In unserer Gesellschaft werden zwei Dinge im Besonderen als Grundsatzwerte eingefordert: Ehrlichkeit und Offenheit ist das Maß aller zwischenmenschlichen Dinge. Abgesehen davon, dass die Lüge grundsätzlich (und nicht erst seit Bundeskanzler Schröder) zum nötigen diplomatischen wie politischen Alltagsgeschäft gehört, wissen wir von jedem Elternpaar, dass alle Kinder irgendwann lügen, flunkern oder schlichtweg übertreiben, also einfach nicht die Wahrheit sagen. Die Lüge als Kommunikationsmittel wird von jedem Menschen völlig selbstverständlich erlernt und ist demzufolge auch bei Erwachsenen durchaus gängige Praxis. Wieviel mehr eben auch in Partnerschaften sowie im alltäglichen Kontaktdschungel.

Doch gerade Offenheit und Ehrlichkeit wird vorwiegend in Beziehungen gefordert, als Muß im täglichen Miteinander, als Ikone partnerschaftlichen Verhaltens. Für viele ist es eindeutig; eine Lüge erschüttert grundsätzlich das Vertrauensverhältnis, ohne Rücksicht auf die Gründe. Eine Lüge ist immer eine verwerfliche Angelegenheit.
Kaum bewusst wird dabei aber, dass ein bestimmtes Gefühl durch verlangte Offenheit und Ehrlichkeit kaum noch Bedeutung hat: das Vertrauen.

Wer einen Menschen durch und durch kennt kann sein eigenes Vertrauen auf ein absolutes Mindestmaß reduzieren; kann Gedanken an Vertrauen über Bord werfen und wird kaum gewahr, dass Vertrauen ein freiwilliges und mühseliges Entgegenkommen ist. Wer fordernd uneingeschränkt am Gedankengut des Anderen Anteil hat weiß um seine eigene Sicherheit und macht sich keine „Vertrauensmühe“.

Deshalb ist geforderte Ehrlichkeit vom Partner nichts weiter als  Selbstbetrug; die Lüge nämlich wäre in einem solchen Falle ein „Vertrauensbruch“; ohne Rücksicht auf die Gedanken, dem Gefühl und der Motivation des Anderen. Es läßt ihm keinen Platz für eigene Interpretationen,  eigene Wahrheitsdefinitionen, schon gar nicht eigenes Empfinden, wenn Wahrheit fehl am Platze ist. Ehrlichkeit und Offenheit fehldefiniert; in Wirklichkeit nichts anderes als Kontrolle, Durchschaubarkeit und Berechenbarkeit als Sicherheit im zwischenmenschlichen Miteinander. In Verbindung mit Kontrolle ergibt sich sogar die perfideste aller zwischenmenschlichen Eigenarten: Besitzanspruch.

Ehrlichkeit und Offenheit sind zwar für einen jeden selbst erstrebenswerte Vorgaben, nach denen man leben sollte. Als Dauer-Anforderung gegenüber dem Partner jedoch sind es keine Werte, sondern schlichtweg Angst vor der möglichen Unberechenbarkeit des Anderen, Angst vor der Verletzung der eigenen Sicherheitszone; letztendlich Angst vor der Verletzung einer mühselig aufgebauten „heilen Welt“.

Erst das von solchen fehlinterpretierten Werten freie, individuelle, und voraussetzungslose Vertrauen macht den Menschen wirklich frei und hat den entsprechenden Wert im zwischenmenschlichen Miteinander. Erst dann kann man von Vertrauen, von Freiheit im eigentlichen Sinne sprechen.