Wer kennt sie nicht, die wehleidig gejammerten Sätze, theatralisch vorgetragen und in gewisser Erregung ausgesprochen, verbunden mit der entsprechenden Mimik und einer Portion Lautstärke. Sätze, die in vielen Beziehungen fallen und ohne entsprechende Gegenwehr zu einer dauerhaften emotionalen Erpressung führen. Sätze, denen sich Erpresste dann schlecht entziehen können, wenn Schaden an der Beziehung abgewendet oder eine schlechte Grundstimmung vermieden werden soll. Dass emotionale ErpresserInnen genau auf diese Vermeidungsstrategien setzen, wird Erpressten zumeist nicht bewusst. Denen nämlich wird zu verstehen gegeben, sie trügen an den Folgen ihrer Weigerung die alleinige Schuld.

Wörtliche Erpressung

Erpresserische Sätze sind austauschbar, die Agitatoren auch. ErpresserInnen sind Täter, fühlen sich jedoch als Opfer, Erpresste sind Opfer. Sender und Empfänger stehen oft in Abhängigkeit zueinander. Beispiele für emotionale Erpressungsversuche lassen sich leicht finden:

  • „Nach allem, was ich/wir für Dich getan habe(n)…“
  • „Siehst Du nicht, wie ich leide/wir alle wegen Dir leiden?“
  • „Wenn Du mich verlässt, springe ich von der Brücke“
  • „Ich bin immer für Dich da, stelle Dir das Essen jeden Tag auf den Tisch, aber Du….“
  • „Wenn Du (das) nicht machst, dann bin ich sauer! / verlasse ich Dich!“

Bei solchen zumeist mit ärgerlicher Mimik vorgetragenen Aussagen wird eigenen Wünschen emotionaler Nachdruck verliehen, das Gegenüber in  schlechtes Gewissen gedrängt und Schuldgefühle erzeugt. Das Gegenüber fühlt sich dann verpflichtet, gegen den eigenen Willen Erwartungen anderer zu erfüllen. Die Ursachen liegen oft in dem eigenen Fehlschluß des Erpressten, andere hätten eine klarere Vorstellung von dem, was gesellschaftlich erwartet werden würde, was also „normal“ sei. Demzufolge beugen sie sich den Vorstellungen der ErpresserInnen. Einer der vielen ErpresserInnen- Argumente ist daher der Satz: „Alle machen das so, nur Du nicht!“

Selbstwert und Schuldgefühle

Schuldgefühle sind nicht nur kurzzeitige unangenehme Gefühle. Sie schaden auf Dauer dem Selbstwertgefühl und führen im Extremfall zur völligen persönlichen Selbstaufgabe. Schuldgefühle vermitteln, man sei schuld am Leid des Erpressers, ja, auch an allen Folgen aus diesem Leid, weil der Erpresste etwas nicht tun oder Wünsche nicht erfüllen möchte.

Wenn diese Situation sich steigert, ist für emotionale Erpresser das einzig Zufriedenstellende die Wiedergutmachung der Erpressten. Die emotional Fordernden erwarten nicht nur, dass zukünftig umgehend Anweisungen oder Wünsche erfüllt werden, sondern dass angebliches Fehlverhalten auch noch entschuldigt wird. Zusätzlich häufen sich abfällige Bemerkungen, oft auch in Gegenwart von Außenstehenden. Wenn man an diesem Punkt angekommen ist, dann ist der zwischenmenschliche Respekt verloren, die Beziehung eigentlich am Ende. Dann ist häufig der Punkt erreicht, wo Erpresste entweder die Beziehung verlassen oder sich im Extremfall der Hörigkeit preis geben. Doch oft lassen sie diesen entscheidenden Punkt vorübergehen und leben in latenter emotionalen Abhängigkeit weiter, da sie selbst nicht wissen, wie sie nach einem Trennungsbruch zurecht kommen würden. Unmündigkeit hat auch immer etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Doch sowohl das emotionale Aufgeben, die Unterwerfung als auch die Trennung sind zumeist im Sinne der ErpresserInnen. Sie haben ihr Ziel erreicht.

Keine Kompromisse!

