor gemeinfrei

Um die Unauflösbarkeit ihrer eigenen Widersprüche zu kaschieren und sich nicht die Mühe machen zu müssen, die aus Unwissenheit und Unlogik bestehenden eigenen Gedankenstrukturen zu entwirren wird dann gerne immer wieder dieses unsinnige Shakespeare-Zitat „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als wir uns vorstellen können“ als Kronzeuge vorgetragen. Doch trotz seines Alters und seiner Herkunft (es war keineswegs Shakespeare, der das gesagt hat, sondern Hamlet im ersten Akt) ist es nichts anderes als ein Argument aus Unwissenheit.

Gemeinsamkeiten der Abergläubischen und der Aberglauben

All diese bisher erwähnten esoterischen und abergläubischen Thesen haben jedoch eines gemeinsam: sie lassen sich nicht mit wissenschaftlichen Methoden beweisen. Alle begründen sich auf Anekdoten, rein subjektiven (und ungeprüften) Erfahrungen und selektiven Wahrnehmungen. Nichts davon ist logisch, nichts davon „natürlich“, nichts davon real. So werden energetische Zustände postuliert, die ein kritisch-denkender Mensch niemals spürt. Es werden Naturgesetze verbogen, dass sich die Balken biegen. Es werden angeblich vergessene, alte Weisheiten ausgegraben, die gar keine sind und deshalb in Vergessenheit gerieten, weil man schon vor längerer Zeit erkannt hatte, dass sie nicht mehr zu bieten hatten als einen Placebo-Effekt. Und sie werden von Menschen geglaubt, die in ihrem Leben nicht akzeptieren können, dass sie zum großen Teil überhaupt keinen Einfluss auf ihr Leben und vor allem auf ihre eigene Biologie haben, und dass sowohl ihr Umfeld als auch ihr „Infeld“ völlig unkontrolliert und unabhängig von ihren eigenen Vorstellungen agiert. Aberglaube als vermeintliche Möglichkeit gegen den eigenen Kontrollverlust, „Machen“ statt Hinnehmen. Was früher die Religion ausfüllte, nämlich sich bei einer göttlichen Struktur durch Beten und vermeintliche göttliche Belohnung (oder Strafe) sicher zu fühlen, das ersetzen heute Homöopathie und Co. Doch sie sind und bleiben nichts weiter als Märchen für Erwachsene.


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