Opfer emotionaler Erpressung erkennen zumeist ab einem bestimmten Zeitpunkt, dass sie erpresst werden. Auch wenn sie vorher schon ein widerstrebendes Gefühl in sich trugen, wird ihnen das häufig erst durch konkrete Hinweise aus der Umgebung deutlich. Meist sind es FreundInnen oder Bekannte, Therapiesitzungen (die oft aus einem ganz anderen Grund wahrgenommen werden) oder diverse Artikel in Blogs und Medien. Viele der Erpressten sind sich bis dato nicht bewusst, dass es sich um emotionale Erpressung handelt.

Natürlich stellt sich sogleich die Frage, wie man künftig damit umgeht. Menschen in therapeutischer Behandlung haben es da am leichtesten; sie bekommen Ratschläge für den Einstieg in eine andere Denkweise und werden über einen gewissen Zeitraum betreut. Gute PsychologInnen führen PatientInnen aus der Krise und aus den Erpressungen heraus und fördern das Selbstbewusstsein in Verbindung mit dem Mut, selbständig zu denken.

Sinnloser Dauerrückzug mit Werteverfall

Viele begeben sich jedoch nicht in Therapie und begehren sogleich gegen eingeschliffene Erpressungsrituale auf. Das bringt enorme Unruhen und viele Enttäuschungen in zwischenmenschliches Miteinander. Wenn das Fass dann womöglich zum Überlaufen gebracht wurde und Erpresste die Trennung vollziehen, dann findet man sehr oft eine innere Abkehr von persönlichen Idealen, seien es Werte wie Vertrauen, Verständnis, Liebe oder Hingabe. Da Erpresste ziemlich deutlich erkannt haben, dass emotionale Erpressungen in Wahrheit reines Ausnutzen persönlicher Schwäche bedeutet, folgen auf diese Enttäuschung Reaktionen, die sehr oft mit falsch verstandenem Egoismus statt Selbstbewusstsein sowie der Projektion der Erlebnisse auf alle dem Partner angehörenden GeschlechtsgenossInnen einher gehen.
Gleichzeitig ist hier und da ein Rückzug aus der Gesellschaft angezeigt, da man künftig auf keinen Fall mehr erpresst oder enttäuscht werden möchte. Die Erkenntnis nämlich, dass Empfänger emotionaler Erpressungen auch dazu neigen, sich vom eigenen Umfeld unterschwellig erpressen zu lassen, lässt ab dem Zeitpunkt der Erkenntnis die Erpressten auch dem Umfeld gegenüber misstrauisch werden. Zusätzlich spüren sie deutlich die anfänglichen Schwierigkeiten, sich ohne schlechtes Gewissen aus den erpresserischen Umklammerungen zu lösen. Das führt im Allgemeinen zu konsequenten Vermeidungsstrategien. Man möchte zukünftig solche Situationen nicht mehr erleben und sich nicht der Gefahr aussetzen, wieder in emotionale Abhängigkeiten zu geraten. Deshalb werden neue Freunde und vor allem neue Partner häufig überkritisch beäugt. Es entstehen kaum noch Freundschaften oder von Vertrauen getragene Partnerschaften mit dem Ziel, eine gemeinsame Lebensbasis zu entwickeln.

Eine andere Konsequenz aus diesen Enttäuschungen ist die durchweg  strikte Vermeidung neuer Partnerschaften. Die Opfer ziehen sich ganz von ihrem Umfeld zurück, damit erpresserische Forderungen Mangels Anwesenheit von vorne herein gar nicht gestellt werden können.

Angst vor Enttäuschung – die neue, eigene Erpressung

Verbitterung als falscher Weg
Quelle Wiki gemeinfrei

Das jedoch sind alles Schritte in die falsche Richtung; sie führen häufig in die Verbitterung und bedeuten keine wirkliche Weiterentwicklung, schon gar keine echte Aufarbeitung. Die Opfer bleiben ohne konsequentes Gegensteuern bis an das Lebensende erpresst, auch wenn Opfer und TäterInnen nichts mehr miteinander zu tun haben. Sie leben quasi im Gegenteil der Situation, die sie hinter sich wähnen. Jetzt sind es die Folgen, die sie weiterhin in Unmündigkeit, Lebensunfähigkeit und falsch verstandenem Egoismus halten.
Das ist deshalb schade, weil die Opfer damit ihr persönliches Potential „an das Nichts“ verschenken. Sie entziehen ihre menschlichen Kapazitäten dem Umfeld und kreisen häufig nur noch um sich selbst.
Manche der auf diesem Weg verlassenen TäterInnen empfinden das jedoch als Genugtuung; das Opfer sei nicht lebensfähig nach dem Motto: „Das hat sie/er nun davon, dass sie/er mich verlassen hat!“. ErpresserInnen bleiben in solchen Fällen letztendlich mächtig; auch dann noch bestimmen sie das Leben des Opfers, wenn auch nicht mehr unmittelbar. Das endet auch nicht unbedingt mit dem natürlichenTod der ErpresserInnen;  Erpresste, die den beschriebenen Weg gehen, bleiben häufig in der Co-Abhängigkeit, die sie eigentlich loswerden wollten.

