Angebliche Weinkenner mit Hang zur wichtigtuerischen Selbstdarstellung sprechen es gerne aus; die weintrinkende Mittelschicht will nicht als ungebildet gelten und plappert es nach; chemieinteressierte Weinkenner oder Winzer bekommen bei dem Satz rote Flecken im Gesicht: „Wein muss atmen, und deshalb muss der Wein mit einem echten Korken verschlossen sein“.

Abgesehen davon, dass Wein in der Flasche gar nicht atmen soll (also absolut keine Luft von außen eindringen darf) war der Korken aus Kork ein notwendiges Übel und wird zunehmend von dem wesentlich dichterem Kunststoffkorken ersetzt. Dieser neue Korken wurde extra für diejenigen entwickelt, die der abendlichen Zelebration bei Kerzenschein mit Korkenzieher und Plöpp nicht abhold sind. Das schliesst die Chance auf Rotweinflecken am weissen Hemd ein, wenn der korkenziehende Zelebrator allzu sehr von der Korkenziehershow für die zu erobernde hübsche Dame abgelenkt ist und somit lediglich die Erfahrung macht, dass mit zunehmend festsitzendem Korken die Gefahr steigt, sich lächerlich zu machen.
Der Rest der Weintrinker (die an den Atmungsquatsch noch nie geglaubt haben) freuen sich an der unkomplizierten Handhabung der Weinflasche mit Schraubverschluß. Da kann der Wein zum einen nicht korken, also nach Kork schmecken, (Nachtrag: auch Wein ohne Korkverschluss kann sehr wohl „korken“, wie hier nachgelesen werden kann) der Kork kann nicht faulen, Korkkrümel können nicht in die Flasche gelangen und an der manchmal extrem festen Blei- oder Kunststoffummantelung (die ursprünglich ja nur dazu diente, die Flasche noch dichter zu machen) muss sich auch niemand mehr die Fingernägel abbrechen.

Früher war es wesentlich schwerer, den Korken in dem richtigen dichten Zustand zu halten. Dem Wein ist es beispielsweise schnurzpiepegal, ob der Keller die richtige Luftfeuchtigkeit hat oder ob der Wein stehend oder liegend gelagert wird. Die ganze Show (liegender Wein, Luftfeuchtigkeit und Temperatur) wurde/wird nur für die Dichtigkeit des Korkens veranstaltet. Die Gefahr eines schimmelnden Korkens ist dabei hoch und wird mit zunehmender Undichtigkeit des Korkmaterials umso höher. Wie gefährlich für die Weinqualität das Lufteindringen durch unbeabsichtigtes „Atmen“ oder Bakterienbefall ist, kann hier bei Qxm nachgelesen werden.

Übrigens: fast jeder Winzer wird bestätigen, dass der dichtere Schraubverschluß die wesentlich bessere Alternative ist als natürlicher Korken (und Wein nicht atmet, auch nicht gelegentlich schnauft oder röchelt). Dass Korken, sowohl Kork als auch Kunststoff, heute immer noch beim Abfüllen verwendet wird, ist lediglich den Käuferwünschen angepasst, die sich noch gerne ab und zu beim Korkenziehen Rotwein über die Hose gießen wollen oder weiterhin hartnäckig an den Atmungsquatsch glauben.

Es mag allerdings noch Winzer geben, die trotz aller fachlichen Aufklärung an den atmungsaktiven Wein glauben; es gibt ja auch noch welche, die ihre Weinberge homöopathisch behandeln. Und damit es auch komplett passt, wird nach dem Mondkalender gearbeitet und biodynamischer Wein nach dem Brett-vorm-Kopf-Kandidaten Rudolf Steiner (Erfinder der Waldorfschulen) angebaut… Aaaarrrgh!

Siehe auch:
Korkender Wein – auch bei Schraubverschluss