Zum Einen können nämlich nun erpresste Partner emotional untergeordnet werden und die Macht über die Beziehung verbleibt bei den ErpresserInnen. Das kann sich etwa darin äußern, dass ErpresserInnen bei jeder Art von Nichtgefallen sich beispielsweise auf ein schwaches Herz zurückziehen mit dem Hinweis, dass Aufregung zu vermeiden sei. In Krankheiten ist man ja erfinderisch, und wenn Krankheiten nicht gefallen, kann man sich in emotionalen Ausbrüchen bis hin zur Hysterie und Schreikrämpfen üben.
Erpresste werden alles dafür tun, dass solche Fälle nicht eintreten, denn sie wollen ja auf keinen Fall Schuld an Komplikationen oder gar am Tod des Partners sein. Gleichzeitig binden bspw. Krankheiten den Partner, denn fast niemand wird jemanden verlassen, der sowieso schon krank ist. Zumal ein Verlassen ja wieder Aufregung bedeuten würde und die Gefahr eines weiteren Schuldaufladens im Raum steht.  So steht die Entscheidung von ErpresserInnen im Einzelfall bereits im Voraus fest und es wird keine weitere Diskussion erwartet. In Folge dessen entscheiden Erpresste irgendwann noch eher im Sinne der ErpresserInnen, um allein den Ansatz einer Aufregung (und einer weiteren Schuld) zu vermeiden. Erpresste agieren dann bereits im Sinne der ErpresserInnen, ohne dass diese es mitbekommen. Dies ist in allen Zügen eine reine Co-Abhängigkeit, wie sie bei Angehörigen von Suchtkranken häufig zu finden ist.

Zum Anderen können auf diese Art und Weise – und falls Erpresste tatsächlich gehen – ErpresserInnen eine  Beziehung beenden (lassen), ohne sie selbst zu beenden und Schuld an dem Beziehungsende tragen zu müssen. Wieder sind die Erpressten schuld, denn ErpresserInnen können sich nun darauf berufen, selbst die Beziehung nicht aufgelöst zu haben, zumeist noch mit dem perfiden Hinweis gewürzt, dass man das ja gar nicht wollte. Der andere sei schuld.

Zwischenmenschliche Einsichten (oder auch nicht)

Emotionale Erpressungen finden nicht nur in Beziehungen statt, sondern können überall dort auftreten, wo zwischenmenschlich agiert wird. Sei es in Ehen oder Lebensgemeinschaften, in Familien,  zwischen Eltern und Kindern, zwischen FreundInnen, unter ArbeitskollegInnen, in Vereinen.
Es ist für ErpresserInnen fast immer schwer zu erkennen, dass sie die eigentlichen Täter sind und durch ihr Verhalten dem Opfer schaden. Zumeist verstehen sie eine solche Darlegung schon deshalb nicht, weil sie sich ja als die einzig Leidenden verstehen. Das Verhalten der Erpressten wird als Fehlverhalten bewertet und damit dem Opfer die Täterschaft zugeweisen. Den meisten Erpressern fällt es ungemein schwer zu erkennen, dass sie sich in falschen Denkstrukturen bewegen und können sich zumeist nicht davon lösen.

Schuldgefühle II

Schuldgefühle sind nie angebracht. Sie blockieren die freie Sicht auf die entsprechenden Situationen. Mit emotionalen Erpressungen gehen Fordernde über das Selbstbestimmungsrecht der Erpressten hinweg, setzen eigene Wünsche in den Vordergrund und legitimieren dieses Verhalten damit, dass „schon genug für den anderen getan“ wurde. Das jedoch taugt nicht und zeugt von einer äußerst egoistischen Denkweise der ErpresserInnen; es läßt keinen Platz für die Wünsche der Erpressten oder für deren persönliche Belange. Schuldgefühle gehören grundsätzlich auf den Müllhaufen des Lebens und taugen zu nichts, nicht mal dann, wenn man wirklich etwas angestellt hat, denn da ist die Reue stets der bessere Weg.

Wer sich weitergehend informieren möchte kann sich über diesen Suchmaschinen-Link verschiedene fachspezifische Beiträge zum Thema „emotionale Erpressung“ anzeigen lassen. Wer Hilfe braucht findet auch hier Anlaufpunkte. Ich verlinke hier jetzt auf keine spezielle Webseite, da die fachlichen Aufsätze und Angebote zahlreich sind.

Zum Weiterlesen:
Emotionale Erpressung II   – Erkenntnisse (Teil II)
Emotionale Erpressung III – klare Einblicke und Auswege (Teil III)