Konsequent wachsendes Selbstbewusstsein

Viele der Opfer wären aber durchaus in der Lage, sich selbständig mit einem aufmerksamen Verstand und ebenso selbständigem Denken sowohl aus der emotionalen Umklammerung als auch von den Schuldgefühlen zu lösen (in schweren Fällen ist immer professionelle Hilfe anzuraten). Das ist jedoch ein langwieriger Prozess, an dem man stetig arbeiten muss. Das nötige Selbstbewusstsein kann nur langsam wachsen; es ist keine Sache von heute auf morgen, auch wenn die Erkenntnis ansich erst einmal die Augen geöffnet hat. Neue Unsicherheiten müssen genauso überwunden werden wie die eigene möglicherweise wiederkehrende Bequemlichkeit, sich weiterhin in Unmündigkeit führen zu lassen. Erpresste müssen aufkommende Ängste beherrschen, die sich aus den Konsequenzen der nun zunehmenden Gegenwehr gegen emotionale Erpressungsversuche ergeben. Anhaltende Mißstimmung als zermürbender Dauererpressungsversuch muss ertragen oder ignoriert werden können.
Als Opfer sollte man möglichst auch keine Angst vor verbalen Eskalationen haben. Diese entstehen zumeist dann, wenn ErpresserInnen ihre Macht durch Steigerung der Emotionalität verteidigen bzw. festigen wollen. Jeder weitere Unterlassung der sachlichen Gegenwehr gegen solche Erpressungsversuche wäre nicht nur ein Rückschlag, es käme auch einer kurzzeitigen Aufgabe gleich. Aufgeben jedoch schwächt die Opfer; ein neuer Anlauf ist umso schwerer.
(Verbale Eskalationen können nur dann inkauf genommen werden, wenn daraus keine körperliche Gewalt folgt – zumeist weiß man ja vorher, ob Partner eine Neigung zur Gewalttätigkeit haben. In solchen Fällen ist grundsätzlich vorher professionelle Hilfe erforderlich).

Leidend genug, um den Willen durchzusetzen
Quelle Wiki gemeinfrei

Das alles ist keine  Kleinigkeit. Vor allem dann nicht, wenn emotionale Erpressungen schon lange zur alltäglichen Kommunikationsroutine gehören; wenn viele Wünsche und Forderungen längst über das Spiel zwischen Ansprüche und Streitvermeidungen abgewickelt werden. Auch in anderen Situationen (Familie, Freundschaften, usw.) ist es gegenüber den TäterInnen schwierig, plötzlich völlig anders zu reagieren. ErpresserInnen haben sich über die Zeit ebenso an den für sie bequemen und reibungslosen Ablauf gewöhnt und empfinden ein plötzlich sachliches Gegensteuern erst einmal als momentane Härte. Man muss damit rechnen, dass sie sich verstärkt als vermeintliche Opfer fühlen und das wirkliche Opfer als emotional „eiskalt“ bezeichnen. Sie wollen damit Erpresste davon abhalten, die gewachsene und bequeme Struktur zu zerstören. Doch die Offenbarung dieser Strukturen reicht fast immer als Erkenntnis auf beiden Seiten, dass dieselben nicht mehr zu halten sind. Dennoch werden sich ErpresserInnen noch lange mit vielen verschiedenen emotionalen Mitteln gegen den Strukturverfall wehren.

Wer sich weitergehend informieren möchte kann sich über diesen Suchmaschinen-Link verschiedene fachspezifische Beiträge zum Thema „emotionale Erpressung“ anzeigen lassen. Wer Hilfe braucht findet auch hier Anlaufpunkte.

Zum Weiterlesen:
Emotionale Erpressung III – klare Einblicke und Auswege (Teil III)

Siehe auch:
Emotionale Erpressung – eine Anleitung (Teil I)